Dr. Karin Anderson antwortet

Trennungen überstehen

published: 06.08.2006

Dr. Karin Anderson beantwortet Fragen zum Thema Trennungen. (Foto: Public Address) Dr. Karin Anderson beantwortet Fragen zum Thema Trennungen. (Foto: Public Address)

Trennungen sind schmerzlich und es ist schwer, mit ihnen umzugehen. Doch sie gehören zum Leben dazu. Und so, wie sich manche Menschen vielleicht von einem entfernen, so gewinnt man andere dazu. Du kannst selber einiges tun, um eine Trennung zu verarbeiten. Dr. Anderson weiß Rat!

* Ich mache in diesem Jahr mein Abitur. Danach wollen meine besten Freunde zum Studieren in verschiedene Großstädte gehen. Ich bleibe hier, weil ich eine Banklehre mache. Ich habe null Bock, ohne meine Kumpels hier zu versauern. Was mache ich jetzt?
Dr. med. Karin Anderson: „Nach Abschluss der Schule beginnt für junge Leute ein völlig neuer Lebensabschnitt. Neue Wege im Leben beinhalten immer auch Trennungen: von Orten, Gewohnheiten und - leider - auch von Leuten, die man gern hat. Dieser Abschied muss aber keineswegs für immer sein. Heutzutage gibt es ja zum Glück genügend Möglichkeiten, schnell und billig miteinander zu kommunizieren (E-Mail, billige Telefonvorwahl). Und es gibt ermäßigte Bahnkarten für Auszubildende und Studenten, sodass ihr euch am Wochenende oder in den Ferien besuchen könnt.

Natürlich ist es nicht mehr so einfach oder bequem für dich, Freunde zu treffen, die nicht mehr im gleichen Ort wohnen, spontane Unternehmungen sind fast immer ausgeschlossen. Du musst eine Freundschaft aus der Ferne ganz aktiv angehen, regelmäßigen Kontakt halten und Besuche länger im voraus planen. Du wirst dann aber auch erleben, welche Freundschaften wirklich haltbar und welche Freunde auch über die Distanz an dir interessiert sind.

Sie werden sich ebenfalls darum bemühen, von dir zu hören und dich zu sehen. Für das ‚Mal eben schnell ins Kino gehen’ musst du dir allerdings neue Kumpels suchen, zum Beispiel an deinem neuen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Trennungen durch einen neuen Lebensabschnitt sind zwar zunächst hart, trennen aber immer auch die Spreu vom Weizen: Echte Freundschaften überleben, weniger intensive Beziehungen brechen ab. Aber ebenso, wie du einige Freunde verlierst, wirst du neue Kontakte schließen, die jetzt, in deiner neuen Lebensphase, vielleicht besser zu dir passen, als die, die dir verloren gehen.“

* Ich mache eine Ausbildung zur Werbekauffrau in einer Agentur, in der die Leute alle total unsympathisch und unfreundlich sind. Jetzt hat der einzige Mensch, mit dem ich mich hier gut verstehe - eine Texterin -, gekündigt. Wie komme ich damit klar, dass sie weggeht?
„So eine Situation ist wirklich schwierig. Wenn du dich an deinem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz total unwohl fühlst, und die einzige Kollegin kündigt, die du freundlich und sympathisch findest, reagiert deine Seele mit einem Tief und dein Körper vielleicht sogar mit vermehrter Krankheitsanfälligkeit. Du musst für dich jetzt abwägen - wie lange dauert deine Ausbildung noch, hast du die längste Zeit schon hinter dir? Dann kannst du die ‚Durststrecke’ leichter überstehen, weil ein Ende in Sicht ist. Oder bist du noch ganz am Anfang und die verbleibende Zeit türmt sich wie ein Berg vor dir auf? Besteht die Aussicht, in eine andere Abteilung zu wechseln, oder nicht? Auf jeden Fall musst du dir ‚Überlebensstrategien’ zurechtlegen und schauen, welche Erholungs- und Entspannungsmöglichkeiten du als Ausgleich zur Verfügung hast.

Als erstes solltest du ganz vorurteilsfrei deine Arbeitskollegen noch einmal unter die Lupe nehmen und überlegen, ob nicht einige von ihnen doch sympathischer (oder weniger unsympathisch) sind, als die anderen. Auf die solltest du dann gezielt zugehen und versuchen, einen Kontakt zu ihnen aufzubauen. Vielleicht stellst du dann ja sogar fest, dass sie doch netter und freundlicher sind, als du geglaubt hast. Hast du privat gute Freunde, die dir zuhören, dich ablenken und seelisch unterstützen? Hast du Hobbys, bei denen du den Arbeitsfrust vergessen kannst? Je weniger du etwas an deinem ungeliebten Arbeitsplatz ändern kannst, umso wichtiger ist es, dass dein Privatleben okay ist. Als letzter Ausweg, wenn gar nichts mehr hilft, käme vielleicht noch ein Wechsel des Ausbildungsplatzes in Frage. Das ist aber oft nicht einfach - und niemand garantiert, dass es dort besser zugeht.“

* Meine Freundin will im Sommer für ein Jahr ins Ausland gehen. Das, finde ich, ist eine dumme Idee. Was kann ich tun, damit sie hier bleibt? Und wenn sie doch fährt, wie stehe ich die Trennung durch?
„Du findest es eine dumme Idee, dass deine Freundin ein Jahr ins Ausland gehen will, weil du dich vor der Trennung fürchtest. Das ist zwar sehr verständlich, weil du lieber mit ihr zusammensein möchtest, aber an sie denkst du dabei weniger, als an dich selbst. Sie hat ihr Auslandsjahr doch mit Sicherheit schon lange geplant, vielleicht sogar, bevor sie dich kennengelernt hat. Deine Freundin möchte Erfahrungen sammeln, die sie in Deutschland nicht machen kann und ihre Sprachkenntnisse verbessern. Sie möchte Dinge lernen, die sie innerlich weiter bringen und ihr sicher einmal beruflich nützen können. So eine Chance ist meistens einmalig, weil sie später entweder zu alt für ein bestimmtes Programm ist, oder durch Ausbildung oder Studium keine Zeit und Gelegenheit mehr dafür finden kann.

Wenn du jetzt starken Druck auf sie ausübst oder sie gar vor die Wahl stellst (‚Wenn du mich wirklich liebst, würdest du nicht weggehen!’), könnte es zwar passieren, dass sie ihr Vorhaben tatsächlich aufgibt, um dich nicht zu enttäuschen. Dann musst du aber damit rechnen, dass dieser ‚Sieg’ in einer ganz anderen Weise eure Beziehung belasten wird. Etwas aufzugeben, was einem wirklich am Herzen liegt, weil der Partner einem aus selbstsüchtigen Gründen die emotionalen Daumenschrauben anlegt, macht immer traurig und wütend, auch wenn man es nicht gleich zeigt. Diesen Verzicht wird dir deine Freundin später ewig ankreiden, sie wird unbewusst von dir erwarten, dass du sie entschädigst, indem du ebenfalls auf Dinge verzichtest, die dir lieb und wichtig sind.

So ein gefühlsmäßiges Gegeneinanderaufrechnen zersetzt auf Dauer jede Beziehung. Wenn du dagegen Groesse zeigst, über deinen Schatten springst, und sie bei diesem wichtigen Schritt unterstützt, beweist du ihr, dass dir ihre Entwicklung wichtiger ist, als deine Verlassenheitsängste. Ein Jahr ist eine absehbare Zeit, es gibt E-Mail und Telefon, und vielleicht kannst du sie ja auch in den Ferien besuchen. Eine solche Phase gemeinsam durchzustehen bedeutet einen Reifungsschritt und wird eine tragfähige Beziehung noch bestärken. Wenn eure Liebe diese Trennungsphase aber nicht überlebt, hätte sie sowieso keine Zukunft gehabt.“

* Seit drei Jahren haben wir eine Katze - Mauzi. Sie ist sozusagen unsere Familienkatze, aber eigentlich ist sie meine. Jetzt hat ein Arzt bei meiner Schwester eine Katzenallergie festgestellt. Weil unsere Wohnung nicht so groß ist, wollen meine Eltern, dass wir die Katze weggeben. Das bringe ich nicht übers Herz!
„Deine Katze bedeutet dir anscheinend sehr viel. Vielleicht tröstet sie dich, wenn du traurig bist, ist bei dir, wenn du dich einsam fühlst. Vielleicht schläft sie auch bei dir im Bett, und sorgt mit ihrem Schnurren und ihrer Wärme dafür, dass du dich beschützt und geborgen fühlst, wenn du nachts aufwachst und einen bösen Traum hattest. Vielleicht liegt sie auch auf deinem Schoss, wenn du Schularbeiten machst, oder springt auf dein Keybord, wenn du am Computer sitzt. Wissen deine Eltern, wie wichtig deine Katze für dich ist?

Wenn deine Schwester an einer Katzenallergie leidet, ist das natürlich schlimm, aber es gibt möglicherweise noch einen anderen Ausweg, als dein geliebtes Haustier wegzugeben. Bitte deine Eltern, den Arzt deiner Schwester zu fragen, ob es nicht genügt, wenn sie mit Medikamenten gegen ihre Allergie behandelt wird. Wenn die allergische Reaktion deiner Schwester allerdings durch Medikamente nicht ausreichend gebessert werden kann, wird deine Mauzi wohl leider bei einer anderen Familie wohnen müssen.

Dann sollten du und deine Eltern versuchen, selbst ein neues Zuhause für sie zu finden, anstatt sie ins Tierheim zu geben, am besten in der Nähe, sodass du sie besuchen kannst. Du könntest dann zum Beispiel anbieten, die Katze zu versorgen, wenn ihre neuen Besitzer verreisen. Dann fällt die Trennung nicht so schwer, und du weißt, dass es deiner Mauzi gut geht. Und wenn du einmal eine eigene Wohnung hast, kannst du einem neuen Kätzchen ein Zuhause geben.“

* Nach den Sommerferien soll ich, 9. Klasse, von der Realschule aufs Gymnasium wechseln, um später mal Abitur zu machen. Ich habe aber Angst davor, meine alten Freunde zu verlieren. Und auf dem Gymnasium kenne ich überhaupt keinen und die sind bestimmt nicht so nett da. Was soll ich machen?
„So ein Schulwechsel ist ein großer Schritt für dich. Du musst dich an eine neue Umgebung, neue Lehrer, neue Mitschüler und neue Leistungsanforderungen gewöhnen. Da ist es sehr verständlich, dass du Sorge hast, deine alten Freunde zu verlieren, und möglicherweise in der neuen Klasse niemanden zu finden, mit dem du dich anfreunden könntest. Es ist schon richtig, wenn man nicht mehr täglich zusammen ist, gehen manche Freundschaften auseinander. Das sind dann aber diejenigen, die sowieso nur deswegen zustande gekommen sind, weil ihr eine Zeit lang die gleichen Interessen geteilt habt. Richtige Freundschaften gehen nämlich nicht einfach dadurch kaputt, dass man auf verschiedene Schulen geht.

Du musst natürlich einiges dafür tun, deine Freundschaften zu pflegen. Du kannst dich ja nicht mehr einfach so spontan in der Schule verabreden. Aber es gibt ein Telefon und das Internet. Es könnte zwar sein, dass einige deiner alten Kumpels befürchten, dass du nicht mehr an ihnen interessiert bist, wenn du aufs Gymnasium gehst. Aber dann liegt es an dir, ihnen zu zeigen, dass du auf ihre Freundschaft Wert legst. In deiner neuen Klasse wirst du dich natürlich erstmal fremd und unbehaglich fühlen. Aber die Befürchtung, dass die neuen Mitschüler weniger nett als die alten sind, ist bestimmt unbegründet.

Ein Neuanfang ist immer schwer, und es wird eine ganze Zeit dauern, bis dir deine neuen Klassenkameraden so vertraut sind wie die alten. Aber auch hier kannst du selbst dazu beitragen, dass du in die Klassengemeinschaft aufgenommen wirst. Zeig Interesse an den neuen Mitschülern und an dem, was sie machen. Lass dich nicht davon abschrecken, selbst wenn sie vielleicht zunächst nicht besonders entgegenkommend sind, oder nicht gleich mit dir reden. Das hat dann nämlich gar nichts damit zu tun, dass sie dich ablehnen, sondern sie kennen dich einfach noch nicht und halten sich zurück.

Schau dich um, wer dir nett erscheint, sprich ihn oder sie an, bitte sie zum Bespiel, dir irgendetwas in der neuen Schule zu zeigen oder zu erklären. Verkrampft dich nicht, versuch nicht, eine Rolle zu spielen oder den anderen zu imponieren. Sei einfach du selbst, normal und freundlich, dann wirkst du sympathisch und erleichterst es den anderen, dich zu mögen.“

[TK]

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