Scheidungskinder

Einsam, aber nicht allein

published: 13.09.2005

Scheidungskinder fühlen sich oft einsam und unverstanden (Foto: shutterstock.com/Bernd Leitner Fotodesign) Scheidungskinder fühlen sich oft einsam und unverstanden (Foto: shutterstock.com/Bernd Leitner Fotodesign)

Nackte Zahlen und bittere Wahrheiten
Fast jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Jedes Jahr werden laut Statistik 150.000 Kinder in der Bundesrepublik zu Scheidungskindern. Doch die trockenen Zahlen können nicht beschreiben, wie man sich fühlt, wenn die Familie plötzlich zerbricht. Denn unter einer Trennung haben nicht nur die Eltern selbst zu leiden – gerade als Kind ist man getroffen. Meistens fühlt man sich als Sohn oder Tochter völlig hilflos.

“Von einer Sekunde auf die andere war alles anders”
Die heute 17-Jährige Nele erinnert sich an den Moment, als sie erfuhr, dass der Vater ausgezogen war: “Klar, meine Eltern stritten sich schon lange und fast genauso lange wusste ich, dass mein Vater eine Freundin hat. Oder zumindest vermutete ich das, nachdem ich mal ein Telefongespräch von ihm belauscht hatte. Doch als meine Mutter mir beim Mittagessen eröffnete, dass mein Vater am Vormittag ausgezogen sei und nun mit seiner neuen Flamme zusammen wohne, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Keiner der beiden hatte mir vorher etwas von den Plänen erzählt, geschweige denn, mich nach meiner Meinung gefragt. Ich stieß meinen Teller weg und rannte aus dem Haus – ich wollte nur noch weg. Es war, als würde mir jemand die Luft zum Atmen nehmen. Ich wollte mich übergeben und konnte doch nicht. Danach bin ich stundenlang um die Häuser gezogen und habe nur geheult. Meine Eltern haben bis heute nicht mit mir über diese Zeit gesprochen und auch miteinander haben sie seit diesem Tag kein Wort mehr geredet. Manchmal könnte ich immer noch vor Wut heulen, dass sie mir das angetan haben und so sehr mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie nicht mal bemerkt haben, wie es mir ging. Aber ich habe jetzt mein eigenes Leben. An dem Satz ,Die Zeit heilt alle Wunden‘ ist wirklich etwas dran. Von einer Sekunde auf die andere war alles anders, aber ich wäre nicht die Nele, die ich jetzt bin, wenn das nicht passiert wäre.”

Scheiden tut weh – egal wann


Psychologen, Forscher und Experten sind sich einig, dass das Alter eines Kindes für die Verarbeitung der Scheidung eine wichtige Rolle spielt. So sollen Kinder im Alter bis zu drei Jahren eine Scheidung, wenn sie die Trennung vom Vater bedeutet, am Besten wegstecken, da ihre Bindung zur Mutter noch besonders eng sei. Demgegenüber gibt es aber auch Studien, die belegen, dass in den ersten drei Lebensjahren Muster, Auffassungen und Lernfähigkeiten für das weitere Leben geprägt werden. Einig sind sich die Wissenschaftler darin, dass eine Scheidung für vier-, bis zwölfjährige am Schwierigsten wegzustecken ist, da in diesem Alter das sogenannte psychosoziale Verhalten geprägt wird. Jugendliche, die bereits in der Pubertät sind oder sie hinter sich haben, sollen es leichter haben, da sie schon eigene Maßstäbe und Standpunkte für ihr Leben definiert haben. Doch gerade in der Pubertät, in der man sich als Teenager oft unsicher fühlt, ist die Scheidung der Eltern ein einschneidendes und prägendes Erlebnis, denn schließlich geht man in dieser Zeit selbst erstmals festere Bindungen ein. Fest steht: Für eine Scheidung gibt es keinen richtigen Zeitpunkt – sie tut immer weh und lässt einen in einem Scherbenhaufen zurück.

Ein langwieriger Prozess
Eine Scheidung ist kein plötzlich auftretendes Ereignis, sondern ein Prozess, der schon lange, vor der Trennung beginnt. Auch nach der Scheidung dauert es, bis die Wogen geglättet sind - selbst wenn vor Gericht alles geregelt ist. Die ersten zwei Jahre nach der Scheidung nennt man Krisenperiode. Und es ist vor allem eine Krise, wenn man Kind ist: Plötzlich steht das ganze Leben auf dem Kopf und man muss mit Gefühlen wie Schock, Angst und Wut umgehen lernen.

Äußere Probleme
Wenn die Familie auseinander bricht, ändert sich alles: Die finanzielle Situation, das Verhältnis zu Mutter und Vater und zur Verwandtschaft. Möglicherweise muss man sogar einen Umzug oder Schulwechsel mitmachen. Die tägliche Routine ist über den Haufen geworfen und das kann ganz schön verunsichern. Außerdem ist das Vertrauen ausgerechnet in die Menschen erschüttert, auf die man von Kindesbeinen an gebaut hat. Das ist nicht leicht wegzustecken. Hinzu kommt, dass eine Scheidung auch die wirtschaftliche Situation der Familie verändert. Eine Scheidung kostet viel Geld und danach müssen zwei Haushalte geführt werden. Häufig steht den Eltern - und damit auch den Kindern - weniger Geld zur Verfügung. So kann sich auch das gesellschaftliche Umfeld, in dem man lebt, verändern. Wenn plötzlich keine Urlaubsreisen mehr drin sind oder man aus einem schönen Haus ausziehen muss, dann kann das die Situation noch schmerzhafter machen.

Geld und Gesetz
Wurde früher vor allem Müttern das Sorgerecht zugesprochen, so plädieren die Gerichte heute in den meisten Fällen für ein gemeinsames Sorgerecht. Das heißt bei einer Scheidung, dass weder deine Mutter noch dein Vater dir den Kontakt mit dem anderen Elternteil verbieten können, und dass beide in Erziehungsfragen gleichberechtigt sind. Außerdem ist der Elternteil, bei dem du nicht lebst - das ist in den meisten Fällen immer noch der Vater - zu Unterhaltszahlungen verpflichtet. So soll gewährleistet werden, dass du gut versorgt bist und Schule, Ausbildung oder Studium ohne finanzielle Probleme abschließen kannst. Deine Eltern, egal ob geschieden oder nicht, sind bis zum Abschluss einer Ausbildung oder eines Studiums dazu verpflichtet, dich zu unterstützen. Seit dem 1. Juli 2003 haben sich die Unterhaltsansprüche eines minderjährigen Kindes oder Jugendlichen sogar um sechs Prozent erhöht. Wie viel Unterhalt dir zusteht, kannst du der Düsseldorfer Tabelle www.duesseldorfertabelle.de entnehmen. Hier ist festgelegt, wie viel Unterhalt für ein Kind gezahlt werden muss. Der Regelsatz, also der Mindestbetrag, liegt für Minderjährige bis fünf Jahre bei 188 Euro, für Sechs- bis Elfjährige bei 241 Euro und Jugendlichen bis 17 Jahre stehen 284 Euro jeden Monat zu. Diese Regelbeträge steigen mit höherem Einkommen um bestimmte Prozentsätze. Die genaue Tabelle kannst du im Internet auf den Internetseiten der Justiz NRW nachlesen (www.justiz.nrw.de)

Selbstanklage
Egal, wie es in deiner Familie aussieht, und egal, was du getan hast, eines ist sicher: Du bist nicht schuld, wenn deine Eltern sich scheiden lassen. Es liegt leider in der Natur des Menschen, sich verantwortlich zu fühlen. Studien haben ergeben, dass sich fast jedes Kind für die Scheidung der Eltern schuldig oder zumindest mitschuldig fühlt. Doch eine Scheidung hat nur mit der Beziehung von Vater und Mutter untereinander zu tun und nie etwas mit der Beziehung zum Kind. Selbst wenn deine Eltern im Streit mal so etwas sagen sollten – es ist einfach nicht wahr. Ein typischer Satz ist beispielsweise der von Stefan: “Ich war immer aufsässig – eben so gar nicht der Vorzeigesohn, den mein Vater sich gewünscht hätte.” Damit gibt sich der 16-Jährige einen Teil der Schuld daran, dass der Vater ihn, seine Mutter und den kleinen Bruder verließ. Dabei haben ein aufsässiger Sohn oder eine komplizierte Tochter nie etwas mit der Beziehung der Eltern zu tun. Eine gute Ehe steckt auch “schwierige Kinder” weg und kann mit ihnen umgehen.

Nächste Seite

Seite: 1 | 2 | 3

Links

www.justiz.nrw.de

Das könnte dich auch interessieren:

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung