Gepflegte Hände mit schönen Nägeln gelten als persönliche Visitenkarte (Foto: Tamara83/shutterstock.com)Seit dem Altertum geben die Menschen Salz an ihre Speisen (Foto: Public Address)Die positive Wirkung von Hühnersuppe ist wissenschaftlich bewiesen (Foto: shutterstock.com/annata78)Am 19. September spielen die Gäste vom HSV im Millerntorstadtion gegen den FC St. Pauli (Kollage: Public Address)Dr. Karin Anderson berät Unikosmos-Userin Susan (Foto: Public Address)Natürlich schön dank Bio-Kosmetik (Foto: Public Address)Fernsehkoch Tim Mälzer ist der erste, der sein Vielfalts-Rezept präsentiert (Foto: Public Address)

TK-Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Nah am Wasser gebaut?

published: 16.09.2010

Dr. Karin Anderson informiert über "Weiner" und "Nichtweiner" (Foto: Sviatlana Kandratsik/shutterstock.com) Dr. Karin Anderson informiert über "Weiner" und "Nichtweiner" (Foto: Sviatlana Kandratsik/shutterstock.com)

Unikosmos-Userin Denise gehört zu den Menschen, denen leicht die Tränen kommen - auch in Situationen, in denen ihr das peinlich ist. Was kann sie dagegen tun? Im Hilfe-Forum von Unikosmos wendet sie sich an Dr. Karin Anderson, Expertin der Techniker Krankenkasse.

Dr. Karin Anderson lebt im US-Bundesstaat Maine. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und hat eine Zusatzausbildung für psychotherapeutische Medizin. Als Forenexpertin für Unikosmos und die Techniker Krankenkasse berät sie unsere User kostenlos. Wenn du unserer Expertin ein Problem schildern möchtest oder eine Frage stellen willst, tue dies jederzeit gerne im Hilfe-Forum.

Denise fragt:

"Hallo Dr. Anderson, ich habe ein peinliches Problem: Wenn ich etwas Rührendes oder Trauriges erzählt bekomme oder lese oder im Fernsehen sehe, muss ich weinen. Mir laufen dann einfach die Tränen runter, ohne dass ich etwas dagegen machen kann, auch wenn andere Menschen dabei sind. Das ist mir sehr unangenehm. Das passiert auch, wenn ich emotional gar nicht besonders beteiligt bin, etwa bei Kinofilmen oder sogar auch ganz extrem bei Fußballspielen, wenn z.B. die Hymnen gespielt werden oder jemand ein Tor geschossen hat und sich total freut. Gibt es ein Medikament, das ich dagegen nehmen kann oder eine Strategie, die ich anwenden kann, damit das nicht mehr passiert oder wenigstens besser wird? Manchmal ist dieses Heulen gegen meinen Willen nämlich das totale No-Go, etwa in meinem Job.
Danke für die Antwort
Denise."

Dr. Karin Anderson antwortet:

"Hallo, Denise,
Deine Frage interessiert mich sehr, denn ich selbst gehöre auch eher zu den 'Weinern'. Sie ist aber leider gar nicht so einfach zu beantworten, denn überraschenderweise haben Wissenschaftler bisher keine schlüssige Erklärung für die Ursache emotionaler Tränen gefunden! Und nicht nur das - es gibt bisher auch keine wirklich überzeugende Erklärung dafür, warum der Mensch - als einziges Säugetier - überhaupt zu einem Kommunikationsverhalten wie emotionalen Tränen in der Lage ist, und welchen evolutionären Vorteil eine weinende Spezies hat.

Unterschiedliche Tränen
Es gibt drei verschiedene Tränentypen, die alle über die gleichen Nerven,- Rezeptor,- und Transmitterstrukturen ablaufen. Die sogenannten basalen Tränen dienen der Reinigung, Befeuchtung und Ernährung der Hornhaut. Reflektorische Tränen schießen uns ins Auge, wenn wir einen starken physischen Schmerz erleben, aber auch wenn wir heftig niesen oder uns erbrechen müssen.

Während basale Tränen über das autonome Nervensystem reguliert werden und reflektorische Tränen auf körperliche Stimuli reagieren, werden emotionale Tränen durch Reize aus unserem sozialen Umfeld ausgelöst. Sie haben gegenüber den beiden Tränentypen eine etwas unterschiedliche chemische Zusammensetzung und zeichnen sich durch höhere Protein-, Prolaktin-, Mangan-, Kalium- wie auch Serotoninkonzentrationen aus.

