Experten-Interview

Täter suchen Aufmerksamkeit

published: 13.12.2005

Diplom-Sozialpädagoge Frank SchallenbergDiplom-Sozialpädagoge Frank Schallenberg

Interview mit Frank Schallenberg, Diplom-Sozialpädagoge (FH) und Autor des Ratgebers "...und raus bist du! – Mobbing unter Schülern" und "Ernstfall Kindermobbing".

Wie beschäftigen Sie sich mit Mobbing?
"Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit dem Phänomen. Seit 2001 bieten wir über das Jugendinformationszentrum (JIZ) München persönliche Beratung für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern an. Zudem haben Betroffene Kinder, Jugendliche, Eltern und auch Lehrkräfte die Möglichkeit sich direkt bzw. über das JIZ telefonisch beraten zu lassen. Des weiteren will ich das Thema aktiv transportieren und öffentlich machen. Dies geschieht über Elternabende, Fortbildung und Coaching für Lehrkräfte und Pädagogen/innen sowie entsprechende Kursangebote für Kinder und Jugendliche. Mein erster Ratgeber zum Thema erschien im Jahr 2000, ein neuer, erweiterter Ratgeber erscheint im Herbst 2004."

Was können Sie tun, um Mobbing-Opfern zu helfen?
"Das wichtigste ist für die Opfer immer, den Druck ablegen zu können. Dabei unterstütze ich und wir versuchen, gemeinsam die Situation aufzubereiten. Die wesentlichen Verletzungen müssen aufgezeigt werden, damit das betroffene Kind für sich geeignete Strategien entwickeln kann. Dabei unterstütze ich aktiv. Zudem gilt es oftmals, die Erwartungshaltung und Ohnmacht der Eltern zu korrigieren. Die Kinder und Jugendlichen, Mädchen wie Jungen, müssen für sich eine geeignete Klärung finden und damit zurecht kommen. Vielfach geht es da auch um eine Vermittlung zwischen Eltern und Betroffenen. Ich versuche zudem, in den jeweiligen Schulen positiv einzuwirken, um eine generelle Situationsveränderung herbeizuführen."

Ist Mobbing unter Schülern ein neues Phänomen?
"Einzelne Bestandteile des Mobbing sind nicht neu. Neu ist das Phänomen als Ganzes sowie der deutliche Anstieg von Fällen. Man kann hier mit Sicherheit von einem flächendeckenden Problem reden."

Wie viele Fälle von Mobbing in der Schule gibt es bundesweit?
"Ich muss davon ausgehen, dass es an jeder Schule in jeder Klasse täglich ein bis zwei Mobbing-Vorkommnisse gibt."

Was ist der Unterschied zwischen einem Streit und Mobbing?
"Bei einem Streit geht es in der Regel um einen sachlichen oder moralischen Zugewinn, sprich es geht um eine Sache, einen Gegenstand oder aber darum, Recht zu behalten. Bei Mobbing unter Kindern und Jugendlichen geht es nur um die Abwertung, Verletzung einer Person durch eine andere Person. Dies geschieht durch willkürliche Entscheidung des Täters."

Wie wird konkret gemobbt?
"Da gibt es die unterschiedlichsten Formen und Aktionen: Vom Auslachen und lächerlich Machen, dem Verbreiten von Gerüchten oder ungerechtfertigten Anschuldigungen, Bedrohung, Einschüchterung, Entzug von Informationen, Ausgrenzung bis zum körperlichen und/oder sexuellen Übergriff. Zentrale Merkmale sind dabei, dass Opfer und Täter fast immer das selbe Geschlecht haben und wir in der Regel einen Einzeltäter benennen können. Weitere beteiligte Personen sehen wir unter dem Aspekt ‚Mittäter’. Zudem läuft Mobbing über einen längeren Zeitpunkt und strukturiert ab."

Welche Auswirkungen hat das Mobbing auf die schulischen Leistungen der Betroffenen?
"Die Auswirkungen sind vielfältig: Lernen wird verhindert, so dass die Schulleistungen nachlassen und die Zukunftschancen vermindert werden. Zudem bedeutet Mobbing eine massive Störung der Kommunikation beim Opfer sowie eine Störung der sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen und eine Abwertung des eigenen Ansehens. Hierdurch wird die persönliche Entwicklung des Opfers dauerhaft negativ beeinträchtigt."

