Ritzen

Probleme, die unter die Haut gehen

published: 07.09.2005

Die bekannteste Form von selbstverletzendem Verhalten ist das Ritzen, also das selbstmotivierte Zufügen von Verletzungen, vorzugsweise an Unterarmen oder Oberschenkeln (Foto: shuttertsock.com/bg_knight) Die bekannteste Form von selbstverletzendem Verhalten ist das Ritzen, also das selbstmotivierte Zufügen von Verletzungen, vorzugsweise an Unterarmen oder Oberschenkeln (Foto: shuttertsock.com/bg_knight)

Ritzen, um das Leben zu fühlen
Das Messer in ihrer Hand muss sich kalt und glatt angefühlt haben – doch Miriam konnte nichts spüren. Erst als die Klinge sich in ihre Haut bohrte und das Blut auf die weißen Fliesen des Badezimmers tropfte, fühlte sie plötzlich wieder etwas. “Es war kein Schmerz, sondern vielmehr das Gefühl, dass ich noch am Leben bin”, erzählt die heute 23-Jährige. Ihre Stimme klingt ganz ruhig, wenn sie von dem erzählt, was jahrelang ihr Leben dominiert hat, doch ihre Hände zittern. Nervös nestelt sie sich eine Zigarette aus der Schachtel und ich frage mich: “Warum tut ein Mädchen so etwas?” Miriam sitzt mir gegenüber, ihre braunen Locken hat sie zu einem festen Pferdeschwanz gezurrt, die Wimpern sind schwarz getuscht, an den Ohrläppchen glitzern mehrere Ohrringe, darunter auch ein Stecker in Tränenform. Eigentlich eine ganz normale junge Frau. “Meine Eltern haben auch nie etwas bemerkt”, sagt Miriam, als hätte sie meinen Blick bemerkt, “nicht einmal die Narben”. Miriams Unterarme sind von weißen Linien bedeckt, die sich kreuz und quer bis rauf zum Ellenbogen ziehen. Sie zeigt sie nicht gerne, zieht schnell wieder die Ärmel ihre Pullis runter. “Wenn ich einkaufen gehe, achte ich immer darauf, dass die Klamotten, die ich kaufe, lange Ärmel haben, auch heute noch.” Als Miriam mit dem Ritzen begann, war sie 13 Jahre alt. Seit zwei Jahren hat sie sich nicht mehr absichtlich verletzt, doch die Spuren werden sie vermutlich noch ihr ganzes Leben begleiten. Warum muss sich ein Mensch wehtun, um zu spüren, dass er noch am Leben ist? Welche seelischen Schmerzen muss er erlitten haben, dass er sie nur durch körperliche Schmerzen überwinden kann? Mein Kopf ist nach meinem Gespräch mit Miriam voller Fragen. Ich will mehr darüber erfahren, will verstehen, warum Menschen sich so etwas antun.

Was ist selbstverletzendes Verhalten?
Die bekannteste Form von selbstverletzendem Verhalten ist das Ritzen, also das selbstmotivierte Zufügen von Verletzungen, vorzugsweise an Unterarmen oder Oberschenkeln, aber auch am Bauch, selten im Gesicht und an den Genitalien. Doch Ritzen ist nur eine von vielen Formen des selbstverletzenden Verhaltens. Auch Verbrennungen, die man sich selbst mit Zigaretten oder einem Bügeleisen zufügt, das Schlagen seines Kopfes gegen einen harten Gegenstand oder Bissverletzungen gehören dazu.

Es gibt noch weitere Formen selbstverletzenden Verhaltens: exzessiv Sport zu treiben, sich zu zwingen, Sachen zu essen, die man nicht mag, oder sich zu befehlen, nicht zu schlafen, beispielsweise. Manche Betroffene injizieren sich sogar Urin, kratzen sich vorhandene Wunden immer wieder auf oder bestrafen sich selbst, indem sie Dinge tun, die ihnen eigentlich zuwider sind - denn das ist genau das, was selbstverletzendes Verhalten ausmacht. Menschen, die sich selbst verletzen, brauchen den Schmerz. Die Gründe dafür sind genauso vielfältig, wie die Formen, die man zu selbstverletzendem Verhalten zählt.

Selbstverletzendes Verhalten kommt selten allein ...
Warum Menschen sich selbst Schmerz zufügen, kann viele Ursachen haben und ist häufig nur eines von mehreren Symptomen, welche die Verzweiflung des Patienten zum Ausdruck bringen. Psychologen nennen dies Co-Morbidität. Häufig leiden die Betroffenen auch unter einer Form der Essstörung, also unter Bulimie, Magersucht oder “Binge Eating”. Für die “Binge Eating” genannte Störung gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Man meint damit das wiederholte Auftreten von Heißhungerattacken, ohne dass die Betroffenen regelmäßig Maßnahmen gegen eine Gewichtszunahme anwenden. Das unterscheidet diese Störung von der Ess-Brech-Sucht. Es gibt viele Gründe, die zu selbstverletzendem Verhalten führen. Experten vermuten, dass die häufigsten Ursachen bei nicht verarbeiteten Problemen in der Kindheit liegen - beispielsweise der Trennung der Eltern, sexuellem Missbrauch, dem Tod eines geliebten Menschen, Liebeskummer, Mobbing in der Schule und und und. Auch wenn diese Probleme noch aktuell sind, kann dies zu selbstverletzendem Verhalten führen. Liegt die Ursache in der Kindheit, nennt man dies Traumatisierung. Ein traumatisches Erlebnis kann noch Jahre später die Gefühlswelt eines Menschen dominieren und ihn schließlich dazu bringen, sich selbst weh zu tun.

Der Schmerz als Ventil
Der amerikanische Psychologe Steven Levenkron erklärt in seinem Buch “Der Schmerz sitzt tiefer”, dass Menschen, die sich selbst verletzen, nach außen häufig unauffällig seien. Diese Ansicht teilen auch deutsche Ärzte. Die Betroffenen fühlen sich aber als Außenseiter, können sich selbst nicht leiden und weisen ein sehr stimmungsabhängiges Verhalten auf. Das heißt natürlich nicht, dass jeder launische Mensch gefährdet ist, sich selbst zu verletzen, aber Untersuchungen an Patienten haben gezeigt, dass Selbstverletzer häufig leicht reizbar sind und sich leicht aus der Bahn werfen lassen, beispielsweise durch abwertende oder negative Kommentare von anderen. Oft können diese Menschen nicht gut mit ihren Gefühlen umgehen, fühlen sich stumpf und leer. Erst der Schmerz, den sie beim Ausüben ihres selbstverletzenden Verhaltens (SVV) empfinden, gibt ihnen Gefühle zurück - die Empfindung, etwas zu fühlen, und somit auch das Gefühl, am Leben zu sein.

Selbstverletzendes Verhalten und Borderline-Syndrom
Man nimmt an, dass etwa die Hälfte der Menschen, die sich selbst verletzen, an einer Borderline-Störung leiden. Mit diesem Begriff wird ein vielschichtiges Krankheitsbild bezeichnet, für das es keine allseits anerkannte Definition gibt. Borderline ist das englische Wort für Grenzlinie. Und fest steht, dass sich Borderline-Patienten an der Grenze zwischen Psychose, Neurose und Persönlichkeitsstörung befinden. Über die Hälfte der Betroffenen ist weiblich. Borderline-Patienten schwanken zwischen gut und böse bis hin zur Schizophrenie; sie haben oft das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein und leiden an Wahrnehmungsstörungen. Sie empfinden die Realität anders als andere Menschen und weisen oft starke Stimmungsschwankungen und impulsives Verhalten auf. Im Fachjargon nennt man das Dissoziation oder Selbstentfremdung. Oft ist die Reaktion darauf, sich selbst weh zu tun.

Ein Mädchen-Problem?
Genau wie bei der Borderline-Störung sind es vor allem Frauen und Mädchen, die sich selbst verletzen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass es zu 75 Prozent weibliche Personen sind, die SVV betreiben. Sabine Herpertz, Professorin für Psychotherapie und Psychatrie, hat außerdem herausgefunden, dass 50 Prozent der Selbstverletzer gleichzeitig an einer Essstörung leiden und über 30 Prozent zu Alkohol oder Marihuana greifen. Dabei steigt, wie auch bei Essstörungen, die Zahl der männlichen Betroffenen stetig. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sich auch immer mehr Jungs und Männer dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt sehen, sie traumatische Erlebnisse in der Kindheit nicht verarbeitet haben oder sie darunter leiden, dass Eltern sich nicht ausreichend genug um sie kümmern.

[TK]

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