Ritzen

"Ich habe nichts empfunden"

published: 05.11.2008

Heute gelingt es Christian, den inneren Druck beim Skaten abzubauen (Foto: Public Address)Heute gelingt es Christian, den inneren Druck beim Skaten abzubauen (Foto: Public Address)

Nachdem Scoolz das Video "Verdammt am Leben" der Sängerin Selina zeigte, in dem es unter anderem um selbstverletzendes Verhalten geht, meldete sich Scoolz-User Christian_15 zu Wort.

Der 13-Jährige, der sich selbst eine Zeit lang "ritzte", erklärte sich bereit, der Redaktion in einem Interview von seinen persönlichen Erfahrungen zu erzählen. Die TK und Scoolz danken Christian für den Mut, so offen und ehrlich über seine schmerzhaften Erfahrungen zu berichten.

Wie lange und wie oft hast Du Dich "geritzt"?
Christian_15: "Mit 11 habe ich damit angefangen, jetzt bin ich 13. Ich habe nicht gleich geritzt bis es blutet, sondern nur an der Oberfläche Striche in die Haut geritzt. Aber das hat sich arg schnell gesteigert. Irgendwann hat es dann auch geblutet, aber das war mir in dem Moment egal. Wie oft? Das war sehr unterschiedlich. Wenn es mir echt schlecht ging, dann alle paar Tage. Und dann wieder einige Wochen gar nicht."

Warum?
"Dafür gab es sicher einige Gründe. Den wirklichen Hauptgrund kenne ich auch nicht. Ich habe mich total alleine gefühlt, wie ein Fremder auf dieser Welt! Meine Eltern hatten zu der Zeit ziemlichen Stress miteinander, es gab kaum Tage ohne Zoff. In der Schule war ich eher ein Außenseiter, ein uncooler Streber, Klavierschüler usw. und hatte keine Freunde. Für mich war das alles nur noch Horror. Jeden Morgen, bevor ich in die Schule gefahren bin, habe ich vor Angst gekotzt. Ich war meist allein in meinem Zimmer, habe Musik gemacht oder einfach Tagebuch geschrieben. Manchmal habe ich mich dann doch einmal zum Skaterpark getraut, weil ich endlich Freunde finden wollte und weil ich absolut gern skate. Wenn da niemand war, konnte ich zumindest in Ruhe skaten. Aber meist waren da verschiedene Cliquen, die mich auch wie einen Außerirdischen behandelt haben. Das habe ich da zumindest so empfunden. Als ich dann in einer Clique war, wurde es noch viel schlimmer, aber darüber möchte und kann ich nicht reden. Es tat einfach nur noch weh. Ich habe mich vor mir selbst geekelt und mich gehasst."

Welche Gefühle hattest Du beim Ritzen?
"Keine. Klingt sicher komisch, aber in dem Moment, in dem ich geritzt habe, habe ich nichts empfunden. Da war der Hass in mir größer als alles andere. Wenn es dann geblutet hat, war es eher Angst, dass man mich für einen bescheuerten Psycho hält. Und die Schmerzen wegen der Wunde. Aber zumindest waren die Schmerzen in mir dann erst einmal weg."

Wann hast Du das erste Mal daran gedacht aufzuhören?
"Als es das erste Mal richtig geblutet hat und ich vor dem allen und vor mir erschrocken bin."

Was hat Dir dabei geholfen, mit dem Ritzen aufzuhören und auf andere Weise mit Deinen Gefühlen umzugehen?

Habt ihr auch persönliche Erfahrungen mit dem Thema?

  • Ja, ich ritze selber oder habe es schon versucht.

  • Ja, Freunde machen das.

  • Nein, gar nicht.

"Meine Eltern, mein Psychologe und einige aus meiner Clique haben mir geholfen. Ich hatte mir mitten im Unterricht eine Schere in die Handfläche gestochen, weil ich Panik vor etwas hatte, das am Nachmittag nach der Schule passieren sollte. Ich wollte, dass das aufhört. Dadurch haben es die Lehrer und dann auch meine Eltern mitbekommen. Ich musste zum Psychologen usw., aber an meinen Problemen hat das nichts geändert. Ich habe zwar mit allen über das Ritzen gesprochen und auch über einige Probleme, aber alles wissen sie bis heute nicht. Und das soll auch so bleiben. Was ich gelernt habe ist, das sich durch das Ritzen absolut nichts verändert oder verbessert. Durch einen Freund in meiner Clique, der auch einmal geritzt hat, habe ich gelernt, den Stress in mir anders loszuwerden. Einfach Auspowern beim Skaten bis mir schlecht ist, manchmal auch, bis ich kotzen muss. Das ist jetzt mein Weg, wenn ich checke, dass ich wieder kurz davor bin zu ritzen."

Was rätst Du Jugendlichen, die in schweren Lebenssituationen zu selbstverletzendem Verhalten neigen?
"Ich glaube, da kann man nur allgemein etwas sagen. Jeder hat andere Probleme. Der eine lacht drüber und für den anderen bricht dabei die Welt zusammen. Ich bin ja noch mitten drin in meinen Problemen, also was soll ich anderen raten? Wer hört schon auf einen 13-Jährigen? Alle halten einen für ein bescheuertes Kind und an allem ist immer nur die Pubertät schuld. Was ich sagen kann: Sucht euch gute Freunde zum Reden, schreibt ein Tagebuch. Schreiben ist wesentlich einfacher, als mit jemandem zu reden. Lasst euch vor allem nicht einreden, dass ihr nichts wert seid."

Warum hast Du es nicht geschafft, mit Deiner Familie oder Freunden darüber zu sprechen?
"Gute Frage. Keine Ahnung! Ich wollte nicht, dass meine Eltern noch mehr Stress haben. Freunde hatte ich nicht viele, aber darüber spricht man halt nicht."

Hast Du Dich für das Ritzen geschämt?
"Ja, geschämt und mich dann noch mehr gehasst. Und so war es nach dem Ritzen noch schlimmer als davor. Wie ein Kreislauf, aus dem man nicht mehr herauskommt. Geschämt, wenn es wieder geblutet hat. Ich habe mich nicht so sehr oft bis zum Bluten geritzt, sondern häufiger oberflächlich. Da war es mit dem Verstecken nicht schwer, man trägt einfach Shirts mit langen Ärmeln."

Wie sollten sich Deiner Meinung andere verhalten, die bei einem Freund oder Bekannten Narben etc. bemerken?
"Wenn ihr Narben, Wunden oder so etwas seht, redet einfach mit demjenigen. So, wie man mit Freunden redet und nicht wie ein Psychologe oder Arzt. Keiner ritzt aus Langeweile oder weil es Fun macht. Wenn jemand so riesige Probleme hat, dass er sich selbst verletzt, kann man darüber nicht so easy reden. Meine Eltern, Lehrer usw. haben sich Mühe gegeben, aber es gibt eben Sachen, über die man nicht reden kann. Mein Psychologe hat mir vorgeschlagen, dass ich ihm mein Tagebuch vorlese oder zum Lesen gebe, wenn ich dazu bereit bin. Das ist sicher ein guter Weg, aber ich bin dazu noch nicht bereit. Ich weiß, ich habe jetzt keine wirklichen Tipps gegeben. Wenn ich einen hätte, würde ich es sagen."

Wie gehst Du jetzt damit um, dass Du einmal "geritzt" hast?
"Ich stehe dazu. Es wissen sowieso alle. Diejenigen, die mich für einen gestörten Teen halten und als Psycho beschimpfen oder ablästern, sind mir egal. Ich habe mit mir selbst und meinen Problemen genug zu tun. Es ist zwar viel besser geworden, aber gerade, wenn ich einen Depri habe, ist es noch irre schwer."

[TK]

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