Interview

Mobbing-Forscher Dr. Fleissner

published: 13.12.2005

Mobbing-Forscher Dr. Alfred FleissnerMobbing-Forscher Dr. Alfred Fleissner

Interview mit Dr. Alfred Fleissner, Hirnforscher am Universitätskrankenhaus Eppendorf und Vorstandsmitglied bei KLIMA e.V., einem gemeinnützigen Verein, der eine Anlaufstelle für Mobbing-Betroffene ist

Ist Mobbing unter Schülern ein neues Phänomen?
“Jeder, der seine Schulzeit hinter sich hat, weiß, dass es immer so genannte ,Bullys‘ gab, die sich mit Gewalt durchsetzen, und ein paar, die sich besonders gut als Opfer eigneten und dann die Unterdrückten waren. Man denkt sich bei Rangeleien oder Raufereien nichts, unter Schülern wird immer viel geneckt und geärgert. Und sehr schnell kristallisiert sich ein Sündenbock heraus – jemand, der besonders gut geeignet ist, als Opfer herzuhalten, an dem man seinen Unmut ablassen kann. Dass jemand allmählich unterlegen ist und immer mehr Leute gegen sich hat, ist ein uraltes Phänomen. Das gab es auch, als man das noch nicht als Mobbing bezeichnete.”

Wo liegt der Unterschied zwischen einem normalen Streit und Mobbing?
“Der normale Streit hat ja zwei etwa gleich gewichtige Streithähne – das hat mit Mobbing nichts zu tun. Der Begriff Mobbing ist nur dann gerechtfertigt, wenn ein ungelöster Konflikt über längere Zeit schwelt und gezielt einer zum Unterlegenen gemacht wird. Mobbing bedeutet: viele gegen einzelne, die sich nicht mehr wehren können.”

Wie viele Fälle von Mobbing in der Schule gibt es bundesweit?
“Ich denke, dass etwa drei bis fünf Prozent aller Schüler zu Mobbing-Opfern werden. Wo man hinguckt, gibt es welche, die Unterlegene fertig machen und sie Psychoterror aussetzen. Mir ist allerdings keine Untersuchung bekannt, die genaue Zahlen liefert. So etwas hat es bisher auf Schul-Niveau nicht gegeben. Im Erwachsenen- und Berufsleben gibt es den Mobbing-Report der Sozialforschungsstelle Dortmund.”

Wo muss man ansetzen, um gegen Mobbing vorzugehen?
“Der Hintergrund, dass Mobbing sich überhaupt entwickeln kann, ist immer, dass in der Führung irgendwelche Fehler passieren. In einer gut geführten Schule wird auf fairen Umgang geachtet. Konflikte, die ja immer entstehen, müssen so gelöst werden, dass sie nicht zu Mobbing ausarten können. Man muss den fairen Umgang miteinander lernen, muss lernen, dass Gewalt kein Mittel zur Lösung von Konflikten ist. Das ist natürlich äußerst schwierig. Viele Lehrer und Elternräte haben das selbst nie richtig gelernt.”
Was muss man vermeiden, um nicht zum Opfer zu werden?
“Angst hindert einen oft daran, Dinge offen anzusprechen. Und das bedeutet dann, dass man Übergriffe zulässt und nicht rechtzeitig dagegen vorgeht. Wenn jemand aus Angst, er könnte gemobbt werden, nichts sagt, wenn feindselige Handlungen und Äußerungen anfangen, und auch versäumt, Gleichgesinnte zu suchen, die ihn unterstützen, dann passiert es oft genug, dass die anderen sich tatsächlich mit den Aggressoren verbünden. Und dann ist man in der Mobbing-Situation. Wenn man dann anfängt, sich darüber zu beschweren oder etwas dagegen zu unternehmen, gilt man als Querulant, als Spielverderber. Man muss also aufpassen, dass man das Richtige zum richtigen Zeitpunkt tut. ”

Welche Auswirkungen hat das Mobbing auf die schulischen Leistungen der Betroffenen?
“Die Kinder und Jugendlichen kriegen diese Problematik nicht mehr aus dem Kopf. Selbstverständlich leiden die Schulleistungen drastisch darunter. Dadurch fällt das Mobbing oft erst auf: weil jemand, der immer relativ gut war, plötzlich in seinen Leistungen total einbricht. Und wenn man dann fragt, was dahintersteckt, heißt es, er werde dauernd gestört und getriezt. Er muss ständig daran denken, was er tun kann, um dem auszuweichen. Dann kann er sich eben nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren.”

Was für Symptome weisen die Betroffenen auf?
“Zunächst einmal ist es der gestörte Schlaf. Man schreckt mit Alpträumen auf, man grübelt und kann deshalb gar nicht mehr ein- und durchschlafen und fühlt sich am nächsten Tag in der Schule wie gerädert - vielleicht schläft man dort sogar ein, zumindest kann man nicht mehr aufpassen. Und dann die Stresssymptome, denn eine Mobbing-Situation ist nichts anderes als ganz stark erhöhter Psychostress: Muskelverspannungen mit der Folge von Kopfschmerzen und Migräne, Magen-Darm-Störungen wie Erbrechen, Übelkeit, Durchfall. Auch Hautprobleme treten vermehrt auf. Eventuell neigen die Betroffenen verstärkt zu Ekzemen und so weiter.”

Welche Rolle spielen Depressionen? Und besteht auch Selbstmordgefahr?
“Die Selbstmord-Gefahr ist unter Schülern noch höher als im Erwachsenenbereich. Und die Aussage ‚Ich mag nicht mehr leben‘ hört man sehr, sehr häufig. Ich erinnere mich an einen Fall, da hat uns ein junges Mädchen gesagt, dass sie schon häufiger an die Bahngleise gegangen ist und den Kopf auf die Schienen gelegt hat. Wenn der Zug kam, hat sie es aber immer noch geschafft wegzugehen. Aber das war eine Art Probeliegen – sie wusste, wenn sie es nicht mehr aushält, legt sie sich vor einen Zug.”

Kann es für Mobbing-Betroffene ratsam sein, die Schule zu wechseln?
“Diese Schülerin hat ihre Probleme durch einen Schulwechsel gelöst. Sie hat erkannt, was das Mobbing mit ihr macht und dass sie sich nicht frei entwickeln kann, wenn sie unter diesem Druck steht. Für sie war es der einzig richtige Schritt, raus zu gehen aus dieser Situation in eine neue Situation, in der es das nicht gibt. Dann muss man aber von vornherein dafür sorgen, dass so etwas nicht auf der neuen Schule wieder passiert. Es ist eine ganz große Gefahr, dass sich Dinge im Sinne der selbst erfüllenden Prophezeiung wiederholen. Wenn man Angst hat, erneut zum Opfer zu werden, tut man in seiner Mimik, Gestik, im gesamten Verhalten oft alles, um wieder Opfer zu werden.”

Unter welchen Spätfolgen können Mobbing-Opfer leiden?
“Das weiß man bisher noch nicht genau. Es gibt Leute, die Mobbing erfolgreich überstanden haben, die in einer neuen Situation völlig unauffällig tätig sind. Ich habe aber mehrere solcher Mobbing-Betroffenen kennen gelernt, die dann wieder in die alte Situation hineingeraten sind, nachdem sie zum Beispiel den ehemaligen Mobber zufällig auf der anderen Straßenseite gesehen haben. Dann erzählten sie, dass plötzlich alles wieder aufgebrochen ist. Dieses Phänomen untersuche ich derzeit in einer Langzeitstudie hier in der wissenschaftlichen Forschungseinrichtung. Ich will akut Betroffene mit Betroffenen vergleichen, die wieder völlig unauffällig im Beruf sind, und mit einer Gruppe von Nicht-Betroffenen, die nie Mobbing erlebt hat. Meine Arbeitshypothese ist, dass bei den meisten, die anscheinend alles überwunden haben, durch kleine Provokationstests das Alte sofort wieder da ist. Ich denke, es gibt Umstrukturierungen in der Organisation des Fühlens und Denkens - aber das muss noch untersucht werden.”

Wer mobbt eigentlich und warum?
“Es sind häufig Menschen, die selber Sorge haben, sie könnten unter die Räder kommen, und die sich deshalb mit anderen verbünden, um gegen ‚Rivalen‘, denen sie sonst unterlegen wären, die Oberhand zu gewinnen. Zum Beispiel: Jemand möchte eigentlich sehr gut in der Schule sein, hat meinetwegen auch ehrgeizige Eltern, bringt aber einfach die Leistung nicht. Dafür ist er aber körperlich recht kräftig. Und dann gibt es so einen kleinen Jungen, dem Leistung leicht fällt, der gute Noten hat. Der ist sozusagen der Dorn im Auge des ‚Bullys‘. Dann ist es für den ganz einfach, ihn ‚Streber‘ und ‚Schleimer‘ zu nennen, und so den kleinen, besonders guten Schüler unter den Mitschülern schlecht zu machen. Aus Angst, selber so ein Opfer zu werden, gibt es immer viele, die das eigentlich gar nicht gut finden, aber nichts dagegen sagen. Diese Leute hat der Arbeitspsychologe Heinz Leymann ‚Möglichmacher‘ genannt. Das ist die schweigende Mehrheit, die sich nicht traut, für Fairness zu sorgen. Diejenigen sind mitverantwortlich dafür, dass es Mobbing gibt.”

Wenn man jetzt kein ‚Möglichmacher‘ sein will und miterlebt, wie ein Mitschüler gequält wird, wie verhält man sich dann am besten?
“Als Mitschüler denke ich, sollte man sich an die Klassenlehrerin wenden oder, wenn es einen Vertrauenslehrer gibt, an den. Man sollte die Erlebnisse schildern und sagen, dass man darunter leidet. So macht man die Verantwortlichen aufmerksam. Man muss sich also nicht selber dem Mobber aussetzen, wenn man Angst hat, man würde dann ebenfalls verprügelt. Man kann sich auch an seine Eltern wenden. Dann können die das über den Elternrat wieder in die Schule tragen und zum Beispiel anregen, dass dort Konfliktlotsen und Schlichter ausgebildet werden, die dann erfolgreich das Mobbing verhindern. In vielen Schulen wird inzwischen der faire Umgang miteinander gelehrt.”

[Heike]

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