Wenn der Körper büßen muss

Bulimie

published: 10.08.2007

Bei der Bulimie folgt auf Essattacken das Erbrechen  (Foto: VGstockstudio/shutterstock.com) Bei der Bulimie folgt auf Essattacken das Erbrechen (Foto: VGstockstudio/shutterstock.com)

Clara hat Angst. Sie hat Angst zuzunehmen, wenn sie weiterhin soviel isst. Auf keinen Fall möchte sie dick werden. Aber gegen ihre Heißhunger-Attacken kann sie nichts machen. Ihr Körper und ihre Seele verlangen nach einer Auszeit, in der sie Mengen an Kalorien verschlingt, heimlich und in kurzer Zeit. Dann fühlt Clara sich schrecklich. Sie hasst sich, denkt "Warum bin ich nur so schwach?"
Nach dem Fressanfall ist es immer das Gleiche. Clara steckt sich den Finger in den Hals, will nur noch das "all das Zeug wieder rauskommt". Sie weiß, dass essen und wieder erbrechen keine Lösung ist, aber sie kommt aus dem Teufelskreis nicht mehr alleine raus: Clara ist ernsthaft essgestört – sie hat Bulimie.




Ess-Brech-Sucht (oder auch: Bulimia nervosa)

In den letzten Jahren hat die Zahl der Essstörungen sehr zugenommen, die Dunkelziffer ist hoch. Immer noch sind es mehr Mädchen und junge Frauen, die darunter leiden – aber es gibt auch eine steigende Anzahl Jungs, die mit ihrem Körper unzufrieden sind und nicht normal essen. Eine oder mehrere erfolglose Diäten können bereits der Einstieg in die Essstörung sein.
Oft tritt die Bulimie nach einer Magersucht auf, der Übergang ist hier fließend. Übrigens: Wer unter Bulimie leidet hat meist ein ganz normales Gewicht, kann aber auch über- oder untergewichtig sein. Der ideale Körper? Den stellt sich jemand mit einer Essstörung meist super schlank vor!

Familie und Freunde sind oft die letzten, die von der Essstörung Wind bekommen. Ein Bulimiker kennt alle Tricks und Kniffe, seine Sucht zu verheimlichen, zu groß sind die Scham und der Ekel vor sich selbst. In verschiedenen Supermärkten oder spät abends an Tankstellen werden Lebensmittelvorräte gekauft und in Geheimverstecken gehortet. Für die riesigen Mengen geht viel Geld drauf, eventuell werden sogar Schulden gemacht. Den ganzen Tag ist das Thema Essen präsent und geistert im Kopf herum: Diät, Kalorien zählen, Sport, die Waage und die eigene Figur. Nicht nur das Erbrechen, auch Abführmittel, Appetitzügler, entwässernde Medikamente oder Fastentage sollen helfen, das Gewicht zu halten.




Der "Fressanfall"

Bei einer Essattacke sind Salat und andere gesunde Lebensmittel tabu. Man greift zu viel Fett und Kohlenhydraten: Süßigkeiten, Kuchen, Pizza... Mehrere Tausend Kalorien können bei einem "Fressanfall" innerhalb kurzer Zeit im Mund verschwinden. So ein Anfall kann ein bis zwei Mal in der Woche vorkommen oder sogar bis zu 20 Mal am Tag. Manche Betroffene erbrechen nicht nur nach einem Essanfall, sondern auch nach einer ganz normalen Mahlzeit.

Ich fühle mich zum Kotzen!

Die "Fressattacken" und das Erbrechen werden von ganz unterschiedlichen Gefühlen begleitet. Von Lust und Befriedigung, bis hin zu tiefer Traurigkeit und dem Empfinden, wiedermal versagt zu haben. Auf der einen Seite ist der Wunsch, alles zu verschlingen, was einem unter die Finger kommt – ohne auf die Kalorien zu achten. Andererseits ist es das Ziel, dünn zu werden oder zu bleiben. Die Bulimie ist jedoch keine Lösung, denn sie ist ein elender Teufelskreis. Die Gefühlswelt gerät komplett durcheinander. Irgendwann kann der Betroffene nicht mehr sagen, welche Emotionen zu der Bulimie führten und welche erst durch sie entstehen.

