Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Depression und Beziehung

published: 16.12.2009

Expertin Dr. Karin Anderson bewantwortet häufige Fragen zum Thema Liebe und Sexualität (Foto: Public Address)Expertin Dr. Karin Anderson bewantwortet häufige Fragen zum Thema Liebe und Sexualität (Foto: Public Address)

Spätestens seit dem Selbstmord von Fußballer Robert Enke ist das Thema Depression in aller Munde. Doch wie verhält man sich, wenn der eigene Freund oder die eigene Freundin unter der Krankheit leidet? Dr. Karin Anderson hilft.

Unregistrierter User: Hallo Dr. Anderson,
Im Moment läuft alles schief, was schief laufen kann. Zuvor, ich bin 18 Jahre alt. Alles fing im Oktober auf Klassenfahrt an. Ich habe einen sehr, sehr guten Freund, der auch bei mir in der Klasse ist (28 Jahre alt). In den Ferien habe ich jeden Tag bei ihm verbracht, wir sind uns näher gekommen, haben uns geküsst, alles zwischen uns ist viel intensiver geworden. Kurz nach den Ferien hat er begonnen, in der Schule zu fehlen. Er hat gesundheitliche Probleme gehabt, weshalb er nicht kommen konnte. Hinzu kam eine depressive Phase, weil wieder alles in seinem Leben zu zerbrechen drohte. Mache mir Sorgen, dass er alles hinschmeißen will oder sich eventuell was antut. Seitdem er die depressive Phase hat, läuft auch bei uns nichts mehr (vorher kamen ab und an Küsse, nachts wurde viel gekuschelt). Ich habe sehr tiefe Gefühle für ihn entwickelt, werde wahnsinnig wenn ich einen Tag nichts von ihm höre. Ich weiß nur nicht, wie er dazu steht. Ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann, will ihn auch nicht mit meinen Gefühlen belasten. Ich habe total Angst, weil wir beide an total verschiedenen Lebensabschnitten stehen. Ich hoffe auf Rat.


Dr. Karin Anderson: "Hallo,
Ich kann mir gut vorstellen, dass du sehr verwirrt und unglücklich bist, und nicht weißt, wie du jetzt in dieser Situation deinem Freund gegenüber verhalten sollst und gleichzeitig mit deinem eigenen Gefühlschaos zurechtkommen kannst. Du bist deinem Klassenkameraden in den Wochen vor seiner depressiven Phase zwar sehr nahe gekommen, aber irgendetwas hat euch beide ja davon abgehalten, sich 100% auf eine Beziehung einzulassen. Es ist sicher nicht nur der Altersunterschied – zehn Jahre sind zwar schon ein deutlicher Abstand, aber offenbar geht ihr ja noch beide zur Schule, seid sogar in derselben Klasse, und daher ist eure Lebenssituation in dieser Hinsicht die gleiche. Da stellt sich mir auch gleich die Frage, warum dein Freund mit 28 Jahren noch die Schulbank drückt. Ist es für ihn der zweite Bildungsweg? Oder hat er etwa wegen früherer Erkrankungen die Schule nicht eher beenden können? Was weißt du eigentlich von seiner Vorgeschichte?

Beziehung oft schädlich

Während langjährige Freunde durchaus eine wichtige Rolle für psychisch Kranke spielen und ihnen oft seelischen Rückhalt geben, sieht die Sache mit einer neuen Liebe leider anders aus. Möglicherweise ist sogar der Umstand, dass eure Gefühle füreinander stärker geworden sind, als beabsichtigt, mit ein Auslöser für sein Abrutschen in die Depression gewesen. Das hat mit deiner Person aber nichts zu tun. Seelische Konflikte können nämlich bei psychisch vorbelasteten Menschen oft als starke zusätzliche emotionale Belastung empfunden werden.

Kraft auf Behandlung konzentrieren

Du hast leider Recht, wenn du ihm jetzt deine Liebe, deinen Trost und deine seelische Unterstützung anbieten würdest, würde er das in seiner depressiven Stimmung möglicherweise als eine nicht zu bewältigende Gefühlsanforderung erleben. Damit meine ich nicht, dass du nun gar nichts von dir hören lassen sollst. Lass ihn ruhig wissen, dass du an ihn denkst und hoffst, dass er bald wieder gesund wird. Aber halte deine Mitteilungen sachlicher als dir vielleicht zumute ist. Dein Freund muss jetzt wirklich alle seine Kräfte auf die Behandlung seiner schweren, depressiven Krankheit konzentrieren. Ich weiß, dass dir das sicher schwerfallen wird. Aber nicht nur in deinem, auch in seinem Interesse ist es besser, wenn du innerlich etwas Abstand gewinnst – und dich auch von Wünschen nach einer Liebesbeziehung trennst, die nach allem, was du berichtest hast, sicherlich nicht möglich ist. Liebe Grüße, Dr. Anderson"

[TK]

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