Konrad Freiberg ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (Foto: Public Address)Wolfgang Bosbach ist Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (Foto: Public Address)Bei Jugendlichen setzt das deutsche Strafrecht auf Erziehung vor Bestrafung (Foto: Public Address)Wenn man alkoholabhängig ist, dominiert die Sucht das gesamte Leben (Foto: Creativa Images/shutterstock.com)Viele gewaltbereite Jugendliche werden früher oder später verhaftet (Foto: Public Address)Nehmen Überfälle auf ältere Menschen in Deutschland zu? (Foto: Public Address)Auch zum Thema Jugendgewalt könnt ihr Scoolz-Expertin Dr. Karin Anderson Fragen stellen (Foto: Public Address)

Experteninterview zu Jugendgewalt

"Frustration und Ohnmacht"

published: 25.01.2008

In der Kreuzberger Einrichtung "PlanTage" arbeiten Sozialpädagogen mit straffälligen Jugendlichen (Foto: Meißner)In der Kreuzberger Einrichtung "PlanTage" arbeiten Sozialpädagogen mit straffälligen Jugendlichen (Foto: Meißner)

Thomas Meißner ist Diplom-Sozialpädagoge und Leiter der Einrichtung "PlanTage" des Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. in Berlin Kreuzberg. Er arbeitet seit 1988 mit straffällig gewordenen Jugendlichen und führt Maßnahmen nach dem Sozialgesetzbuch wie Soziale Gruppenarbeit und Täter-Opfer-Ausgleich durch.

Seit 2001 ist Meißner stellvertretender Vorsitzender der "Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V." (DVJJ) in Hannover. Mit Scoolz und der Techniker Krankenkasse hat sich der Experte über das Thema Jugendgewalt unterhalten.

* Welche Straftaten haben die Jugendlichen, mit denen Sie arbeiten, begangen?
Thomas Meißner: "Das fängt bei der einfachen Körperverletzung wie Schulhofschlägerei an und geht über räuberische Erpressung, also zum Beispiel ´Abziehen´ von Handys, MP3-Playern und ähnlichem, bis hin zur schweren Körperverletzung mit Waffen und Raubüberfällen auf Tankstellen und Einzelhandelsgeschäfte."

* Warum haben die Jugendlichen diese Taten begangen?
"Um es kurz zu sagen: aus Frustration und Ohnmacht. Dahinter steckt eine ganze Reihe von Faktoren, die im Einzelnen betrachtet werden müssen. Die meisten jugendlichen Gewalttäter stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Probleme im Elternhaus, in der Schule oder schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt führen dazu, dass sie keine Möglichkeit haben, sich als `wertvoll´ zu erleben. Zu oft mussten viele sich anhören, dass sie zu nichts taugen und Versager sind. Diesen Jugendlichen bleibt als Quelle für Anerkennung ihre Clique, in der sie ihre Freizeit verbringen. Da sich dort wiederum viele zusammentun, denen es ähnlich geht, hat der am meisten Respekt und Anerkennung, der sich durch vermeintlichen Mut und seine Entschlossenheit auszeichnet."

Diplom-Sozialpädagoge Thomas Meißner hält nichts von Erziehungscamps (Foto: Meißner)Diplom-Sozialpädagoge Thomas Meißner hält nichts von Erziehungscamps (Foto: Meißner)

* Welche Erziehungsmaßnahmen erleben Sie als sinnvoll bei ihren Jugendlichen?
"Am eindrucksvollsten sind die Angebote, in den sich die Täter direkt mit ihren Opfern auseinandersetzen müssen. Man nennt das einen ´Täter-Opfer-Ausgleich´, der unter Vermittlung von erfahrenen Fachleuten durchgeführt wird. Das Opfer bekommt Gelegenheit, dem Täter in die Augen zu schauen und die Gefühle während und nach der Tat auszudrücken. Der Täter muss sich unmittelbar mit dem Opfer und dessen Empfindungen auseinandersetzen und wird gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen für das, was er einem anderen zugefügt hat."

* Wie reagieren die Jugendlichen die von Ihnen durchgeführten Maßnahmen?
"Natürlich sind am Anfang alle erstmal froh, dass sie keine schlimmeren Strafen aufgebrummt bekommen haben. Im Laufe der Zeit merken sie aber auch, dass es nicht so einfach ist, wenn man gezwungen wird, sich mit dem, wie man ist und was man macht, auseinanderzusetzen. Viele sind es gar nicht gewohnt, wenn Erwachsene sich mit ihnen darüber unterhalten und gemeinsam mit ihnen nach Erklärungen suchen. Nach unseren Trainingskursen haben die meisten die Erfahrung gemacht, dass es Erwachsene gibt, die sich ernsthaft mit ihnen und ihren Problemen beschäftigen. Und dass es andere Jugendliche gibt, die im Alltag oder in der Familie mit den gleichen Problemen kämpfen."

* Was halten Sie von der aktuellen politischen Debatte?
"Die Debatte ist nicht neu. Immer wieder werden spektakuläre Einzelfälle von den Medien und der Politik zum Anlass genommen, um das deutsche Jugendstrafrecht in Frage zu stellen. In Wahlkampfzeiten scheint das Thema besonders beliebt zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass hier über Menschen gesprochen wird, die selber zum großen Teil noch nicht wählen dürfen und den Politikern daher nicht widerspiegeln können, was sie von den Vorschlägen halten."

* Ist das Jugendstrafrecht denn zu lasch?
"Wenn ein Gesetz vorsieht, dass ein 14-Jähriger für bis zu zehn Jahren ins Gefängnis kommen kann, sollte sich jeder fragen, was sich ändern würde, wenn er stattdessen in Zukunft fünfzehn Jahre eingesperrt bliebe. Der große Vorteil, den das Jugendstrafrecht bietet, ist seine große Flexibilität.

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Links

www.nachbarschaftshaus.de

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