Sprechstunde

Starker Kinderwunsch

published: 02.11.2012

Ein 16-jähriges Mädchen möchte sehr gerne ein Baby bekommen. Aber ist das auch eine gute Idee? (Foto: dreamteam1985/shutterstock.com) Ein 16-jähriges Mädchen möchte sehr gerne ein Baby bekommen. Aber ist das auch eine gute Idee? (Foto: dreamteam1985/shutterstock.com)

Ein 16-jähriges Mädchen möchte sehr gerne ein Baby bekommen. Aber ist das auch eine gute Idee? Im Help-Forum fragt die Scoolz-Userin Dr. Karin Anderson, um Rat.

Dr. Karin Anderson lebt im US-Bundesstaat Maine. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und hat eine Zusatzausbildung für psychotherapeutische Medizin. Als Forenexpertin für Scoolz berät sie unsere User kostenlos. Wenn du unserer Expertin ein Problem schildern möchtest oder eine Frage stellen willst, tue dies jederzeit gerne in den Foren Gefühlssachen oder Help.

Die Scoolz-Userin fragt:
"Hi,
ich bin 16 und musste schon sehr früh Verantwortung übernehmen. Meine Mutter sitzt im Rollstuhl und Vater habe ich keinen. Ich habe seit acht Monaten einen Freund. Wir wollen heiraten und Kinder haben. Aber das mit Kindern ist ihm noch zu früh. Er ist 25. Ich fühle mich nicht wie 16 sondern viel älter. Ich werde in einem Monat bei ihm einziehen. Meine Mutter hat auch nichts dagegen. Ich habe einen so starken Kinderwunsch dass ich mir schon sämtliche Symtome einbilde (wir verhüten nicht). Mein Freund und ich lassen es nicht drauf ankommen, aber wenn es passiert, dann ist es passiert.

Was kann ich tun, damit ich mich nicht so verrückt mache? Ich glaube, der Kinderwunsch liegt auch daran, dass ich schon dreimal schwanger war, aber die ersten zwei abgetrieben habe und das letzte im zweiten Monat verloren habe. Immer wenn ich Leute mit Kindern oder Schwangere sehe, kommt bei mir sofort wieder der Gedanke, ich könnte jetzt schon Mutter sein. Ich habe Schuldgefühle, weil die Kinder nicht am Leben sind. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Eine Therapie möchte ich nicht. Soll ich so weitermachen und hoffen, schwanger zu werden? Oder vielleicht doch verhüten????"

Dr. Karin Anderson antwortet:
"Hallo,
Deine Schilderung hat mich sehr berührt. Kein Wunder, dass Du Dich viel älter fühlst, als Deine 16 Jahre. Du hast ja schon sehr früh viel Verantwortung übernehmen müssen und Schweres durchgemacht, während Deine Altersgenossen eine unbeschwerte Kindheit erleben durften. Trotzdem - oder gerade deswegen - möchte ich Dich warnen, Deinem Kinderwunsch jetzt schon nachzugeben. Auch, wenn Du Dich viel älter fühlst: In Dir steckt neben der verantwortungsvollen Fast-Erwachsenen noch ein kleines Kind, das nicht genügend Zuwendung und Fürsorge erfahren hat und sehr bedürftig ist.

Kinderfantasie

Für viele junge Mädchen, die eine ähnliche Kindheit durchgemacht haben wie Du, entsteht der Gedanke, so früh ein eigenes Baby zu haben, aus dem Wunsch heraus, ein kleines Wesen um sich zu haben, das einen bedingungslos liebt, für einen da ist, zärtlich und kuschelig ist. Diese Vorstellung hat aber leider wenig mit der realen Situation einer jungen Mutter mit ihrem Baby zu tun. Ein Baby, so wonnig es auch sein mag, ist in erster Linie ein sehr bedürftiges Etwas, das rund um die Uhr versorgt werden muss. Und dabei geht es nicht einfach nur darum, dass Du auf Partys oder Alkohol verzichten musst.

Die sehnsuchtsvolle Kinderfantasie, die Dich beherrscht, bezieht nämlich mit Sicherheit nicht ein, wie es sich anfühlen wird, wenn Dein Baby eben nicht wonnig und zufrieden ist, sondern möglicherweise sehr viel weint, nicht schläft - und Dich und Deinen Freund auch nicht schlafen lässt. Dein Freund fühlt sich mit seinen 25 Jahren noch nicht wohl bei dem Gedanken an eine so frühe Vaterschaft, bevor Ihr überhaupt Zeit hattet, Eure Partnerschaft aufzubauen. Sein Instinkt ist gesund: Er weiß offenbar besser als Du, wozu er sich jetzt schon fähig fühlt, und was ihn überfordern würde.

Keine Entwicklungsphase verpassen

Um zu reifen, muss jeder Mensch mehrere altersgemäße Entwicklungsphasen durchmachen, die vollständig durchlebt sein sollten, damit nicht unbewältigte Reste nachbleiben, die sich in jeder weiteren Lebensphase störend bemerkbar machen. Wenn Du jetzt bereits Mutter werden willst, bevor Du eine Ausbildung gemacht hast und bevor sich Deine Beziehung zu Deinem Freund durch ein Zusammenleben als Paar stabilisiert hat, musst Du ungeheuer viele Bedürfnisse nach eigener Entwicklung, nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit, nach dem normalen Leben einer Jugendlichen zurückstellen. Diese Wünsche, die Dir vermutlich noch nicht einmal bewusst sind, verschwinden nicht einfach, wenn man sie verdrängt, sondern sie nagen heimlich an Deiner Seele und drücken sich sehr oft in körperlichen Krankheiten aus.

Finanziell unabhängig werden

Wenn Du keine Ausbildung machst, hast Du auch keine Möglichkeit, jemals finanziell unabhängig zu sein und Befriedigung durch eine Arbeit zu finden, die Dir Spass macht. Auch wenn Du Deinen Freund sehr liebst und alles zwischen euch jetzt wunderbar ist - Tatsache bleibt, dass heutzutage die Hälfte aller Ehen geschieden wird. Finanzielle Sorgen und Überforderung sind einige der wesentliche Ursachen dafür.

Schuldgefühle verarbeiten

Es muss sehr schwer für Dich gewesen sein, zwei Abtreibungen und eine Fehlgeburt durchzumachen. Du hast aber keine Zeit (und vermutlich auch keine Hilfe) gehabt, diese Verluste seelisch zu verarbeiten und wirst noch von Schuldgefühlen gequält. Diese unverarbeiteten Schuldgefühle werden aber keineswegs verschwinden, wenn Du jetzt schon ein Baby bekommst - im Gegenteil, Du wirst Deinem Kind nicht unbefangen begegnen können, sondern vermutlich ständig befürchten, Fehler zu machen, und das Gefühl haben, an ihm wiedergutmachen zu müssen, was Du bei den anderen versäumt hast.

Es wäre wirklich gut, wenn Du Deine Hemmungen überwinden und Dich an eine Therapeutin oder einen Therapeuten wenden könntest. Mit ihrer oder seiner Hilfe könntest Du lernen, erst einmal Dir selbst eine gute Mutter zu sein und Deine eigenen Bedürfnisse zu stillen, bevor Du wieder ausschließlich für andere dasein musst.
LG, Dr. Karin Anderson"

[TK]

Links

Zum Forenthread

Das könnte dich auch interessieren:

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung