Scheidung

Was nun?

published: 13.09.2005

Bei einer Scheidung müssen sich Kinder oft entscheiden, bei welchem Elternteil sie bleiben wollen (Foto: Mukhina Viktoriia/shutterstock.com) Bei einer Scheidung müssen sich Kinder oft entscheiden, bei welchem Elternteil sie bleiben wollen (Foto: Mukhina Viktoriia/shutterstock.com)

Eltern sind auch nur Menschen. Sie streiten und vertragen sich - und das ist ganz normal. Doch wenn die Differenzen zwischen Vater und Mutter an einen Punkt gelangen, an dem es kein Zurück mehr gibt, ist eine Trennung oft die einzige Lösung. Diese Entscheidung bedeutet auch für die Kinder eine enorme Umstellung. Plötzlich muss man sich daran gewöhnen, einen der beiden Elternteile seltener zu sehen und fühlt sich hilflos und allein gelassen im Umgang mit der neuen Lebenssituation. Oft können Gespräche mit Vater, Mutter, Geschwistern und Freunden helfen – auch wenn es anfangs schwer fällt, offen über die Situation zu sprechen...

Hier beantwortet Dr. Karin Anderson einige der am häufigsten gestellten Fragen.

* Wenn die Eltern sehr viel streiten und sich scheiden lassen wollen, kann ich dann als Kind irgendetwas tun, damit sie zusammen bleiben?
“Leider nein. Kinder sollten von ihren Eltern nicht in ihre Konflikte hineingezogen werden. Es ist ungeheuer belastend für sie, wenn Mutter oder Vater sie in all ihre ehelichen Kümmernisse und Enttäuschungen einweihen und dann von ihnen erwarten, dass sie Partei gegen den anderen Elternteil ergreifen. Wenn Eltern nicht in der Lage sind, ihre Streitigkeiten beizulegen und ihre Probleme gemeinsam zu überwinden, kann ihnen allenfalls eine Eheberatung helfen, ihre Ehe zu retten. Kinder können in so einer schwierigen Situation versuchen, ihren zerstrittenen Eltern zu sagen, dass sie unter der vergifteten Familien-Atmosphäre leiden, und ihnen vorschlagen, sich Hilfe bei einem Ehe-Therapeuten zu suchen.”

* Wie kann ich meinen kleinen Geschwistern helfen, über die Scheidung unserer Eltern hinweg zu kommen?
“Kleine Kinder begreifen nicht, warum sich ihre Eltern trennen. Sie beziehen noch alles, was um sie herum geschieht, auf sich. Wenn Vater oder Mutter aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, erleben Kinder im Vorschulalter diesen Akt unbewusst als Bestrafung für vermeintliches Ungezogensein. Sie glauben, die Eltern hätten sie verlassen, weil sie ‚böse‘ sind. Etwas ältere Kinder reagieren oft mit Verhaltens-Auffälligkeiten: Sie verweigern sich in der Schule, werden bockig und aggressiv oder ziehen sich in sich selbst zurück und werden depressiv. In dieser Situation können ältere Geschwister ihren kleinen Brüdern oder Schwestern sehr helfen, indem sie mehr Zeit mit ihnen verbringen, mit ihnen spielen, ihnen vorlesen oder sie mit ins Kino oder zum Sportplatz nehmen. Dadurch geben sie ihnen das Gefühl, wichtig zu sein, geliebt zu werden und vor allem nicht allein zu sein.
Kleine Kinder sprechen im Allgemeinen noch nicht über ihre Gefühle. Sie können sie aber gut an Hand von Geschichten durchleben. Es gibt ein schönes und einfühlsames Bilderbuch, das große Brüder oder Schwestern ihren kleinen Geschwistern vorlesen können, um ihnen zu helfen, über die Scheidung ihrer Eltern hinwegzukommen. Es heißt: ‚Papa wohnt jetzt in der Heinrichstrasse‘. Es wurde von Nele Maar und Verena Ballhaus geschrieben, kostet ungefähr 13 Euro und hat sogar den Bundesliteraturpreis gewonnen.”

* Was kann ich für meine beste Freundin/meinen besten Freund tun, wenn sich ihre/seine Eltern scheiden lassen?
“Deine beste Freundin oder dein bester Freund brauchen dich in dieser schwierigen Situation ganz besonders. Wenn sie über ihre Gefühle sprechen wollen, kannst du ihnen zuhören. Sie erwarten keine guten Ratschläge oder schlauen Kommentare von dir, sondern einfach dein offenes Ohr, dein Verständnis und deine Bereitschaft, ihre Traurigkeit oder ihren Zorn auszuhalten. Wenn deine Freundin oder dein Freund ihren Kummer ‚in sich hineinfressen‘, kannst du ihnen signalisieren, dass du dir denken kannst, wie ihnen zumute ist, und für sie da bist, falls sie doch darüber reden möchten. Und - ganz wichtig - du solltest versuchen, sie abzulenken, sie zu gemeinsamen Unternehmungen zu zweit oder mit der Clique auffordern und dadurch auf andere Gedanken bringen. Lass dich nicht davon abschrecken, wenn dein Freund oder deine Freundin sich verkriechen und sich nicht von sich aus melden. Bezieh diesen Rückzug nicht auf dich. Ruf an oder geh vorbei. Lass sie nicht mit ihrer Depression allein. Deine Freundschaft ist jetzt wirklich gefordert.”

* Mein Papa hat uns verlassen. Wie kann ich meiner Mama helfen, darüber hinweg zu kommen?
“So eine Trennungssituation ist für den verlassenen Elternteil und für die Kinder immer sehr schwierig. Manche Mütter meinen, ihren Kummer, ihren Ärger und ihre Ratlosigkeit vor ihren Kindern verbergen zu müssen. Sie verschließen sich und tun so, als sei alles in Ordnung. Andere Mütter brechen zusammen, geben sich völlig ihrer Verzweiflung hin, kümmern sich nur noch um das Notwendigste und lassen ihre Kinder dadurch emotional allein. Wieder andere Mütter ‚packen aus‘, klagen oder schimpfen über den Vater, diesen ‚verantwortungslosen Mistkerl‘, und schütten nun den ganzen Kübel ihrer Enttäuschung vor den Kindern aus. Alle diese Reaktionsweisen machen es dem Nachwuchs nicht gerade einfach. Die Kinder leiden unter der falschen Fröhlichkeit ebenso wie unter dem emotionalen Rückzug oder der mütterlichen Forderung, Partei gegen den Vater zu ergreifen.
Kinder können und sollen nicht Mutters Vertrauensperson sein. Diese Rolle muss eine erwachsene Freundin oder Verwandte übernehmen. Kinder sollten aber wissen, dass sie allein durch ihr Dasein für ihre Mütter eine große gefühlsmäßige Stütze sind. Auch wenn der leidenden Mutter alles zu viel sein mag - die Notwendigkeit, für die Kinder einzukaufen, zu kochen, bei den Schularbeiten zu helfen und zum Elternabend zu gehen, lenkt sie von ihrem Kummer ab und gibt ihr dadurch Halt. Und dann ist es für Mütter wirklich wunderbar tröstlich, wenn ihre Kinder sie ganz einfach in den Arm nehmen und ihr zeigen, dass sie sie lieb haben!”

[TK]

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