Virtuelle Welten

"Ein ganz anderes Leben"

published: 22.05.2009

In Rollenspielen könnt ihr euch in fremden Welten zurechtfinden, in denen andere Regeln und Gesetze herrschen (Foto: TK)In Rollenspielen könnt ihr euch in fremden Welten zurechtfinden, in denen andere Regeln und Gesetze herrschen (Foto: TK)

Als Hexenmeister die Welt retten, als Gnom einen Schatz bergen oder als geheime Agentin Missionen erfüllen - virtuelle Räume und Rollenspiele bieten vielfältige neue Erlebnisse und Möglichkeiten. Was diese "Parallelwelten" eigentlich so spannend macht und welchen Nutzen und Gefahren sie bergen, erklärt Expertin Dr. Karin Anderson.

Welchen Reiz üben virtuelle Welten aus?
Dr. Karin Anderson: "Die Möglichkeit, ein ganz anderes Leben zu leben, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der ganz andere Regeln und Gesetze herrschen, Abenteuer zu bestehen, für die es im normalen Dasein keine Gelegenheit gibt, und Verhaltensweisen auszuprobieren, die im normalen Alltag vielleicht riskant oder verboten sind."

Wählen Jugendliche eher "Zweitidentitäten", die ihrer eigenen ähnlich sind oder solche, die komplett unterschiedlich sind?
"Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder Jugendliche wählen sich eine virtuelle Identität, die eine idealisierte Version der eigenen Persönlichkeit darstellt, nur etwas attraktiver, stärker, mutiger und heldenhafter ist. Oder der Spieler wählt sich einen Avatar, der das genaue Gegenteil von ihm verkörpert, etwa ein furchterregendes Monster, oder einen finsteren Magier."

Warum?

Dr. Karin Anderson ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie (Foto: Public Address)Dr. Karin Anderson ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie (Foto: Public Address)

"Bei dieser Wahl einer ´Zweitidentität` spielt das Unbewusste eine große Rolle. Ist der Jugendliche beispielsweise ziemlich selbstbewusst, kann sich gut durchsetzen, und ist im Grunde recht zufrieden mit sich selbst und seiner Umwelt, entspricht sein anderes Ich vielleicht einfach nur einer perfekteren Version der eigenen Person, verhält sich aber im Grunde nicht viel anderes als sein normales Ich, das heißt, es lebt nach den gleichen Wertvorstellungen. Ist ein jugendlicher Spieler aber eher gehemmt, schüchtern, hat ein schlechtes Selbstwertgefühl und ist wenig durchsetzungsfähig, wird er vielleicht ein anderes Ich wählen, das all diese Schwächen (über-)kompensiert, also beispielsweise sehr aggressiv, brutal, rücksichtslos - und vor allem mächtig - ist."

Welche positiven Effekte können solche Rollenspiele haben?
"Jugendliche können in Rollenspielen gefahrlos riskante Situationen durchleben und neue Verhaltensweisen ausprobieren. Sie können, wenn sie gestresst und unter Druck sind, Dampf ablassen und sich dadurch entspannen und `herunterdrehen´. Sie können mit ihren Freunden gemeinsam spielen und dabei viel Spaß miteinander haben."

Gibt es Dinge, die beim Spielen leichter erlernt werden können als in der Realität?
"Computerspiele trainieren z B. das Reaktionsvermögen und das blitzschnelle, `richtige´ Entscheiden. Nicht umsonst werden Computersimulationen, die ja auch nichts anderes als sehr realistisches Computerspiele sind, eingesetzt, um bestimmte Berufsgruppen zu trainieren und auf zukünftige Aufgaben vorzubereiten. Das gilt beispielsweise für Piloten, die sich in die komplizierte Technik neuer Riesenjets eingewöhnen müssen, ebenso wie für Chirurgen, die neue Operationstechniken erlernen wollen. In allen Fällen ersparen derartige Computer`spiele´ Zeit und sehr viel Geld, denn Fehler haben ja auch schlimmstenfalls nur einen virtuellen Flugzeugabsturz oder eine virtuell verpfuschte Operation zur Folge, aber keine verheerenden Unglücksfälle mit echten Toten."

Welche Gefahren liegen darin, sich eine solche "Parallelwelt" zu schaffen?

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