Borderline-Syndrom

Achterbahnfahrt der Emotionen

published: 03.11.2006

Selbstverletzendes Verhalten kann eine Ausdrucksform des Borderline-Syndroms sein (Foto: Public Address) Selbstverletzendes Verhalten kann eine Ausdrucksform des Borderline-Syndroms sein (Foto: Public Address)

„Ich habe schon wieder Glasscherben gesammelt, Schwester.“ Die junge Patientin einer psychiatrischen Station nahe Hamburg sagt den Satz scheinbar beiläufig. In ihrer Stimme klingt ein leicht provokanter Unterton durch. „Es kommt häufig vor, dass die Patienten, die sich ritzen, ihre Tat ankündigen, etwa um auf ihre Situation aufmerksam zu machen", sagt Rita Dickmann (Name geändert), Krankenschwester auf der Station. „Die Erkrankten verspüren häufig einen großen inneren Druck, den sie sich mit einer Selbstverletzung nehmen können. Oft spüren sie bei den Schnitten, die so tief gehen, dass sie genäht werden müssen, nicht einmal Schmerzen.“

Etwa dreimal so viele Frauen wie Männer leiden am Borderline-Syndrom (Foto: Public Address)Etwa dreimal so viele Frauen wie Männer leiden am Borderline-Syndrom (Foto: Public Address)

Was die Krankenschwester hier recht drastisch beschreibt, ist Teil der komplexen psychischen Störung Borderline-Syndrom. Doch tatsächlich ist das Krankheitsbild weitaus komplexer und die Selbstverletzung oder das so genannte Ritzen nur eine von vielen Ausdrucksformen. Trotzdem wird die Handlung allzu häufig mit der psychischen Störung in Verbindung gebracht - obwohl Selbstverletzungen auch bei anderen Störungsbildern vorkommen. Manche Borderline-Patienten verletzen sich nicht. Was also steckt hinter der psychischen Krankheit?

Was ist das Borderline-Syndrom?
Ohne Zweifel gehört das Borderline-Syndrom oder die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), wie die Krankheit in der Fachsprache genannt wird, zu den häufigsten Diagnosen in der Psychologie. Wann immer eine psychische Störung mit bestimmten Verhaltensweisen auftritt, fällt schnell der Name Borderline. Bei der führenden Internet-Suchmaschine erreicht der Begriff „Borderline Syndrom“ immerhin 280.000 Treffer - „Knochenbruch“ kommt gerade einmal auf 175.000.

Besonders in den letzen Jahren geisterte der Begriff durch die Medien, dabei ist die Krankheit nicht neu. Bereits 1938 beschrieb Adolf Stern die Störung bei einem seiner Patienten und gab ihr auch den Namen, weil er die Krankheit mit den damaligen psychoanalytischen Methoden nicht zufrieden stellend behandeln konnte. Lange hielt man die Erkrankung dann für eine Mischform aus Neurose und Psychose.

Recht bald erkannte man aber, dass die Symptome in ihrer Gesamtheit als Persönlichkeitsstörung zu sehen sind und Borderline eine bestimmte von vielen Persönlichkeitsstörungen ist. Eine weitere bekannte Störung etwa ist die Narzisstische Störung oder die Selbstunsichere Störung. Der Begriff "Borderline" hat somit zwar seine inhaltliche Bedeutung verloren, wurde aber trotzdem beibehalten. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland derzeit 1,5 Prozent der Erwachsenen unter der Störung leiden. Frauen sind etwa dreimal so oft betroffen wie Männer.

Welche Symptome es gibt
Die Betroffenen haben eins gemeinsam: den schwierigen Umgang mit Emotionen. Die Borderlinestörung zählt zu den so genannten "Emotional Instabilen Persönlichkeitsstörungen". Kennzeichnend dafür ist, dass Erkrankte unter sehr wechselhaften und affektartigen Stimmungsschwankungen leiden, die sie dann ausleben - oft, ohne Rücksicht auf die Folgen zu nehmen. Ihre Fähigkeit vorauszuplanen ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu explosivem, manchmal gewalttätigem Verhalten führen. „Oft gleicht die Gefühlswelt der Betroffenen einer Achterbahnfahrt der Emotionen“, beschreibt eine Hamburger Psychologin die Krankheit.

Dazu kommt ein zerrüttetes Selbstbild. Auch völlig ungenaue und wechselhafte Zielvorstellungen, die sich im Privat- und Berufsleben wiederfinden, sind typisch für die Krankheit. Das setzt sich vor allem in Beziehungen zu anderen Menschen fort. Häufig durchleben Betroffene sehr intensive aber auch kurze, unbeständige Beziehungen. Eine pessimistische Grundhaltung, die in Einzelfällen bis ins Depressive abdriften kann, ist typisch.

Ausdrucksformen von Borderline
Steckt eine Partnerschaft oder Freundschaft dann in der Krise oder treten andere Probleme auf, kann es zu selbstschädigenden Handlungen wie dem Ritzen oder sogar zu Suiziddrohungen und -versuchen kommen.

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