Konfliktlösungsstrategien

Was soll ich tun?

published: 13.09.2005

Dr. Karin Anderson hat Tipps für das richtige Verhalten in Konfliktsituationen (Foto: Public Address)Dr. Karin Anderson hat Tipps für das richtige Verhalten in Konfliktsituationen (Foto: Public Address)

Wenn doch alles einfacher wäre. Wenn es nur einmal reibungslos laufen würde – mit den Eltern, mit den Freunden, in der Liebe, im Job. Leider gehört es zum Leben, dass Konflikte entstehen – mal kleine, mal große. Wenn man in solchen Momenten besonnen bleibt und klug handelt, lassen sich schlaflose Nächte und Kopfschmerzen meistens vermeiden. Dr. Karin Anderson hat Tipps für das richtige Verhalten in schwierigen Situationen.

* Ich bin seit drei Wochen mit meinem Freund Marc zusammen. Er hat mir auch schon einen Ring geschenkt. Jetzt habe ich mich aber in einen anderen Jungen verliebt. Wie mache ich mit Marc Schluss, ohne ihm weh zu tun?
Dr. Karin Anderson: “Schluss machen, ohne deinem Freund weh zu tun, kannst du nur dann, wenn er sich auch bereits im Stillen fragt, ob du wirklich die Richtige für ihn bist. Solange einer der beiden Partner noch Gefühle für den anderen hat, ist es sehr schmerzhaft, wenn er plötzlich feststellen muss, dass der andere ihn nicht mehr liebt. Diese Erfahrung ist immer bitter, und es besteht keine Möglichkeit, sie ,schmackhafter‘ zu machen. Aber du solltest dich fair gegenüber deinem Freund verhalten und die Sache nicht aus schlechtem Gewissen und scheinbarer Rücksichtnahme heraus in die Länge ziehen. Eine häppchenweise Trennung ist nicht schonender, ein allmähliches innerliches Zurückziehen und immer öfter „keine Zeit“ zu haben sind nicht weniger kränkend als ein klarer Schlussstrich.Auch wenn du Marc wehtun musst - du brauchst dir nichts vorzuwerfen, wenn du ihm seinen Ring zurückgibst und ihm ehrlich sagst, dass du ihn nicht mehr liebst. In deinem Alter können sich Gefühle schnell verändern, weil man ja erst mal seine Erfahrungen mit der Liebe sammeln muss. Eins darfst du aber nicht tun, sonst hättest du wirklich die Rote Karte verdient. Vergleiche Marc nicht mit deiner neuen Liebe, auch wenn du den anderen Jungen viel attraktiver, witziger, cooler oder sonst wie findest. Derartige Geständnisse kannst du gegenüber deiner besten Freundin machen (wenn sie verschwiegen ist) aber nicht gegenüber demjenigen, dem du mit der Trennung sowieso schon Schmerzen bereitest.”

* Ich heiße Ben und wohne seit einem halben Jahr in einer Zweier-WG. Mein Mitbewohner, der Frank, hört gerne Musik. Das stört mich total, wenn ich lernen muss. Er hört noch nicht mal besonders laut Musik, aber es nervt mich trotzdem voll und ich kann mich dann nicht konzentrieren. Ich kann ihm das nicht sagen, weil ich nicht spießig rüberkommen will. Soll ich ausziehen?
Dr. Karin Anderson: “Bevor du dich zu einem derart drastischen Schritt entschließt, solltest du erst mal versuchen, ob sich die Angelegenheit nicht auf dem ,Verhandlungsweg‘ klären lässt. Wenn man mit anderen in einer WG zusammenzieht, ist es immer wichtig, über alle Dinge zu sprechen, die auf Dauer zu Streit oder Genervtheit führen könnten. Das ist nicht spießige Kleinkariertheit, sondern macht ein entspanntes Miteinander erst möglich. Frank weiß vermutlich noch nicht einmal, dass dich sein Musikhören selbst bei normaler Lautstärke bereits beim Lernen stört. Ich würde dir empfehlen, dass du dich mit Frank zusammensetzt und ihn einmal fragst, wie es ihm denn mit eurem Zusammenleben in der WG geht, und ob er irgendetwas veränderungsbedürftig findet. Vielleicht stört er sich ja auch an einer deiner Gewohnheiten. Bei dieser Gelegenheit kannst du ihm dann erklären, dass du dich sehr schlecht konzentrieren kannst, wenn Geräusche um dich herum sind, und ihm vorschlagen, einen Kopfhörer zu benutzen. Damit wäre ein brauchbarer Kompromiss gefunden, du kannst lernen und er seine Musik hören, ohne dass ihr euch gegenseitig auf die Nerven geht. Du solltest ihm dann aber auch zuhören, wenn er vielleicht etwas vorzubringen hat, was ihn an dir stört, und dir mit ihm gemeinsam eine Lösung überlegen, die für euch beide tragbar ist.”

* In letzter Zeit bin ich genervt von meinen Freundinnen aus der Klasse. Früher habe ich echt gerne was mit denen unternommen, Disko und Bistro und so, aber jetzt geht mir das ewige Gequatsche über Mode und Jungs auf den Keks und ich möchte lieber mehr mit meinen neuen Freundinnen aus der Umwelt-Gruppe unternehmen. Die anderen fragen mich aber immer noch, wann ich mal wieder mitkomme und warum ich keinen Bock mehr aufs Weggehen habe. Was sage ich da am besten? Ich will nicht mehr mitkommen, aber sie auch nicht verletzen!
Dr. Karin Anderson: “Wenn man sich im Leben weiterentwickelt und für neue Dinge interessiert, schließt man oft auch neue Freundschaften mit Leuten, die diese anderen Interessen und Ziele teilen. Du hast gemerkt, dass du auf einmal mit deinen bisherigen Freundinnen gar nicht mehr viel gemeinsam hast und ihr nicht mehr auf gleicher Wellenlänge sendet. Was sie super cool finden, kann dich nicht mehr begeistern, und sie können ihrerseits nicht begreifen, was du plötzlich an solch ,langweiligen Umwelt-Freaks‘ findest. Normalerweise hat jeder Mensch einen oder zwei ,beste‘ Freunde, einige gute Freundschaften und dann noch einen weiteren Bekanntenkreis. Den besten Freunden erzählt man fast alles über sich, teilt viele Interessen und ist am liebsten mit ihnen zusammen. Mit den guten Freunden, der Clique, geht man aus, feiert, unternimmt etwas, aber die Beziehung ist nicht so eng, und man weiß auch nicht alles voneinander. Mit den Bekannten trifft man sich ab und zu, zum Beispiel, um miteinander Schach oder Basketball zu spielen, das macht Spaß, aber sonst hat man nicht viel gemeinsam. Um sich wohl zu fühlen und seine Interessen und Fähigkeiten wirklich auszuleben und zu entwickeln, braucht man all diese Kontakte, die engen ebenso wie die entfernteren. Du solltest dir also überlegen, ob dir deine bisherigen Freundinnen wirklich gar nichts mehr bedeuten, oder ob sie jetzt nicht eher in die Rubrik ,gute Freunde‘ oder ,Bekannte‘ einordnen könntest. Willst du sie gar nicht mehr treffen, oder möchtest du gelegentlich doch noch mal mit ihnen ausgehen? Glaubst du, dass sie sich daran gewöhnen können, wenn du ihnen erklärst, dass du dich jetzt mehr für die Umweltgruppenarbeit interessierst und deswegen nicht mehr so oft Zeit hast, oder sind sie dann nur noch gekränkt und wollen nichts mehr von dir wissen? Nur wenn das der Fall ist, solltest du den Kontakt zu diesen Mädchen ganz abbrechen. Außerdem könnte es ja auch passieren, dass sich die eine oder andere von ihnen ebenfalls verändert und dann wieder besser zu dir passt.”

* Ich habe einen blauen Brief von der Schule gekriegt. Wie sage ich es meinen Eltern?
Dr. Karin Anderson: “Am besten so bald wie möglich, aber warte eine ruhige Minute ab, wenn deine Eltern auch Zeit haben, dir zuzuhören. Diese Nachricht wird in den meisten Fällen ja nicht ganz unvermutet kommen, denn deine Eltern wissen doch sicherlich, dass du in einigen Fächern schwache Leistungen gezeigt hast. Ein blauer Brief von der Schule bedeutet ja nicht, dass du bereits sitzen geblieben bist, sondern er ist eine Warnung, dass deine Versetzung gefährdet ist, wenn sich deine Zensuren nicht deutlich verbessern. Du solltest jetzt mit deinen Eltern gemeinsam überlegen, was zu tun ist, damit du wieder bessere Noten erreichen kannst. Woran liegt es, dass du so abgesackt bist? Haben die schlechten Zensuren etwas mit deinem Verhalten (Faulheit, zu viel Zeit für andere Interessen), mit zu vielen Fehltagen (Krankheit) oder mit einer echten Lernschwäche in diesen Fächern zu tun? In vielen Fällen hilft jetzt nur noch Unterstützung von außen - durch einen Nachhilfelehrer oder eine professionelle Schularbeitenhilfe-Organisation. Ihr solltet auch deine Fachlehrer um Rat fragen. Oft können sie einen älteren Schüler vermitteln, der mit dir pauken kann. Wenn du deinen Eltern zeigst, dass du wirklich motiviert bist zu arbeiten und deine Leistungen zu verbessern, werden sie sich von ihrem ersten Schock sicherlich bald erholen und dich dabei unterstützen, wieder Anschluss an die Klasse zu finden.”

* Ich habe Ärger im Betrieb, weil mein Kollege mich immer vor meinem Chef schlecht macht. Jetzt hat der eine total falsche Meinung von mir. Soll ich mir eine andere Stelle suchen?
Dr. Karin Anderson: “Zwar erscheint es auf den ersten Blick manchmal die einfachste Lösung zu sein, Konflikte und Ärger dadurch zu vermeiden, dass man ihnen ganz aus dem Weg geht und sich lieber eine neuen Job, Wohnung (oder auch Beziehung) sucht. Solch Vermeidungsverhalten führt aber dazu, dass man es nie lernt, sich mit anderen auseinander zu setzen, für seine Rechte zu kämpfen und seine Meinung zu vertreten. Darunter leidet dann nicht nur das Selbstbewusstsein ganz erheblich, sondern man wird auf Dauer immer ängstlicher und unsicherer. Bevor du dich entschließt, kampflos das Feld zu räumen und deinen Job ganz und gar hinzuschmeißen, solltest du deinen Chef um ein Gespräch bitten und versuchen, den falschen Anschuldigungen entgegenzutreten. Wenn du in einem größeren Betrieb arbeitest, könntest du dich auch an den Betriebsrat wenden und ihn bitten, dich bei deinen Bemühungen zu unterstützen, die Sache aufzuklären. Überlege dir, welche Gründe der Kollege haben könnte, dich hinterrücks schlecht zu machen, dann fällt es dir wahrscheinlich leichter, dich zu verteidigen. Arbeitet er vielleicht langsamer oder weniger effizient als du und schiebt dir deswegen den Schwarzen Peter zu? Ist er vielleicht eifersüchtig, weil du bei den Kollegen angesehener und beliebter bist? Oder hast du eine Stelle bekommen, auf die er eigentlich scharf war? Erkundige dich bei deinen anderen Kollegen, wie sie dich und deine Arbeit einschätzen. Sind sie auf deiner Seite oder auch gegen dich voreingenommen? Hast du Zeugen dafür, dass die Vorwürfe deines Kollegen unbegründet sind? Überlege dir auch, was du für den Betrieb geleistet hast und wo deine Stärken liegen. Wenn du dann mit deinem Chef sprichst, bitte ihn erst einmal darum, dir zu sagen, was der Kollege gegen dich vorgebracht hat. Auch wenn du dich zu Recht ärgerst und aufgeregt bist, bleib sachlich und ruhig und beschimpfe den Kollegen nicht deinerseits als üblen Lügner. Erkläre, dass du sehr bedauerst, dass so ein falsches Bild von dir entstanden ist. Stelle die Sache als Missverständnis hin, das du aufklären kannst. Berufe dich auf deine Erfolge und führe deine Kollegen als Zeugen dafür an, was du tust und wie du dich verhältst. Nur wenn das alles nichts nützt, wenn du merkst, dass dein guter Ruf in deiner Firma wirklich unwiderruflich kaputt ist, und du nichts mehr gegen das schlechte Image ausrichten kannst, solltest du die Konsequenzen ziehen und kündigen - aber erst, wenn du einen neuen Job in Aussicht hast. Dann bist du mit dir selbst im Reinen, weil du von deiner Seite aus alles unternommen hast, was du konntest, um die Sache aufzuklären und für dich selbst einzustehen.”

[TK]

Gefällt's? Teile es.

Das könnte dich auch interessieren:

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung