Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Trauer nach der Trennung

published: 08.11.2009

Expertin Dr. Karin Anderson beantwortet eure Fragen  (Foto: Public Address) Expertin Dr. Karin Anderson beantwortet eure Fragen (Foto: Public Address)

Wenn eine Beziehung zu Ende geht, sind Trauer und Schmerz selbstverständlich. Man muss sich von Hoffnungen, Träumen und Wünschen verabschieden und steht oft vor den Scherben seines bisherigen Glücks.
Manchmal ist der Liebeskummer so stark, dass der Verlassene droht, depressiv zu werden. Doch woher weiß man, wie lange diese Trauerphase dauert und ab wann man sich ernsthafte Sorgen um verlassene Familienangehörige oder Freunde machen muss? Dr. Karin Anderson gibt Tipps.

Gast: Meine Mutter hat sich vor fast 3 Monaten von ihrem verheirateten Freund getrennt. Seit der Trennung ist sie wie ausgewechselt. Nichts macht ihr mehr Freude. Mir macht das alles große Sorgen, weil ich denke, dass das entschieden über normalen Liebeskummer hinausgeht. Sie hat stark abgenommen, obwohl sie genauso isst wie vorher. Sie schläft sehr viel, ist aber trotzdem ständig müde. Und sie vergräbt sich ständig hinter Büchern. Wenn sie dann mal den Anschein von Fröhlichkeit erweckt, habe ich das Gefühl, dass es sie viel Anstrengung kostet, diesen Schein aufrecht zu halten.

Ich mache mir sehr große Sorgen um sie, weil sie zwar behauptet, dass sie sich nichts antun würde, gleichzeitig aber sagt, dass sie keine Lust mehr habe, weiterzumachen. Eigentlich fühle ich mich für die Situation im Moment nicht stark genug. Vor zwei Monaten ist mein Vater verstorben und daran habe ich immer noch zu knabbern. Noch dazu werde ich nächstes Jahr fürs Studium wahrscheinlich aus Berlin weggehen. Ich kann sie doch nicht einfach so allein lassen, wenn es ihr so geht! Für Hilfe wäre ich wirklich überaus dankbar. Ich weiß wirklich nicht mehr weiter.


Dr. Karin Anderson: "Ich kann verstehen, dass du sehr besorgt bist. Deine Mutter ist ganz sicher depressiv, aber nicht im Sinne einer Krankheit, sondern als Ausdruck ihres Trennungsschmerzes. Drei Monate Liebeskummer erscheinen dir jetzt vielleicht übermäßig lang, aber für jemanden im Alter deiner Mutter ist dieser Zeitraum absolut normal.
Deine Mutter hat sich nach einer enttäuschenden Ehe mit deinem Vater offenbar wieder an einen Mann gebunden, der nichts von sich gibt, aber alles nimmt, und sie dabei emotional im Stich lässt und (als 2.Wahl) entwertet.

Trauer braucht Zeit

Zwar hat sie vor drei Monaten gesunderweise einen Schlussstrich gezogen und sich von ihrem Freund getrennt, aber bevor der Bauch das fühlt, was der Kopf schon lange einsieht, kann es noch eine ganze Weile dauern. Mit dem Verlust - auch wenn er auf ihrer eigenen Entscheidung beruht - muss sie sich ja auch von all ihren Wünschen, Hoffnungen und Illusionen in Bezug auf diese Partnerschaft trennen, und das tut sehr weh. Der Tod deines Vaters praktisch zur gleichen Zeit wie ihre Trennung von ihrem Freund mag ihr überdies noch einmal zusätzlich vor Augen geführt haben, dass diese herbe Enttäuschung nicht die erste ist. Deine Mutter leidet - und sie braucht Zeit, sich innerlich von ihren Bindungen an ihren Freund zu lösen.

Nach deiner Beschreibung ist ihre Trauerreaktion dabei durchaus normal, natürlich hat sie keinen Appetit und nimmt daher ab, natürlich hat sie wenig Energien und ist eher müde, und sie vergräbt sich sicher in ihren Büchern, um für eine Zeit in eine andere Welt abzutauchen und nicht ständig an ihren Schmerz denken zu müssen. Reaktiv depressiv ja, aber für ernstlich selbstmordgefährdet halte ich deine Mutter nicht. Ich denke, dass du ihren Worten glauben kannst, dass sie dir so etwas nicht antun würde, auch wenn sie zeitweilig am liebsten nicht mehr da wäre.

Eigene Pläne nicht zurückstellen

Es ist aber klar, dass du durch ihre Trauer stark in Mitleidenschaft gezogen wirst. Du fühlst dich ein Stück für sie verantwortlich und möchtest ihr gern helfen. Das kannst du auch, aber nicht etwa dadurch, dass du deine eigenen Zukunftspläne zurückstellst, um in nicht altersgerechter Weise für deine Mutter dazusein. Du kannst sie nicht an einem leidvollen Entwicklungsschritt hindern, sie muss diesen Abschied von illusionären Wünschen und Fantasien von sich aus vollziehen - und wird am Ende daraus reifer hervorgehen und hoffentlich irgendwann in der Zukunft auch einem Mann begegnen, mit dem es ihr besser ergeht.

Hilfe durch Ablenkung

Deine Hilfe kann aber darin bestehen, dass du ihr zuhörst - du bist ja offenbar erwachsen genug - und dass du sie dazu animierst, sich mehr abzulenken. Frag ihre Freunde, ob sie sich nicht mit ihr zu irgendwelchen Unternehmungen treffen können. Auch wenn es sie derzeit Mühe kostet, sich in Gegenwart anderer fröhlicher zu geben, als sie ist - diese Übung ist gut für sie! Schlepp sie mit ins Kino oder zu einer anderen Veranstaltung, oder reg sie dazu an, irgendeinen Kurs zu besuchen (vielleicht mit einer Freundin zusammen). Ablenkung ist gut gegen Liebeskummer und dazu kannst du sie immer auffordern. Du musst ihr aber auch Zeiten des Rückzugs zugestehen, damit sie ihren Schmerz verarbeiten kann.
Liebe Grüße, Dr. Karin Anderson"


[TK]

Links

www.tk.de

Das könnte dich auch interessieren:

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung