Ein Knochenmarkspender im Interview

"Es war wie Urlaub"

published: 22.06.2011

Sven Behring hat mit seiner Stammzellspende einem Leukämiekranken geholfen (Foto: Public Address)Sven Behring hat mit seiner Stammzellspende einem Leukämiekranken geholfen (Foto: Public Address)

Er ist kein Feuerwehrmann, kein Unfallarzt und auch nicht Superman. Und trotzdem: Sven Behring ist ein Lebensretter. Vor kurzem hat sich der 32-Jährige Stammzellen entnehmen lassen, um damit einem an Blutkrebs erkrankten Mann zu helfen.

Menschen mit Leukämie sind oft auf eine solche Spende angewiesen, um eine Heilungschance zu haben. Doch nur wenige gesunde Personen sind bereit zu einer solchen Tat. Unter einer Knochenmarkspende stellen sich die meisten immer noch eine risikoreiche Operation vor. Doch das ist ganz falsch, erzählt uns der gebürtige Westfale. Denn anders als früher wird dem Spender heute nicht mehr direkt Knochenmark entnommen, damit man daraus die wichtigen Stammzellen gewinnt. Stattdessen reicht es meistens aus, die Stammzellen aus dem Blut zu filtern. Unikosmos traf Sven zum Interview.

Wie hast Du die Mitteilung erhalten, dass Du als Spender ausgesucht wurdest?
Sven: "Ich war gerade zum Weihnachtsbesuch bei meinen Eltern, als ich einen Brief von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bekam. Ich habe ihn in meinem alten Kinderzimmer aufgemacht. Im Brief stand, dass ich als Spender infrage komme. Darüber war ich sehr froh, denn es ist selten, dass die Stammzellen passen."

"Angst hatte ich nicht", sagt Sven (Foto: Public Address)"Angst hatte ich nicht", sagt Sven (Foto: Public Address)

Wie kam diese Organisation auf Dich?
"Ich hatte mich vor 20 Jahren dort registrieren lassen. Damals gab es ein Kind auf meiner Schule, das Leukämie hatte. Um einen passenden Spender zu finden, wurden wir dazu aufgerufen, uns typisieren zu lassen. Wir wussten alle, dass dieses Kind ohne eine Stammzell-Spende wohl bald sterben würde. Aber auch, wenn ich damals nicht typisiert worden wäre, hätte ich das inzwischen wohl schon gemacht. Es ist nämlich sehr einfach. Damals wurde die Typisierung noch per Blutabnahme gemacht, heute ist nicht einmal mehr das nötig. Es reicht, ein Wattestäbchen durch den Mund zu ziehen."

Was hast Du gemacht, nachdem Du den Brief gelesen hattest?
"Im Brief stand, dass ich bei der DKMS anrufen sollte und das habe ich direkt getan. In dem Gespräch haben sie mir dann gesagt, dass die Spende in Dresden über die Bühne geht. Darüber habe ich mich gefreut, da ich noch nie dort war. So bekam ich die Möglichkeit, mir diese schöne Stadt einmal anzuschauen."

Hattest Du keine Zweifel oder Bedenken?
"Nein. Ich hatte vollstes Vertrauen in die Ärzte und Mediziner. Knochenmarkspenden werden ja ausreichend oft durchgeführt, sodass man alle Komplikationen kennt."

Wie ging es weiter?
"Drei Wochen vor der eigentlichen Spende musste ich für einen Tag nach Dresden fliegen. Ich wurde in einem Krankenhaus komplett durchgecheckt, damit die Ärzte sich sicher sind, dass mein Körper die Spende verkraftet. Das war cool: Ich wollte sowieso mal wissen, ob alles in Ordnung ist."

Welche weiteren Vorbereitungen gab es?
"Fünf Tage vor der Spende musste ich mir zuhause ein Mittel spritzen, das die Produktion der Stammzellen anregt. Weil der Körper daraufhin mehr Stammzellen produziert, haben diese Zellen irgendwann in den Knochen keinen Platz mehr. Danach werden sie über die Knochen ins Blut angegeben. Erst dann kann man sie für die Spende über das Blut entnehmen. Deswegen musste ich mir alle zwölf Stunden zwei Spritzen in die Bauchfalte setzen. Das kannte ich schon von Trombosespritzen nach einer Knieoperation. Es sind wirklich ganz dünne Nadeln. Wer sich das nicht zutraut, kann sich die Spritzen auch vom Hausarzt geben lassen. Im Vergleich zu dem, was der Empfänger durchmachte, ist das alles harmlos. Er musste zur Vorbereitung eine Chemotherapie machen, damit sein Körper meine Zellen überhaupt annehmen kann."

Hattest du währenddessen Beschwerden?

"Nö. Ich habe überhaupt nichts gespürt, war höchstens ein bisschen schlapp. Ich war weiterhin voll arbeitsfähig. Zwei Tage vor der Spende hatte ich allerdings einmal starke Schmerzen in der Brust. Da dachte ich kurz: ‚Super, ist das jetzt ein Herzinfarkt?’. Es war aber ganz harmlos. Ich habe wohl gespürt, wie die Stammzellen durch den Knochen am Brustbein ins Blut gedrückt wurden, weil dort viele produziert werden."

Wie lange dauerte die eigentliche Spende?
"Für die Spende werden zur Sicherheit zwei Tage angesetzt: Falls am ersten Tag nicht genug Stammzellen entnommen werden können, macht man am nächsten Tag weiter. Bei mir hat das am ersten Tag gleich ausgereicht, sodass ich den zweiten Tag komplett frei hatte. Den habe ich mit Sightseeing in Dresden verbracht. Es war wie Urlaub."

Wie lief die Spende genau ab?
"An meinem rechten Arm wurde mir ein Zugang zur Vene gelegt. Von dort lief mein Blut in einen Schlauch zu einer Zentrifuge, welche die Stammzellen aus dem Blut filtert. Von diesem Gerät lief das Blut über einen zweiten Schlauch zurück in meinen linken Arm. Ich habe also nicht einmal Blut verloren. Die ganze Konstruktion sieht sehr spacig aus. Die Prozedur dauerte etwa vier Stunden. Währenddessen lag ich bequem und habe mir zwei Filme aus der stationseigenen Videothek angesehen. Danach bin ich dann direkt zurück ins Hotel und schlafen gegangen. Für den Körper war es anstrengend, denn das Herz musste in dieser Zeit viermal das gesamte Blut aus dem Körper pumpen."

Was weißt Du über den Empfänger Deiner Spende?
"Es handelt sich um einen 60-jährigen Spanier. Welche Informationen man als Spender über den Empfänger bekommt, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Nur etwa die Hälfte der Spenden, die in Deutschland vorgenommen werden, gehen an deutsche Empfänger. Das System ist weltweit vernetzt. Ich habe mir direkt nach der Spende vorgestellt, wie mein Knochenmark nach Spanien geflogen und zu jemandem gebracht wird, der gerade eine Chemotherapie macht."

Willst du den Empfänger kennen lernen?
"Das spanische Gesetz hat es so geregelt, dass ich ihm nur einen Brief schreiben darf. Dieser muss handschriftlich und ohne jegliche Hinweise auf meine Herkunft verfasst sein. Dann darf mir der Empfänger einen Antwortbrief schreiben und das war’s. Wegen dieser rechtlichen Beschränkung kann gar keine echte Kommunikation entstehen. Immerhin bekomme ich 100 Tage nach der Spende eine Nachricht, wie es dem Empfänger meiner Stammzellen geht. Hauptsache, er überlebt und wird wieder gesund!"

Hättest Du gerne mehr Kontakt zu ihm gehabt?
"Ich erwarte nichts für meine Spende, aber ich hätte es schon spannend gefunden, mehr über ihn zu erfahren. Schließlich ist er jetzt mein genetischer Zwilling."

Würdest du wieder Knochenmark spenden?
"Ja, auf jeden Fall. Die Leute stellen sich eine solche Spende in der Regel viel schlimmer vor, als sie ist. Oft verwechseln sie Knochenmark mit Rückenmark. Das ist natürlich etwas ganz anderes. Rückenmark kann man nicht spenden. Tatsächlich war es fast wie eine Blutspende."


Willst auch du Lebensretter werden? Hier kannst du dich in die Deutsche Knochenmarkspenderdatei eintragen.

[Anne-Kristin Kruse]

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