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Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Selbstverletzendes Verhalten

published: 11.11.2008

Dr. Karin Anderson beantwortet im Help-Forum Fragen von Scoolz-Usern (Foto: Public Address)Dr. Karin Anderson beantwortet im Help-Forum Fragen von Scoolz-Usern (Foto: Public Address)

Schätzungen zufolge sind in Deutschland bis zu 1,2 Millionen Menschen von selbstverletzendem Verhalten betroffen, darunter hauptsächlich Jugendliche und junge Erwachsene. Leider gibt es viele Vorurteile gegenüber Betroffenen. So heißt es gar, sie würden damit einem "Modetrend" folgen oder cool sein wollen. Wie es in Betroffenen wirklich aussieht und dass mit diesem Thema keineswegs zu spaßen ist, erklären die TK und Scoolz-Expertin Dr. Karin Anderson in der Sprechstunde.

Userin: "Hallo, ich weiß nicht was ich tun soll. In letzter Zeit musste ich mich immer wieder ritzen. Mein Unterarm ist voller Narben und ich kann keine T-Shirts anziehen. Irgendwie kann ich den Griff nach der Rasierklinge nicht lassen, ritzen hilft mir, alles zu vergessen. Mehrere Leute wollten mir schon helfen (Freunde, Schwestern), aber ich kann nicht über meine Probleme sprechen, da ich selbst manchmal nicht weiß, was eigentlich los ist. Wo kann ich Hilfe finden und einen besseren Weg, mit Problemen klar zu kommen?"

Dr. Karin Anderson: "Mädchen oder Jungen, die sich selbst verletzen, leiden meistens unter einer unerträglichen inneren Spannung, die sie durch Schneiden, Ritzen, Kratzen oder andere Verwundungen abzubauen versuchen. Anstatt trauriger, ängstlicher oder wütender Gefühle spüren sie oft nur eine innere Leere, ein Gefühl wie unter einer Glasglocke oder wie abgestorben zu sein. Durch den Schmerz, den sie sich beim Selbstverletzen zufügen, stellen sie gewissermaßen die Verbindung zur Außenwelt wieder her und nehmen sich selbst und ihren Körper wieder wahr.

Wie Du Dir vorstellen kannst, ist diese Art und Weise mit seelischen Spannungen, Traurigkeit, Angst oder Ärger umzugehen, sehr destruktiv und bringt Dir nur momentane Erleichterung. Anstatt sich mit negativen Gefühlen auf normale Weise auseinanderzusetzen, führt selbstverletzendes Verhalten in eine emotionale Sackgasse, seelische Schmerzen werden nicht verarbeitet, sondern mit Hilfe von körperlichen Schmerzen unterdrückt.

Obwohl die Wunden, die sich Selbstverletzer zufügen, meistens nicht sehr tief oder wirklich gefährlich sind, besteht doch die große Gefahr, dass das Schneiden, Ritzen, Kratzen usw. zu einer regelrechten Sucht ausartet. In dem Augenblick der Selbstverletzung erlebt das Gehirn nämlich zunehmend einen ‚Kick’, eine Art von Hochgefühl, Stärke und Kontrolle. Durch wiederholtes Erleben dieses ‚Kicks’ wird dann die innere Hemmschwelle, seinem Körper Wunden beizubringen, immer niedriger und der Griff zu Rasierklinge, Schere oder Messer geschieht immer häufiger.

Wie hilft man sich selbst, weniger oft zu ritzen?

1. Schmeiße alle Rasierklingen weg. Wenn Du keine im Haus hast, kommst Du nicht so schnell an Dein bevorzugtes Werkzeug zur Selbstverletzung heran und gewinnst Zeit.

2. Wenn Du den Drang zum Selbstverletzen spürst, hole dreimal ganz tief Luft und blase sie langsam wieder aus. Damit versorgst Du Dein Gehirn mit einer Extraportion Sauerstoff und aktivierst das Gehirnzentrum, das für Entspannung zuständig ist.

3. Greif zu einem Ersatz für das Ritzen, etwas, das intensive Empfindungen hervorruft, ohne Spuren zu hinterlassen. Du könntest z.B. Eiswürfel in die Hand nehmen, mit eiskaltem Wasser duschen, in etwas sehr Scharfes oder intensiv Würziges beißen wie Chilischote, frische Ingwerwurzel oder ungeschälte Zitrone, oder Dir Pfefferminzöl unter die Nase reiben.

Du hast Recht, Familienangehörige und Freunde, so lieb sie auch sind und so sehr sie Dich auch unterstützen möchten - sie sind nicht die richtigen Ansprechpartner, um Dir bei der Überwindung dieses schwerwiegenden Problem zu helfen. Du weißt zwar, dass seelischer Druck Dein selbstverletzendes Verhalten auslöst, aber Du merkst ja auch, dass Du selbst oft gar nicht weißt, ´was mit Dir los ist´ und warum Deine Seele immer wieder zu diesem ungeeigneten, selbstzerstörerischen Mittel greift, um mit unerträglichen Gefühlen fertig zu werden. Um das herauszufinden und vor allem auch, um Strategien zu entwickeln, mit seelischen Problemen und schwierigen Gefühlen auf gesündere, konstruktive Weise umzugehen, brauchst Du jemanden, der zwar sympathisch und einfühlsam, aber fachlich qualifiziert und neutral ist. Das kann nur ein erfahrener Psychotherapeut.

Eine Therapeutin (oder einen Therapeuten) findest Du, indem Du in den `Gelben Seiten´ unter ´Ärzte/Psychotherapie´ oder unter ´Psychologen/Psychotherapeuten´ nachschaust. Du kannst auch bei Deiner Krankenkasse anrufen und um eine Liste von kassenzugelassenen Psychotherapeuten bitten. Sowohl Ärzte für Psychotherapie, Psychoanalyse, Psychotherapeutische Medizin als auch kassenzugelassene Psychologen haben die erforderliche Qualifikation, um Hilfe bei seelischen Problemen zu leisten. Du kannst auch sicher sein, dass Deine Krankenkasse die Kosten der Behandlung übernimmt, denn Selbstverletzen ist eine Krankheit.
Bitte warte nicht länger, sondern suche Dir diese fachliche Unterstützung, genauso, wie Du sofort zum Zahnarzt gehen würdest, wenn Du unter starken Zahnschmerzen leidest. Schildere Dein Problem am Telefon und bitte um einen Vorgesprächstermin.

Diese Tricks wirken, weil Selbstverletzungsimpulse in Wellen kommen und wieder abflauen. Jedes mal, wenn Du es schafft, so eine ´Welle´ ohne Selbstverletzung zu überstehen, hast Du ein Stück an Zuversicht, Stärke und Selbstachtung gewonnen. Da Du mutig genug bist, Dein Problem in Angriff zu nehmen, bin ich auch sicher, dass Du es schaffen kannst! Liebe Grüße, Dr. Karin Anderson"

[TK]

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