Ratlose Wissenschaft
Während der Gesichtsausdruck 'Weinen' als optisches Signal in allen Kulturen der Welt unmittelbar verstanden wird, sind bis heute alle Versuche einer wissenschaftliche Erklärung dieses Phänomens, seines Sinns und Nutzens, ergebnislos geblieben. Alle bisherigen Hypothesen - etwa: Tränen lösen Mitgefühl und Zuwendung in der sozialen Gruppe aus, dienen der emotionale Entlastung, dem Ablassen von Spannung, oder auch der Ausscheidung von Abfallprodukten - sind nicht wirklich wissenschaftlich stichhaltig.

Die biochemische Eliminationstheorie ist deswegen nicht sehr überzeugend, weil die Menge an Stoffwechselprodukten, die über die Tränenflüssigkeit ausgeschieden wird, viel zu gering ist, um wirklich ins Gewicht zu fallen. Menschen weinen auch dann, wenn sie ganz allein sind, und oftmals ist ihnen, wie dir, ihr 'Überströmen' in Gegenwart anderer außerordentlich peinlich. Tränen lösen auch keineswegs generell freundliche oder anteilnehmende Reaktionen in der Umgebung aus. Wer leicht zu Tränen neigt, wird möglicherweise als 'Heulsuse', oder 'zu nah am Wasser gebaut' verspottet.

Soziale Konsequenzen
Gegenüber Fremden, in der Uni oder am Arbeitsplatz, in einem Umfeld, wo wir gern selbstbewusst, sachlich und kompetent auftreten wollen, ist so ein 'tearing up' keinesfalls erwünscht und kann, im Gegenteil, zu demütigenden Situationen oder, schlimmstenfalls, sogar nachteiligen Konsequenzen führen. Wer von uns hat außerdem nicht schon einmal erlebt, wie emotional aufgewühlt - und erst recht geladen - wir uns nach einem heftigen Tränenausbruch fühlen können.

Wie wir selbst und unsere Umgebung unsere emotionalen Tränen erleben, hängt dazu von vielen unterschiedlichen Einflüssen ab, beispielsweise unserer ethnischen Zugehörigkeit, unserem sozialen Status, Beruf, Hormonsituation und Geschlecht. Dazu gibt es noch eine ganz individuelle Reizschwelle, die entscheidet, ob ein Mensch in die Gruppe der 'Weiner' oder der 'Nichtweiner' gehört. Kindern und Frauen wird beispielsweise in Deutschland emotionales Weinen eher zugestanden, erwachsene Männer werden dagegen belächelt. Aber in den USA findet es keiner bemerkenswert, wenn auch harten John-Wayne-Typen gelegentlich Tränen der Rührung ins Auge treten. Im hiesigen Fernsehen sieht man daher auch scharenweise tränenvergießende Politiker, besonders, wenn es um 'God', 'our country' oder 'our men and women in uniform' geht (auch wenn mancher diese Tränen eher für Krokodilstränen hält).

Was man tun kann
Aus all diesen Ausführungen kannst du sicher ableiten, dass es keine wirksame Behandlung gegen allzu locker sitzende emotionale Tränen gibt. Psychopharmaka, die Emotionen dämpfen, richten sich nicht selektiv gegen Tränenfluss, sondern würden dich auch gegenüber allen anderen Gefühlen abschotten. Und Medikamente, die die Tränenproduktion bremsen, würden zu schwerwiegenden Augenproblemen führen (es gibt die Krankheit 'Trockenes-Augen-Syndrom').

Steh zu deinem 'Zu-nah-am-Wasser-gebaut'-Sein. Nimm anderen den Wind aus den Segeln, indem du von vornherein erklärst, dass du zur Gruppe der 'Weiner' (das ist tatsächlich die psychologische Bezeichnung) gehörst, und dass dagegen nunmal kein Kraut gewachsen ist. Und lass dir vielleicht ein paar witzige Bemerkungen für entsprechende Situationen einfallen. Streiche Kinofilme, Fußballspiele und ähnliche Veranstaltungen aus deiner Peinlichkeitsliste - du bist in guter Gesellschaft! Solche Filme werden hier in den USA passenderweise 'tear jerkers' ('Tränendrücker') genannt. Und was meinst du, wie viele Fans literweise Freudentränen über Siegestore ihrer Mannschaft vergießen!

Wenn du aber in einer Umgebung bist, in der Tränen tatsächlich zu einer demütigenden oder beruflich nachteiligen Situation führen können, konzentriere dich beim ersten emotionalen Aufwallen auf etwas gefühlsmäßig Ernüchterndes, beispielsweise eine bevorstehende Prüfung oder eine unangenehme Aufgabe, die du zu erledigen hast.
LG, Dr. Karin Anderson

[TK]

Links

Zum Forenthread

Das könnte dich auch interessieren:

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung