„Ich bin ein Sammler“

Max von Thun im Interview

published: 01.03.2007

Max von Thun, Sohn des bekannten Schauspielers Friedrich von Thun, ist selbst Mime und Musiker (Foto: Public Address) Max von Thun, Sohn des bekannten Schauspielers Friedrich von Thun, ist selbst Mime und Musiker (Foto: Public Address)

Max von Thun, Sohn des bekannten Schauspielers Friedrich von Thun, ist selbst Mime und Musiker. Er wirkte in Kinofilmen wie "Samba in Mettmann" oder "Mädchen, Mädchen 2 – Loft oder Liebe" und zahlreichen Fernsehproduktionen mit. Außerdem ist er Sänger und Gitarrist der Band 77. Am 4. und 5. März 2007 wird der 29-Jährige jeweils um 20.15 Uhr in der ARD im Historien-Zweiteiler "Die Flucht" zu sehen sein. An der Seite von Maria Furtwängler spielt von Thun den Grafen Ferdinand von Gernstorff, der gegen seinen Willen an die Front ziehen muss. Der junge Graf zerbricht an diesen Eindrücken und begeht Fahnenflucht. Im Hause seiner Eltern bemerkt sein älterer Bruder Ferdinands Vergehen und will ihn melden. Doch Ferdinand kommt ihm zuvor und begeht vor den Augen seines Bruders und seiner Cousine Selbstmord.

Im Interview spricht von Thun über das unterschiedliche Altern bei Männern und Frauen, seine aristokratische Herkunft und darüber, dass er seine Kollegin Maria Furtwängler erotisch findet.

Sie gehören selbst zu einer Generation, die nicht mehr direkt vom Zweiten Weltkrieg betroffen ist. Sind Sie vorher schon einmal mit dem Thema in Berührung gekommen?
"Meine Familie war betroffen von dieser ganzen Problematik in Sudetendeutschland. Meine Vorfahren kommen aus Böhmen. Als die Deutschen dort einmarschiert sind, hat man meinen Großvater gefragt, warum sie die tschechische Staatsbürgerschaft haben und nicht die deutsche, obwohl sie doch deutsch sprechen. Das war über eine lange Zeit eine so unangenehme Form der Bedrohung, dass mein Großvater irgendwann eingewilligt hat, dass die ganze Familie die deutsche Staatsangehörigkeit annimmt – vor allem, um die Kinder zu schützen. Als der Krieg dann vorbei war und die Deutschen weg waren, sind die Tschechen gekommen und haben sie ins Arbeitslager gesteckt. Da ist meine Familie auf den letzten Drücker, bevor alle Grenzen zugemacht wurden, noch nach Österreich zu Verwandten geflohen. Diesen Teil kenne ich von der Geschichte meiner Familie. Grundsätzlich finde ich es aber sehr schön, durch die Vorbereitung auf historische Projekte seinen Horizont erweitern zu können – auch wenn das Geschehene nichts mit der eigenen Geschichte zu tun hat."

Man konnte damals nur das Nötigste mitnehmen. Was wäre das bei Ihnen?
"Wenn ich jetzt wirklich gehen müsste und nur das mitnehmen könnte, was ich tragen kann, würde die Aktion entweder daran scheitern, dass ich unter dem Gewicht zusammenbreche oder ich gar nicht loskommen würde, weil ich mich nicht entscheiden kann. Ich finde die Vorstellung furchtbar! Ich bin ein Sammler und leider viel zu verankert, um zu sagen, ich könnte jederzeit einen Rucksack packen und abhauen."

Was würden sie auf jeden Fall auf eine Flucht mitnehmen?
"Mindestens eine Gitarre, um abends am Lagerfeuer Musik zu machen. Und zusätzlich zur Gitarre würde ich meine Kreditkarte mitnehmen."

Wie wichtig ist Ihnen die Musik?
"Ich habe eine Band und mache sehr viel Musik. Ich habe zu Hause auch ein kleines Studio und verbringe einen Großteil meiner Freizeit in diesem kleinen Zimmer, schreibe Lieder, nehme Lieder auf und arbeite mit Freunden zusammen daran. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt in meinem Leben."

Haben Sie nicht auch ein neues Album?
"Naja, das klingt so, als wären schon so viele da. Ich habe meine erste Platte aufgenommen, die man auf meiner Homepage hören und kaufen kann. Ich habe sie, was mir oft schon als überheblich unterstellt wurde, "Greatest Hits Vol. 1" genannt, weil es meine bisher besten Lieder sind. Das ist ein Wunsch, den ich mir da selber erfüllt habe. Ich muss jetzt ernsthaft anfangen, bei Plattenfirmen hausieren zu gehen und zu schauen, ob sie einmal in Regale im Musikladen kommt."

Ihre Figur Ferdinand kommt aus einer Adelsfamilie wie Sie auch. Gibt es Parallelen hinsichtlich der Etikette, die in diesem Stand gewahrt wird?
"Ich bin mit gewissen Regeln erzogen worden, die mir selber sehr wichtig sind und die ich als selbstverständlich sehe. Ich erkenne sie aber auch bei vielen Freunden, die nicht aristokratisch sind. Ob das wirklich ein aristokratisches Attribut ist, zuvorkommend zu sein oder die Tür aufzuhalten oder jemandem in den Mantel zu helfen, wage ich zu bezweifeln. Ich habe prinzipiell sehr früh versucht, mich aus dieser ganzen aristokratischen Schiene auszuklinken. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, einen Siegelring zu tragen, um zu zeigen, dass ich aristokratisch bin. Was ich de facto auch gar nicht mehr bin, denn das ist ein österreichischer Titel und der ist abgeschafft worden. Insofern hätte ich gar kein Recht, irgendeinen Titel zu tragen. Meine Form der Aristokratie findet im Kopf statt, weil ich die Familienchronik ganz gut kenne und mir das wichtig ist. Da sind einfach Vorfahren dabei, die tolle Sachen gemacht haben. Darauf bin ich stolz."

Dann gibt es Idole in der eigenen Familie?
"Ja, mein Großvater hat beispielsweise einmal ein ganzes Dorf gerettet. Er hat, wie damals Herr Schindler, den Nazi-Offizieren eine ganze Nacht lang seinen Weinkeller geöffnet und sie abgefüllt. Dabei hat er ihnen ausgeredet, an einem kleinen Dorf ein Exempel zu statuieren. Das finde ich bemerkenswert, dass jemand auf Menschen, die er verabscheut, eingeht, und irgendwie einen Weg findet, sie von etwas abzuhalten, was gegen seine Überzeugung ist. Wenn Thunische Bischöfe im 17. Jahrhundert in Wien und Salzburg hingegen irgendein schönes Gebäude gebaut haben, macht sie das nicht zwingend zu einem Idol."

Verbindet Sie sonst noch etwas mit Ihrer Filmfigur?
"Nein, aber ich suche in den Rollen nicht nach Parallelen. Im Gegenteil, ich suche nach den Unterschieden, weil ich das spannender finde. Je mehr Parallelen eine Rolle hat, desto langweiliger kann es werden. Es ist dann so nah an meinem Leben, dass ich nicht das Gefühl habe, irgendwen zu verkörpern, sondern mich selber zu spielen. Dann bekommt es etwas Absurdes."

Können Sie sich vorstellen, sich wie Ferdinand als letzte Alternative das Leben zu nehmen?
"Ich war nie in so einer ausweglosen Situation, dass man zu diesem letzten Mittel greifen würde und sich das Leben nimmt. Ich war Gott sei Dank auch nie im Krieg."

Waren Sie bei der Bundeswehr oder haben Sie Zivildienst gemacht?
"Ich bin ausgemustert worden. Deshalb habe ich so eine Sympathie für den Ferdinand. Der ist mit Sicherheit nicht freiwillig zum Militär gegangen, sondern weil sein Vater gesagt hat: `Da führt kein Weg dran vorbei, das ist ein Teil vom Patriotismus.´ Es fällt mir sehr leicht, ihn zu verstehen, wenn er davon redet, wie sinnlos dieses Abschlachten im Krieg ist und wie brutal. Ich habe Schwierigkeiten mit der Idee, für mein Land, was auch immer das sein mag, einen Teil meines Lebens zu opfern – und wenn es die Zeit beim Bund ist. Während dieser Zeit tut man nichts für sich, nur um mit einem Gewehr in einem Schützengraben, sei es nur zur Übung, zu liegen und herumzurobben. Ich habe zum Beispiel von meinem Taufpaten ein Luftgewehr geschenkt bekommen, als ich acht oder neun Jahre alt war. Ich bin ein sehr guter Schütze, wenn es hart auf hart käme, könnte ich mich auch ohne militärische Ausbildung zumindest verteidigen. Gott sei Dank bin ich ausgemustert worden und konnte während dieser Zeit durch Europa reisen. Das hat mir wesentlich mehr gebracht."

