Kein Testosteron-Rap

Samy Deluxe im Interview

published: 26.03.2014

Samy Deluxe hat Pointer verraten, worauf es beim Flow ankommt (Foto: Public Address) Samy Deluxe hat Pointer verraten, worauf es beim Flow ankommt (Foto: Public Address)

Samy Deluxe hat mit "Männlich" ein neues Album am Start. Darauf rappt der 36-Jährige über Integrationsbambis, Penisse und Menschenrechtler. Pointer sprach mit dem HipHopper über seine harten und weichen Seiten sowie über das Image und das Können von Rappern. Der Hamburger erklärt, warum viele deutsche Gangsta-Rapper für ihn in den Kindergarten gehören, wie man als Nachwuchsmusiker am besten Fuß fasst und warum er das Angebot ausschlug, bei der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" in der Jury zu sitzen.

Für die Single "Halt dich gut fest" hast Du mit den Fantastischen Vier zusammengearbeitet. Im Video helfen die Jungs Dir beim Boxenstop. Haben sie überhaupt Ahnung von Autotechnik?

Samy Deluxe: "Smudo ist auf jeden Fall Rennfahrer. Der hat sogar schon öfter 24-Stunden-Rennen mitgemacht. Und ich glaube, Thomas ist auch so. Er wohnt ja gleich um die Ecke vom Nürburgring und ist auch ein kleiner Hobby-Rennfahrer."

Welche Beziehung hast Du selbst zu Autos?

"Ich fahr gerne Auto und ich fahr auch gerne schnell, wenn es denn kein Speedlimit gibt und die Autobahn leer ist. Aber dieses Rennwagen-Ding ist dann doch nicht so ganz meins. Man sitzt da super nah am Boden und alles ist ruckelig und die Sitze sind unbequem. Ich mag große Autos lieber und fahre einen SUV. Wichtig sind mir gemütliche Sitze, eine Freisprechanlage und eine Bluetooth-Verbindung zu meinem Telefon, damit ich meine Musik schön laut hören kann."

Wie viele Autos hast Du?

"Man kann eh nicht mehr als ein Auto zurzeit bewegen. Daher finde ich es Schwachsinn, mehr als ein Auto zu haben. Es gab mal eine Zeit, in der ich mehr Wert auf materiellen Dinge gelegt habe, die nach außen repräsentieren, wie Autos, Schmuck und so. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht wirklich meins ist. Ich definiere mich als Mensch und als Mann eher über mein Machen. Das ist es, worauf ich stolz bin."

Samy Deluxe feat. Die Fantastischen Vier - Halt dich gut fest Samy Deluxe feat. Die Fantastischen Vier - Halt dich gut fest | Die Single "Halt dich gut fest" ab jetzt | iTunes: http://bit.ly/1dyn4Zz | Amazon digital: http://amzn.to/1fhxhP9 | Das Album „Männ Samy Deluxe feat. Die Fantastischen Vier - Halt dich gut fest

Samy Deluxe feat. Die Fantastischen Vier - "Halt dich gut fest"

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Wofür gibst du Dein Geld aus?

"Ich habe einen Sohn in einer Privatschule in Amerika. Das kostet super viel Geld. Und ich bin natürlich Musik-Liebhaber. Am meisten Geld gebe ich für Musikinstrumente, Equipment, Platten und CDs aus, weißt du. Und für Kram wie Superhelden-Figuren, die ich mir ins Studio stelle und die mich dann inspirieren. Ironman ist auf jeden Fall einer meiner Helden. Ich habe auch noch Ted, diesen Bären aus dem Mark-Wahlberg-Film, und viele richtig alte 'Star Wars'-Sachen. Und seit Neuestem habe ich auch eine geile Karl-Lagerfeld-Plastikpuppe. Er hält seine Katze auf dem Arm. Ein richtig cooles Ding von einem japanischen Designer."

Was gefällt Dir an Lagerfeld?

"Karl Lagerfeld ist einfach ein geiler Typ, weil er so ein super Selbstdarsteller ist. Wenn der redet, ist es auf jeden Fall witzig. Der hat ein geiles Riesen-Ego, aber vieles davon, was er sagt, ist auch sehr fundiert. Das ist nicht nur Blabla. Außerdem hat er natürlich auch noch sein Hamburg-Ding am Laufen."

In "Halt dich gut fest" beschwerst du dich humorvoll darüber, dass Leute Deine Musik einfach aus dem Netz ziehen. Sind illegale Downloads im Zeitalter von Streaming-Diensten denn noch ein Thema?

"Nicht so wie damals, nee. Aber es geht mir um Wertschätzung. Die fehlende Wertschätzung von Kunst wird, glaube ich, immer mehr Thema. Für mich ist es wirklich das Allergrößte, wenn ein geiles Album von jemandem rauskommt und ich es dann in der Hand halte. Ich lese dann auch die Credits und gucke, wer welches Lied produziert hat und so."

Wie lautet dein Tipp für Nachwuchs-Musiker?

"Ich halte es am Anfang für ganz wichtig zu lernen, viel aufzusaugen, und zuzugucken, was andere Leute richtig oder falsch machen. Ich treffe oft junge Musiker, die noch ganz klein sind, aber schon Riesen-Egos haben. Und dann fragen die mich als erfahrenen Künstler etwas und ich fange an zu antworten. Aber nach einem Satz unterbrechen sie mich schon und sagen: 'Bei mir ist das ja so-und-so.' Ich dagegen habe die ersten zehn Jahre meiner Karriere die Fresse gehalten und zugehört und mich geehrt gefühlt, wenn ich mit Leuten umgeben war, die das schon länger machten. Man hat heute wegen des Internets viel mehr Möglichkeiten zu recherchieren. Ich musste mir früher jede Information über Rap und HipHop-Kultur von amerikanischen oder britischen HipHop-Magazinen holen. Ich bin noch nach England gefahren, um überhaupt eine Baggy Pants zu bekommen, weißt du! Das war früher halt so. Aber ich glaube, das es heute immer noch wichtig ist, sich viel Wissen über die Kunstform anzueignen, die man betreiben und repräsentieren will."

Wie sieht der nächste Schritt aus?

"Dann sollte man versuchen, seinen eigenen Stil zu finden. Man muss sich von anderen abheben. Viele Leute checken das nicht. Die rappen genau wie alle anderen und denken, nur weil sie jetzt Peter heißen, reicht das schon. Nee, man muss wissen: Worüber will Peter rappen? Warum hat er eine Berechtigung neben den Tausenden anderen Rappern da draußen? Warum soll ich jetzt Peter zuhören? Sag mir das! Man muss irgendetwas haben, was die Anderen nicht haben. Und denn kann man sich heutzutage leicht seine eigenen Kanäle aufbauen. Über YouTube und über Facebook und die ganzen virtuellen Welten kannst du aus deinem Wohnzimmer heraus super viele Leute erreichen. Es ist eine ganz gute Zeit heutzutage, um als Newcomer an den Start zu kommen."

Was hältst du von Cro?

"Ja, der ist ein vorbildliches Beispiel dafür, wie man es selber machen kann. Der hat die Leute bedient, die 16 bis 18 sind und abfeiern. Er ist offen mit allem umgegangen. Statt das Rap zu nennen und sich dann innerhalb der Szene der Diskussion auszusetzen, ob das zu poppig ist, hat er gleich gesagt: 'Ich nenne das Raop - Rap und Pop'. Der Song 'Easy' war ein cooles Statement für einen Rapper, den man nicht kannte."

Auf Deinem Album "Männlich" setzt Du Dich mit Geschlechterrollen auseinander – und all den Vorurteilen, Schubladen und Klischees, die das Thema mit sich bringt. Wieso hast Du es gewählt?

"'Männlich' ist ein Superlativ, ein Wort wie 'derbe' oder 'krass'. Und ich habe gemerkt, dass ich 36 bin und seit 18 Jahren auf der Bühne stehe. Ich bin sozusagen als Rapper in den Volljährigen-Modus gekommen. Als ich das erste Mal mit 18 auf der Bühne stand, war ich zwar legal ein Mann. Heute denke ich, dass ich damals ein kleiner Junge war, weil ich so viel noch nicht wusste."

Samy Deluxe (10 Bilder)

Samy Deluxe
Samy Deluxe
Samy Deluxe
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Männlichkeitswahn ist ja gerade im HipHop ein Thema. Einige Rapper präsentieren sich quasi als Maskulinitätsextrem. Wie positionierst du dich da?

"Heutzutage gibt es so viel Testosteron-geladenen Männer-Rap, dass es gerade deshalb interessant für mich war, mein Album 'Männlich' zu nennen. Aber in dieser Verpackung steckt eben etwas anderes drin, als ein dummer Mensch erwarten würde. Bei mir heißt es nicht: 'Ich steh im Club und zehn Bitches sind um mich rum'. So ein Gelaber gibt es bei mir schon mal gar nicht. Für mich lautete die Fragestellung: 'Was ist männlich?' Ich hatte Spaß daran, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu behandeln. Ich bin nicht der prädestinierte 'GQ-Mann des Jahres'-Typ. Ich bin auch nicht der prädestinierte Gangsta-Rapper. Ich bin irgendwo zwischen den ganz harten Harten und den soften Softies. Wenn ich mich inhaltlich mit dem Thema Frauen und Männer auseinandersetze, ist es entweder humorvoll oder so reflektierend ehrlich, wie ich es eben in meinem Leben gelernt habe."

Wie sieht denn eine von Deinen "Softie"-Seiten aus?

"Ich bin nicht der Gruppen-Typ, der mit Kollegen saufen geht, und es mag, wenn sich am Ende alle besoffen im Arm halten und erzählen, wie man sich liebt. Viele von den Sachen, die man mit anderen Männern machen muss, mag ich nicht wirklich. Ich bin auf jeden Fall jemand, der Gefühle zulassen kann. Ich kann am Ende eines Films auch heulen. Ich habe generell Zugang zu meiner Gefühlswelt und kann damit auch nach außen hin umgehen. Aber das haben viele Künstler, glaube ich. Mit 'Künstler' meine ich nicht Rapper. Viele Rapper sind für mich keine Künstler. Nur weil du Musik machst, bist du kein Künstler. Aber jemand, der seinen Alltag mit seinem kreativen Output zubringt, der schon, und das kann auch ein Rapper sein."

Wie präsentiert sich ein Rapper klassischerweise nach außen?

"Ein Rapper ist im Gegensatz zum Sänger immer defensiv. Sänger stehen ja quasi mit ausgebreiteten Armen auf der Bühne, weil sie für ihr Stimmvolumen den Körper aufmache müssen. Wenn ich als Rapper auf der Bühne stehe, habe ich im Gegenteil so eine Haltung, als wenn ich gleich in einen Boxkampf gehe. Die eine Hand nach vorne, gestikulierend. Das gehört einfach zum Klischee und es ist auch etwas, das ich mag. Ich mag dieses Bild von einem großen, männlichen Rapper, der optisch was hermacht und cool aussieht, und der dann mit lauter Stimme und sehr viel Rhythmik und Flow auch was zu sagen hat. Cro ist optisch super androgyn, was ich auch verstehen kann und gut finde. Das ist auch cool, aber das bin eben nicht ich."

Wie siehst du Eminem in diesem Spannungsfeld?

"Eminem ist einfach der krasseste Schauspieler-Dude. Rein von seiner Statur her gibt es coolere Typen als ihn. Trotzdem ist er wirklich einer meiner großen, großen Vorbilder, weil wenige Leute Sprache so unkonventionell und trotzdem für alle verständlich benutzen wie er."

Er kann ja auch ziemlich schnell rappen, wie Du auch. Das hört man auf der aktuellen Single "Halt dich gut fest". Wie funktioniert das?

"Man muss gucken, welche Worte gut von Zunge und Lippe gehen. Wenn ich jetzt rappe: 'Denn ich bin noch immer hier der allerletzte, allerbeste...', dann ist da nirgendwo ein 'Sch', 'Ch' oder 'Pf' drin, weißt du. Es sind klare Silben.
Ich sehe Rap irgendwo zwischen Percussion und Trompete. Als Rapper macht man Töne wie eine Trompete, und das, was da rhythmisch rauskommt, muss sich auf dem Knie trommeln lassen. So war es zumindest früher. Jetzt kann ich teilweise als Rapper etwas mit dem Mund machen und komme mit den Händen nicht mehr hinterher. Es geht nicht darum, Rekorde zu brechen, aber ich hab wirklich schon ein paar Sachen gemacht, die fast für keinen anderen machbar sind, in Deutschland auf jeden Fall nicht. Und auch international gibt es nicht viele, die so divers rhythmisch an das Rap-Ding rangehen. Eminem ist einer von denen, der eben alles kann, auch Off-Beats und solche Sachen. Dagegen sind viele deutsche Gansta-Rapper rhythmisch echt Kindergarten, wenn du nur auf den Flow der Silben hörst. Gegen die ist 'Backe, backe Kuchen' funky!"

Wie erklärst du dir denn, dass Leute wie Bushido immer noch irren Erfolg haben?

"In Deutschland wird man oft leichter über einen Skandal als über Qualität bekannt. Als Gangsta-Rapper nutzt du den Schock-Faktor als Aufhänger. Es geht meistens darum, dass A beispielsweise B beleidigt und dann beleidigt B A zurück. Ein halbes Jahr später sind A und B wieder best friends, dissen aber C. Es wechselt sich immer ab, wer gerade Beef miteinander hat. Nie geht es aber darum, wie toll jemand gerappt hat oder welchen Flow er in der dritten Strophe ausprobiert'."

Wieso funktioniert das immer noch?

"Es hat seine Berechtigung, weil es viele Leute gibt, die sich von ihrer sozialen Situation her dadurch repräsentiert fühlen. Die denken, dass es für sie in ihrem Viertel nur eine Möglichkeit gibt, Geld zu machen, und die ist, Drogendealer zu werden. Deshalb können sie sich mit dem Lifestyle, der auf den Gansta-Rap-Platten existiert, identifizieren. Auch rich kids können sich vorstellen, wie es wäre, wenn ihre Eltern nicht beide einen Benz hätten, sondern ihr Leben total hart wäre und sie etwas Krasses zu erzählen hätten. Diese Anziehung üben ja auch Gangsterfilme wie 'Scarface' aus."

Samy Deluxe (15 Bilder)


Du schaffst es irgendwie, sowohl bei jungen Leuten authentisch rüberzukommen als auch von den Älteren respektiert zu werden. Wie erklärst Du Dir das?

"Ich habe wohl immer Glück gehabt. Ich war ein paar Jahre im Untergrund und hatte dann echt eine Zeit, wo ich wirklich sowohl der Kredibilste als auch einer der kommerziell Erfolgreichsten war. Das ist natürlich ganz cool. Viele der Jüngeren sind aber nicht als meine Fans zum HipHop gekommen, sondern eben als Bushido-Fan, Kollegah-Fan, Cro-Fan usw. Ich mach mir da allerdings nicht so viele Gedanken drüber. Ich freue mich einfach, dass Leute meine CDs kaufen und in meine Konzerte kommen. Und falls es irgendwann nicht mehr so sein wird, dann werde ich trotzdem nicht krampfhaft ein Gangsta-Rapper werden. Es geht mir darum, kredibil zu bleiben. Ich sage auch Anfragen für TV-Formate ab, wo ich in einer Casting-Show-Jury sitzen soll."

"DSDS" hast Du abgesagt?

"Ja. Solche Sachen mache ich nicht. Obwohl ich weiß, dass ich dadurch eine viel größere Öffentlichkeit haben würde und mindestens 500 Leute mehr zu jeder Show kommen und ich ein paar 10.000 oder 100.000 Platten mehr verkaufen würde. Aber dafür ist mir der Preis zu hoch. Das würde mein Leben nicht besser machen, nur die Zahlen auf dem Konto."

Was ist für Dich Erfolg?

"Für viele Musiker besteht Erfolg aus Chartpositionierung und Platinplatten. Aber diese Parameter hat ja irgendwer anders erfunden, weißt du. Das war nicht ich. Ich bin nicht als Kind aufgewacht und hab gesagt: 'Ich will später eine goldene Schallplatte!' Ich hab als Kind gesagt: 'Ich will später Musik machen!' Und in letzter Zeit habe ich gemerkt: Meine Definition von Erfolg ist nicht Haben, sondern Können. Alles, was man materiell hat, kann einem weggenommen werden. Aber was man kann, das kann einem keiner mehr wegnehmen. Jedes Talent, das ich mir antrainiert habe, oder jede Seite meiner Persönlichkeit, die ich entwickeln konnte, seitdem ich diesen Job habe, die wird mir die nächsten zehn, zwanzig Jahre helfen, weiter mit Musik Geld zu verdienen."

Tourdaten:

Samy Deluxe - Live 2020

Samy Deluxe - Live 2020

Ende der 90er lehnte, der Sage zur Folge, ein Major Label AR das Dynamite Deluxe Demo mit der Begründung ab, dass sie noch nicht das Gewisse Etwas hätten. Gut 20 Jahre, 13 Alben, unzählige Mixtapes und ca. eine Milliarde legendäre Features später hat der Wickeda MC bewiesen, dass er als Kind in einen Topf Gewisses Etwas gefallen sein muss. Aber zurück zum Anfang. Anno 1997: Statt den Kopf in den Sand zu stecken bringen Jan Delay, Samy Deluxe, DJ Dynamite und Tropf das Dynamite Deluxe Demo ... mehr

Sa, 15.08.2020 20:00

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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