Was für Symptome haben Mobbing-Opfer?
"Körperliche Verletzungen, keine sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen, Verlust bzw. Veränderung zentraler Wesensmerkmale, Verschlechterung der Schulleistung, Verlust von Selbstvertrauen und des positiven Selbstbildes.
Zudem kommt es zu Stresserscheinungen, Allergien sowie Organschädigungen, welche sich als Spätfolgen festsetzen können. Weitere Spätfolgen sind dauerhaft fehlendes Selbstvertrauen, Unfähigkeit zum Vertrauens- und Beziehungsaufbau bis hin zum Gefühl, nicht selbstbestimmt und eigenverantwortlich leben zu können."

Warum mobben Schüler andere Schüler?
"Weil sie es können und es vielfach von Eltern/Erwachsenen vorgelebt wird. Es gibt einfach zu viel Schweigen bei dem Thema, zu lange und zu oft wird nicht reagiert, darüber hinweg gesehen und niemand der Freunde bzw. Mitschüler sieht für sich die Notwendigkeit einzugreifen. Es fehlt absolut an Betroffenheit. Die Bearbeitung des Themas gerade an Schulen zeigt oftmals sehr deutlich, dass die 'Schuld‘'sehr schnell und vereinfacht beim Opfer ausgemacht wird. Wenn das Opfer sich ändert, dann wäre alles okay. Dieser Ansatz, der gesellschaftspolitisch sehr etabliert ist, ist für die Opfer unerträglich. Vielmehr gilt es aufzuarbeiten, wieso es in unserer Gesellschaft zugelassen wird, dass Täter sich in Form von Mobbing über ihre Opfer stellen."

Welcher Typ Schüler tendiert dazu zu mobben?
"Es gibt nicht 'den' Täter. Die persönliche Situation sowie die Aktualität lassen die Täterschaft entstehen. Vielfach suchen Täter(innen) nach Aufmerksamkeit, fühlen sich in der Familie oder ihrem sozialen Umfeld nicht genug gewürdigt oder leben einfach das entsprechende Eltern-/Erwachsenenvorbild."

Welcher Typ Schüler wird als Mobbing-Opfer ausgesucht
"Jedes Kind kann Opfer werden. ‚Auslöser‘ sind oftmals das Aussehen, Verhalten, Fähigkeiten oder Nichtfähigkeiten oder auch Interessen des Opfers. Aber es ist absolut unentschuldbar, das immer der Täter die Begründung liefert, wer Opfer wird. Die ‚Schuld‘ liegt keinesfalls beim Opfer."

Was kann man tun, wenn man gemobbt wird?
"Sich wehren - verbal und auch körperlich, Unterstützung durch Mitschüler(innen) und Freunde(innen) einfordern, Eltern und Lehrkräfte um Unterstützung bitten."

Was sollten die Mitschüler tun?
"Das Opfer unterstützen und schützen, die Situation offen ansprechen und klar benennen, dass man keine Täter bei sich duldet."

Wie sollten sich die Lehrer verhalten?
"Behutsam vorgehen, nicht nur die Einzelsituation benennen sondern vielmehr darauf hinwirken, dass es ein positives Gemeinschaftsgefühl gibt, das den Mitschüler(inne)n die Möglichkeit zum Eingreifen eröffnet."

Wie können die Eltern helfen?
"Ihren Kindern zuhören und in Absprache mit ihren Kindern handeln. Blinder Aktionismus wie etwa das Aufsuchen der Täter-Eltern hilft überhaupt nicht. Das führt eher zur Eskalation. Wichtig ist ein besonnenes Handeln. Oftmals braucht es Zeit, bis die Kinder benennen können, welche Unterstützung sie sich von den Eltern wünschen. Diese Zeit müssen Eltern ihren Kindern lassen."

Welchen Rat würden Sie Schülern geben, die gemobbt werden?
"Sich nichts gefallen lassen und sich nicht scheuen, Unterstützung und Hilfe von außen anzunehmen."

An wen sollten/können sie sich wenden?
"An das Jugendinformationszentrum München. Das Beratungsangebot ist als erste Anlaufstelle auch bundesweit nutzbar."

[Heike]

Links

www.frank-schallenberg.de

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