Wo waren Sie da?
"Ich habe mit meiner damaligen Band in einem VW-Bus gewohnt und wir sind wirklich durch ganz Westeuropa gefahren. Über ein Jahr haben wir an Stränden und auf Marktplätzen musiziert und so unser Geld verdient."

Ferdinand ist verliebt in seine Cousine Lena, die von Maria Furtwängler gespielt wird. Können Sie ihn verstehen?
"Ob ich verliebt in Maria Furtwängler war oder bin? Ich finde das, was sie macht, grandios. Sie ist eine sehr erotische, spannende Frau, in ihren Rollen und privat. Das zu spielen war keine große Überwindung. Im Film ist das aber eher eine Schwärmerei, ein Spaß zwischen den Brüdern."

Kennen Sie das, Konkurrenz zwischen Geschwistern?
"Ich habe eine Schwester. Insofern kam es bei solchen Geschichten selten zu Konkurrenzfällen, weil wir beide heterosexuell sind."

Und sonst? Konkurrenz den Eltern gegenüber zum Beispiel?
"Wir sind uns beide ziemlich ähnlich, meine Schwester und ich. Wir haben zu beiden Elternteilen einen sehr guten Draht. Es gibt sicherlich Phasen in der Pubertät, in denen man ein bisschen fixiert auf einen Elternteil ist, aber das hat sich ausgeglichen. Heute stelle ich da keine Unterschiede in der Beziehung zu meiner Mutter oder meinem Vater fest."

Ihr 30. Geburtstag steht bevor. Ist das ein besonderes Datum oder ein Geburtstag wie jeder andere?
"Ich habe keine Probleme mit dem Älterwerden und mit der Tatsache, dass plötzlich eine Drei vorne steht. Ich glaube, dass das ein Thema ist, das Frauen vielleicht mehr beschäftigt, oder nicht?"

Das würde ich nicht so verallgemeinern.
"Nein? Ich habe noch nie ein enges Verhältnis zu Geburtstagen gehabt. Ich fand sie immer eher mühsam. Das ist wie mit Silvester. Alle machen ein Trara um diesen Tag, obwohl es einfach nur ein ganz normaler Tag im Jahr ist. Man hat einfach ein Jahr mehr auf dem Buckel, aber das bahnt sich ja das ganze Jahr über an. Eigentlich finde ich es spannend, älter zu werden, weil man mehr erlebt hat und vielleicht weiser und reifer ist."

Haben Sie das erste graue Haar schon entdeckt?
"Nein, aber auch nicht gesucht. Vielleicht ist da ja schon eins, keine Ahnung. Und selbst, wenn das so wäre – ich finde, als Mann kann man ganz anders altern. Wenn ich zum Beispiel bei der Golden-Globe-Verleihung Clint Eastwood sehe, finde ich ihn einfach cool. Wenn ich mir überlege, wie viele Männer sich heute in geistiger Verwirrung irgendwelche Cremes ins Gesicht schmieren und mehr Zeit als ihre Freundin im Bad verbringen… Diesen Körperkult finde ich furchtbar. Als Mann kann man ruhig altern und auch früh alt ausschauen."

Als Frau nicht?
"Doch, aber Frauen sehen das mit Sicherheit anders als ein Großteil der Männer. Frauen leiden, glaube ich, schon ein bisschen mehr unter altersbedingtem körperlichem Verfall oder Verwandlungen."

Sind alte Frauen denn hässlich und alte Männer hübsch?
"Nein! Dabei geht es ja auch nicht um mein Empfinden, sondern um die, die sich in der Situation befinden. Es gibt irrsinnig aufregende, attraktive alte Frauen, und es gibt auch sehr spannende alte Männer. Ich denke nur, in der Wahrnehmung sich selbst gegenüber haben Frauen mehr Probleme mit dem Älterwerden."

Was wird man in der nächsten Zeit von Ihnen hören? Werden Sie versuchen, Ihr Album an die Firma zu bringen?
"Das ist auf jeden Fall ein Ziel. Gleichzeitig bastele ich jetzt schon seit den Weihnachtsferien an neuen Liedern. `Greatest Hits Vol. 2´ ist in Mache. Im März ist erstmal die Ausstrahlung von `Die Flucht´ und es kommen gerade die ersten Angebote für Filmprojekte. Da werde ich schauen, was ich mache, weil ich das Bedürfnis habe, das Niveau meiner aktuellen Filme zu halten. Ich sehe dem Jahr gespannt entgegen, irgendwas passiert schon."

[Franzisca Teske]

Links

www.maxvonthun.com
www.ard.de
Hompepage des Films.

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