Dr. Anderson im Interview

Angst im Getümmel

published: 11.03.2009

Orte, an denen sich viele Menschen aufhalten, bereiten Agoraphobikern häufig Unbehagen (Foto: In the park of Bec Abbey von stanzebla lizensiert durch https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/) Orte, an denen sich viele Menschen aufhalten, bereiten Agoraphobikern häufig Unbehagen (Foto: In the park of Bec Abbey von stanzebla lizensiert durch https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Schlangen-Gedrängel in der Mensa, überfüllte Hörsäle und laute, bevölkerte Flure sind in den meisten Unis an der Tagesordnung. Das kann zwar manchmal ganz schön nerven, stellt jedoch für die wenigsten Studierenden ein ernsthaftes Problem dar. Für Menschen, die unter Agoraphobie leiden, werden solche scheinbar lapidaren Ärgernisse hingegen schnell zu unbewältigbaren Problemen, die unter Umständen ihren gesamten Alltag behindern. Ihre Angst vor "Plätzen" macht es Agoraphobikern schwer bis unmöglich, sich solch öffentlichen Situationen zu stellen.

Im Interview mit der TK erklärt Dr. Karin Anderson, wie Betroffene mit einer solchen Angststörung umgehen können.

Wovor haben Menschen mit Platzangst bzw. Agoraphobie genau Angst?
Dr. Karin Anderson: "Agoraphobiker fürchten sich davor, in Panik zu geraten, die Kontrolle über sich zu verlieren, ohnmächtig zu werden oder 'durchzudrehen', wenn sie sich an angstmachenden Orten aufhalten und ihnen möglicherweise keiner Hilfe leisten kann. Verstärkt wird die Angst besonders durch die Befürchtung, mit einem Panikanfall unangenehmes Aufsehen zu erregen und anderen peinlich aufzufallen."

Dr. Karin Anderson ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie (Foto: Public Address)Dr. Karin Anderson ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie (Foto: Public Address)

Welche Symptome gibt es?
"Die Panikattacken machen sich durch massive Angst, Herzklopfen, Herzrasen, Zittern am ganzen Körper, starkes Schwitzen, Übelkeit, Schwindel und Erstickunggefühle bemerkbar. Frauen sind - aus bisher unbekannten Gründen - häufiger davon betroffen als Männer."

In vielen Unis gibt es vollkommen überfüllte Vorlesungen. Was raten Sie Studierenden mit Agoraphobie, um so eine Situation zu überstehen?
"Sie sollten sich bereits vor der Veranstaltung mit den Örtlichkeiten vertraut machen. Außerdem sollten sie rechtzeitig genug dort sein, um sich die Plätze auszusuchen, die ihnen am wenigsten Unbehagen bereiten. Also etwa Sitze in der Nähe des Ausgangs oder am Ende einer Reihe, damit sie notfalls schnell zum Ausgang gelangen können."

Können Betroffene selbst etwas gegen Symptome tun bzw. dafür sorgen, dass sich eine Phobie nicht manifestiert?
"Bewährt haben sich Ablenkungsstrategien, die körperliche Panikreaktionen unterbrechen oder zumindest abmildern können. Betroffene sollten vorsorglich immer einen Snack und ein Getränk in die Tasche oder den Rucksack stecken, denn Essen und Trinken beruhigt den aufgebrachten Magen und hilft gegen aufkommende Panikgefühle. Eine meiner Patientinnen nahm nach Möglichkeit ihr Fahrrad überallhin mit. Sie wollte notfalls in der Lage sein, schnell vor einer angstmachenden Situation wegfahren zu können. Für eine andere Patientin bedeutete es eine große Hilfe, dass sie zu jeder Zeit eine Freundin anrufen konnte, die von ihrem Problem wusste und sich mit Angstattacken auskannte."

Wovon hängt es ab, ob es in einer "brenzligen" Situation wirklich zu einer Angstattacke kommt?
"Zum einen spielt die Grundstimmung eine Rolle. Wenn jemand gut gelaunt und entspannt ist, ist das Risiko einer Attacke geringer. Wer sich geärgert hat, angespannt und nervös ist, gerät leichter in Panik. Zum anderen ist das Gefühl sehr wichtig, Strategien zu kennen, um aufkommende Ängste bekämpfen zu können, also nicht der Panik hilflos ausgeliefert zu sein."

Wie sollten sich Kommilitonen/Dritte verhalten, wenn jemand eine Panikattacke bekommt?
"Ihn beruhigen und ablenken. Ihm nicht das Gefühl geben, dass er sich blamiert, oder ein großes Theater um die Symptome machen, das kann eine Panikattacke nämlich verstärken. Besser ist es, ruhig und sachlich über die Situation zu sprechen und zu fragen, was ihm jetzt am besten helfen könnte. Die Spannung abwiegeln, indem man die Phobie nicht als etwas ganz Besonderes, Schlimmes, behandelt, sondern als eine behandelbare nervöse Störung, von der viele Menschen betroffen sind."

Muss eine Agoraphobie immer therapeutisch behandelt werden?
"Wenn die Panikstörung noch im Anfangsstadium ist, lässt sie sich in vielen Fällen noch managen. Jede Attacke, die aus eigener Kraft überwunden werden kann, führt nämlich zu einer Verminderung. Jede Attacke, der man aber nachgibt, hat zur Folge, dass sich die Angst vor der Angst verstärkt. Wer vor der Panik zurückweicht, ihr das Feld überlässt und angstmachende Situationen meidet, büßt nicht nur ganz erheblich an Lebensqualität ein, sondern sorgt auch dafür, dass die Störung zunimmt und sich ausweitet. Daher ist es sehr wichtig, sich sofort Hilfe zu holen, sobald man merkt, dass die Symptome stärker werden."

[Franzisca Teske]

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