Macken, Marotten und Zwänge

Zwanghaft oder normal?

published: 13.09.2005

Nägel kauen ist eine nervige, aber harmlose Marotte (Foto: dmvphotos/shutterstock.com) Nägel kauen ist eine nervige, aber harmlose Marotte (Foto: dmvphotos/shutterstock.com)

Der eine trinkt nur Kaffee, der andere trägt nur Schwarz. Die eine hat Angst vor fiesen Geräuschen, die andere mag ihre Hände nur in roten Handtüchern abtrocknen. Wann werden liebenswerte Eigenheiten zu nervenden Macken? Und wann verhält man sich so zwanghaft, dass man darüber nachdenken sollte, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen? Dr. Karin Anderson nimmt Stellung.

* Seit vielen Jahren kaue ich an meinen Fingernägeln. Wenn ich Stress habe, ist es besonders schlimm. Dann blutet es richtig. Ich mag meine Hände schon gar nicht mehr zeigen. Ich würde so gerne aufhören mit dem Fingernägelkauen, schaffe es aber einfach nicht. Ich fange immer wieder an! Was kann man da machen?
"Fingernägelkauen entsteht meist bereits während der Kindheit in einer Phase, wo du unter Stress stehst. Um die Spannungen abzubauen, die du anders nicht loswerden kannst, beginnst du, an den Nägeln oder an der umgebenden Haut zu zupfen oder zu kauen. Dort sind ja oft Nietnägel oder raue Stellen, die zum Herum-Puhlen reizen. Jedes Abkauen oder Abbeißen ergibt ein neues, eckiges oder abstehendes Haut- oder Nagelstück, das nun erst recht zum Beißen und Reißen einlädt. Das kann so lange gehen, bis es wie bei dir anfängt zu bluten oder die Nägel restlos heruntergekaut sind. Weil dabei das empfindliche Nagelbett oft verletzt wird, kann es sogar passieren, dass die Nägel schließlich nur ganz verkrüppelt nachwachsen.
Leider verselbständigt sich diese lästige Angewohnheit irgendwann so weit, dass du mit dem Nagel- oder Nagelhautkauen weitermachst, obwohl der ursprüngliche Grund für die unterdrückten Spannungsgefühle längst vergessen ist. Ohne es zu merken, landen die Finger im Mund, sobald du genervt bist, dich langweilst, irgendwo warten musst, sauer bist oder innerlich unruhig. Bis du dann merkst, was du tust, ist der Nagel oder die Haut schon wieder eingerissen, es tut weh oder blutet. Bei einigen Betroffenen beschränkt sich das Nägelkauen nicht nur auf die Finger, sondern sie bearbeiten auch ihre Fußnägel.
Weil das Beißen oder Zupfen ganz automatisch und unbewusst geschieht, kann man es sich leider nur mühsam wieder abgewöhnen. Selbstvorwürfe und gute Vorsätze ändern da überhaupt nichts. Oft werden bittere Lösungen zum Einpinseln oder der Gebrauch von Nagellack empfohlen, um den Geschmack am Kauen zu vergellen. Leider nützt diese Maßnahme höchstens in leichten Fällen oder dann etwas, wenn man es noch nicht lange macht. Dem eingefleischten Gewohnheitskauer helfen solche Abschreckmittel nicht!
Der einzige Tipp, der nach meiner Erfahrung Erfolg verspricht, ist die schrittweise Entwöhnung. Du musst dir als Erstes fest vornehmen, zunächst nur an einem Finger, z.B. dem kleinen Finger jeder Hand, nicht mehr zu kauen. Die anderen dürfen weiter ‚bearbeitet‘ werden. So besteht eine gute Chance, dass du rechtzeitig merkst, wenn du den verbotenen Finger in den Mund steckt. Wenn du es dann schließlich geschafft hast, diesen einen Finger jeder Hand völlig zu verschonen, kannst du dir den nächsten vornehmen, etwa den Ringfinger. Wenn dieser Finger auch kau-frei geworden ist, ist der Mittelfinger dran. Unterstützen kannst du diese Entwöhnung zusätzlich mit ‚Zuckerbrot und Peitsche‘: Belohne dich mit etwas Schönem, wenn du einen Finger verschonen kannst, aber zahle etwas in eine Strafkasse ein, wenn du ‚sündigst‘. Im günstigsten Fall bist du irgendwann völlig knabberfrei. Dafür brauchst du allerdings Geduld, schnell geht das nämlich nicht. Aber selbst, wenn du es nicht 100-prozentig schaffst, das Kauen bleiben zu lassen - es ist schon viel gewonnen, wenn du nur noch an einem oder zwei Fingern kaust. Meistens hat dann nämlich die Intensität des Knabberdranges deutlich nachgelassen, und es geschieht viel seltener, dass du dich so verletzt, dass es blutet.”

* Ich habe eine Angewohnheit, die einige Leute komisch finden: Ich kann nur rechts neben Leuten gehen! Also wenn ich mit einer Freundin in der Stadt beim Shoppen bin oder über ein Straßenfest schlendere, muss ich immer rechts gehen. Wenn meine Freundin sich als erste in Bewegung setzt und rechts von mir geht, muss ich sie immer überholen, damit ich rechts bin. Ich weiß nicht, wieso das so ist. Woher kommt das und ist das schlimm?
"Deine zwanghafte Angewohnheit, immer rechts gehen zu müssen, stammt aus einer Phase der Menschheitsentwicklung, in der noch ein magisches Denken vorherrscht. Damit ist das Gefühl gemeint, mit Wünschen, Gedanken oder Handlungen bestimmte Ereignisse bewirken zu können. Bei Naturvölkern ist so eine Denkweise weit verbreitet. Mit bestimmten Ritualen sollen Götter besänftigt oder eine erfolgreiche Jagd herbeigeführt werden. Dieses magische Erleben findet sich auch in unserem westlichen Aberglauben wieder. Wer sich lauthals über sein Glück freut, klopft vorsichtshalber auf Holz, um zu verhindern, dass anschließend etwas Unangenehmes passiert (weil die Götter neidisch sind!). Ein typisches Beispiel für solch magisches Denken hat fast jeder von uns als Kind erlebt: ‚Wenn es mir gelingt, auf dem Nachhauseweg nicht auf die Rillen zwischen den Gehwegplatten zu treten, schreibe ich morgen keine Fünf in der Mathearbeit‘, oder etwas Ähnliches. Die meisten Menschen sind sich des tief in jedem von uns verankerten magischen Denkens überhaupt nicht bewusst, so lange bis etwa ein Schicksalsschlag über sie hereinbricht, und sie krampfhaft überlegen, womit sie dieses Unglück verdient haben.
Irgendwo in deinem Unbewussten besteht offenbar eine magische Verbindung zwischen deinem Rechtsgehen und etwas, das passieren könnte, wenn du es nicht tust. Diese unbewusste Furcht äußert sich bei dir als Unbehagen, dass du nur überwinden kannst, wenn du so schnell wie möglich wieder auf die rechte Seite gehst. Was diesen Zwang ursprünglich einmal in Gang gesetzt hat, könntest du vermutlich nur mit Hilfe einer Psychoanalyse herausfinden. Da deine Angewohnheit aber harmlos ist und dich auch sonst nicht weiter zu behindern scheint, solltest du sie einfach als zu dir gehörig akzeptieren und ganz offen zu deiner speziellen Macke stehen.”

* Hallo! Ich bin ein super-ordentlicher Typ. In der Schule und zu Hause liegt bei mir alles an seinem Platz. Ich kann es überhaupt nicht haben, wenn jemand etwas verändert und beispielsweise die Stifte oder den Block außerhalb der Reihen oder nicht im Rechten Winkel hinlegt. Ich muss auch im Auto erst mal aufräumen, bevor ich losfahren kann. Meine Freunde nervt das total und die machen dumme Sprüche.
"Wir alle sind mit unserem Ordnungsverhalten irgendwo auf einer Skala anzusiedeln, an deren einen Ende das Chaos und am anderen Ende die totale Zwanghaftigkeit steht. Mit deiner peniblen Ordnungsliebe befindest du dich näher beim zwanghaften Ende. Wenn dein Ordnungsdrang nur dumme Sprüche deiner Freunde zu Folge hat, ist das noch nicht tragisch. Bedenklich wird so eine zwanghafte Ordentlichkeit aber dann, wenn du zum Beispiel keine Hausaufgaben mehr erledigen oder in der Schule keinen Arbeit beenden kannst, weil allein deine Vorbereitungen, alles 100-prozentig exakt zurechtzulegen usw., so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass du nicht mehr fertig wirst. Oder wenn du völlig unangemessen reagierst, z.B. total ausrastest, wenn deine Sachen nicht genau an ihrem gewohnten Platz liegen.
Es wäre wichtig, dass du versuchst, dich so zu trainieren, dass du ein bisschen mehr Unordnung ertragen kannst. Zwar hält sich deine pedantische Ordnungsliebe noch im Rahmen des Erträglichen, könnte aber noch extremer - und damit krankhaft - werden, wenn du nicht versuchst, deine Toleranzgrenzen etwas zu erweitern. Ich würde dir empfehlen, Techniken aus der Verhaltenstherapie anzuwenden: Mache dir eine Liste, wo du aufschreibst, was du an Unordnung aushalten kannst, und was nicht. Nimm dir zuerst eine Sache vor, die dich ein bisschen stört. Mach dir zur Aufgabe, dieses eine Außer-der-Reihe-Sein zu tolerieren. Lege zum Beispiel jeden Tag einen Gegenstand etwas schief hin. Schreibe dir deine Gedanken und Gefühle dabei auf. Wenn es dir gelingt, den schiefen Gegenstand auszuhalten, ohne dass du furchtbar unruhig wirst, kannst du dir die nächste Aufgabe stellen. Gehe dabei ruhig in kleinen Schritten vor, nimm dir nicht zu viel auf einmal vor. Belohne dich mit etwas, das du gern tust, wenn du einen Schritt geschafft hast. Schließlich wirst du es dann auch wagen können, deine Zwanghaftigkeit dort in Angriff zu nehmen, wo dich Unordnung stärker beeinträchtigt. Wenn es dir auf diese Weise gelingt, deinen Ordentlichkeitszwang etwas zu lockern, kannst du stolz auf diesen Erfolg sein - und deine Freunde werden keine dummen Sprüche mehr loslassen.”


* Ich trinke ungefähr neun Dosen Cola Light pro Tag und ich brauche die auch, damit ich normal durch den Tag komme. Etwas anderes mag ich nicht. Langsam nerven mich Leute, die mir erzählen wollen, dass das nicht gut ist. Es kann doch jeder trinken, was er will, oder?
"Europäischen Bauern ist der künstlich Süßstoff Aspartam, der die Cola so ‚light‘ macht, sehr willkommen. Sie verwenden ihn nämlich in der Schweinemast, damit die Borstentiere so richtig Appetit bekommen. Bei Menschen fördern‚ light‘-Softdrinks ebenfalls den Hunger - auf Salziges und Fettes. Klingt irgendwie nicht gerade gesund. Wenn du also ausschließlich ein Getränk zu dir nimmst, das nur aus künstlich gesüßtem Wasser besteht und vom ernährungswissenschaftlichen Standpunkt keinerlei Nährwert für deinen Körper enthält, aber dafür den Appetit auf anderes, ebenso Ungesundes fördert, stellt sich die Frage, wie es ganz generell mit deiner Ernährung aussieht.
Du beschreibst dazu noch, dass du täglich große Mengen an Diät-Cola brauchst, um überhaupt ‚normal durch den Tag zu kommen‘. Genauso könnte auch ein Alkoholiker über seine tägliche Dröhnung Weinbrand sprechen. Ist diese zwanghafte Vorliebe bei dir etwa bereits zu einer Sucht geworden?
Deine Freunde haben offenbar diesen Eindruck. Kein Wunder, dass sie versuchen, dir klarzumachen, wie ungesund dein einseitiges Trinkverhalten ist. Dich machen ihre gut gemeinten Versuche, an deine Vernunft zu appellieren, richtig ärgerlich. Bedeutet dies nicht vielleicht, dass du dich gegen eine eigene innere Stimme wehrst, die dir das Gleiche sagt? Einseitige Ernährung ist aus medizinischer Sicht immer sehr bedenklich, weil dem Körper Nährstoffe vorenthalten werden, die er unbedingt braucht. Ich würde dir wie deine Freunde dringend raten, damit zu beginnen, deinen Cola-Light-Konsum einzuschränken und auf gesündere Getränke wie Mineralwasser, Saft oder Tee umzustellen.”

* Liebe Frau Dr. Anderson. Mein Problem ist, dass ich mir außergewöhnlich oft die Hände wasche - eigentlich immer, wenn ich etwas angefasst habe. In der U-Bahn oder in öffentlichen Gebäuden kann ich nichts berühren, ohne ein Taschentuch zu benutzen. Außerdem dusche ich mindestens drei Mal pro Tag, weil ich mich schmutzig fühle. Man schwitzt ja so leicht. Jetzt ist das meinen Eltern aufgefallen. Auch meine beste Freundin hat mich schon darauf angesprochen. Soll ich damit aufhören?
"Du leidest offenbar unter einem so genannten Wasch- und Sauberkeitszwang. Du befürchtest ständig, dich schmutzig zu machen, mit Bakterien in Berührung zu kommen, die dich krank machen könnten, wenn du dich nicht andauernd wäschst. Zwar hat jeder Mensch ein individuelles Sauberkeitsbedürfnis, und es ist ganz sicher gut, wenn man sich öfter am Tag die Hände wäscht - besonders in Erkältungszeiten -, aber dein Reinlichkeitsdrang geht doch deutlich über ein normales Hygienebedürfnis hinaus. Du fragst, ob du damit aufhören sollst. Kannst du das denn? Oder quält dich dann die Vorstellung, du könntest irgendwo mit Bakterien in Berührung gekommen sein, so sehr, dass du dich schließlich doch wieder waschen musst? Hast du vielleicht auch bemerkt, dass der Drang, dich reinigen zu müssen, schlimmer wird, wenn du gestresst oder ärgerlich bist? Dann besteht bei dir eine richtige Phobie. Die kann sich unter ungünstigen Umständen, wenn du unter seelischem Druck stehst, so verstärken, dass du es schließlich überhaupt völlig vermeidest, nach draußen zu gehen, oder dass du dich so häufig wäschen musst, dass deine Haut darunter leidet.
Wenn du deinen Waschzwang noch so weit unter Kontrolle halten kannst, dass er deine Lebensqualität nicht wirklich einschränkt, kannst du ihn als harmlose Marotte ansehen. Wenn du aber merkst, dass sich deine Phobie verschlimmert, dass du Kontakt mit anderen Menschen oder bestimmte Orte ganz meidest oder dass deine Hände oder deine Haut vom vielen Waschen rissig und wund werden, musst du dich behandeln lassen. Es gibt als Soforthilfe wirksame Tabletten, die die Angst vermindern, die den Zwang hervorbringt. Zur Überwindung der Zwangshandlungen wäre aber eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Eine Verhaltenstherapie könnte dir helfen, deine Beschmutzungsangst zu kontrollieren. Mit Hilfe einer analytisch orientierten Therapie könntest du die Ursache deines Waschzwangs herausfinden und lernen, mit den zu Grunde liegenden Gefühlen anders umzugehen.”

* Ich leide darunter, dass ich immer nachgucken muss, ob ich den Herd und das Licht ausgemacht habe, wenn ich morgens aus dem Haus gehe - oft sogar mehrfach hintereinander. Und im Büro fällt mir dann wieder ein, was alles passieren kann, wenn man den Herd oder das Bügeleisen anlässt, und sicher, dass ich alles auch wirklich ausgemacht habe, bin ich mir dann schon nicht mehr. Manchmal habe ich auch Angst, die Wohnungstür nicht abgeschlossen zu haben. Langsam raubt mir das den letzten Nerv...
"Bei dir hat sich anscheinend ein Kontrollzwang entwickelt. Wie bei jedem anderen zwanghaften Verhalten geht deine Furcht, irgend Sicherheitsrisiko übersehen zu haben, über ein normales Maß an Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt weit hinaus. Wenn du einmal nachschaust, ob am Herd alle Schalter auf Null stehen, wächst schon wenige Minuten später deine Angst, du könntest doch nicht gründlich genug nachgesehen haben. Du gehst zurück und versicherst dich noch einmal, dass alle Stromquellen abgeschaltet sind und der Wasserhahn nicht läuft. Aber auch das kann dich nicht dauerhaft beruhigen. Du musst es noch einmal überprüfen. Das Gleiche passiert mit den Lichtschaltern, dem Türschloss usw. Wenn du es dann schließlich doch geschafft hast, das Haus oder deine Wohnung zu verlassen, möchtest du am liebsten wieder umkehren, um dich noch ein letztes Mal zu vergewissern, ob auch alles in Ordnung ist. Schlimmstenfalls lässt dich auch dieses ‚letzte Mal‘ die Sache mit dem Herd oder dem Bügeleisen nicht vergessen. Dann quält dich auch am Arbeitsplatz die Angst, durch deine vermeintliche Unachtsamkeit könnte ein Feuer ausbrechen, ein gewaltiger Wasserschaden entstehen, etwas explodieren usw.
Mit einem gewissen Maß an Kontrollzwang kann man - wie es auch für andere Zwänge gilt - leben. Es kommt eben immer darauf an, wie weit der Zwang das eigene Leben einschränkt, dir die Lebensfreude nimmt oder dich sogar regelrecht krank macht. Wenn der Drang, alles zum x-ten Mal zu kontrollieren, dazu führt, dass du dich praktisch nicht mehr aus dem Haus rühren kannst und nicht mehr arbeitsfähig bist, wenn du nur noch von Zwangsgedanken beherrscht wirst und über nichts anderes mehr sprechen kannst, leidest du unter einer schweren psychischen Krankheit. Dann musst du auf jeden Fall medikamentös behandelt werden, am besten kombiniert mit einer Psychotherapie.”

[TK]

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