Auch der Körper leidet

Die Essstörung bleibt für den Körper und dadurch auch für die Gesundheit nicht ohne Folgen. Wichtige Mineralien und Elektrolyte gehen dem Körper durch das Erbrechen oder die Abführmittel verloren, der Kreislauf macht schlapp. Die Speicheldrüsen vergrößern sich, die Magensäure greift den Zahnschmelz an. Oft leidet der Bulimiker unter Durchfall und Verstopfung. Durch das "Finger-in-den-Hals-stecken" werden Male auf dem Handrücken sichtbar. Sogar Speiseröhrenrisse, Nieren- und Magenschäden sowie Herzrhythmusstörungen können die Folgen einer Bulimie sein. Bei Mädchen und Frauen kann die Periode ausbleiben, so verwirrt ist der Körper.




Typisch Bulimie?

Klar, jeder ist anders, jeder hat seine individuelle Geschichte und bei jedem sieht eine Essstörung anders aus. Trotzdem gibt es auffallende Merkmale, in denen sich viele von Bulimie betroffene wiedererkennen:

Ein Bulimiker ist meist sehr erfolgreich und hat sein Leben nach außen hin im Griff. Er ist sehr kontrolliert und "funktioniert" gut. Viele habe irgendwann einmal schlechte Erfahrungen gemacht, was den eigenen Körper bzw. die Sexualität angeht. Sie haben oft ein schlechtes Selbstwertgefühl. Häufig fühlen sie sich einsam, obwohl sie Freunde haben und engagiert sind. Für die Probleme anderer haben sie immer ein offenes Ohr und einen guten Rat. Ihre eigenen machen sie jedoch meist mit sich selbst aus. Depressive Stimmungen belasten die Beziehungen zu nahe stehenden Menschen stark.

Habe ich Bulimie?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Liste von vier Merkmalen erstellt, die auf eine Ess-Brech-Sucht hindeuten. Wenn folgende Aussagen zutreffen, leidet man an einer Bulimie und sollte unbedingt Hilfe suchen.

* Häufige Essattacken, mindestens zweimal pro Woche und das bereits über mindestens drei Monate, bei denen man sehr viel in kurzer Zeit isst.

* Ständige Beschäftigung mit dem Thema Essen und der stetig wiederkehrende und unwiderstehlichen Drang, viel zu Essen.

* Der Versuch das Gewicht zu halten oder abzunehmen, indem nach den Anfällen erbrochen wird. Die Einnahme von Abführmitteln, Appetitzüglern oder ähnlichen Mitteln. Zeitweise Hunger- oder Fastenphasen.

* Das ständige Gefühl, zu dick zu sein und die Angst vor Gewichtszunahme.




Lass dir helfen!

Wenn du dich, Freunde oder Bekannte in diesen Punkten wiedererkennst, ist es wichtig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen bzw. den Betroffenen dazu zu ermutigen - je früher, desto besser.

Der erste und leider oft auch schwerste Schritt für einen Bulimiker ist es sich einzugestehen, dass man Probleme hat und diese nicht mehr alleine bewältigen kann. Es gibt viele Möglichkeiten Unterstützung zu bekommen: Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, der Hausarzt oder ein Psychologe.
Immer sollte klar sein, dass nicht nur das Essverhalten, sondern auch die tiefer liegenden seelischen Störungen behandelt werden müssen. Ernährungs- und Psychotherapie gehen immer Hand in Hand.

Falls du dir Sorgen machst, dass dein Freund oder deine Freundin unter Bulimie leidet, hat Frau Dr. Karin Anderson hier einige Tipps, wie du dich richtig verhältst:Dr. med. Karin Anderson: "Versuche mit ihr oder ihm über deine Vermutung zu sprechen. Auch auf die Gefahr hin, dass er oder sie das Problem nicht wahrhaben will. Daher ist es sehr wichtig, dass du dich als Vertrauensperson nicht mit ‚harmlosen’ Erklärungen und Ausreden abspeisen lässt, sondern den Versuch machst, ernsthaft mit ihr oder ihm über die Ess-Brech-Sucht zu reden. Sag, dass du dir große Sorgen machst, weil du Symptome und Verhaltensweisen an ihr oder ihm beobachtest, von denen du weißt, dass sie typisch für eine Bulimie sind. Versuche, deine Freundin oder deinen Freund davon zu überzeugen, dass der Punkt gekommen ist, an dem ärztliche Hilfe unausweichlich ist. Und lass nicht locker, auch wenn sie oder er dir deine Einmischung möglicherweise erstmal übel nehmen sollte. Mache klar, dass du notfalls auch mit den Eltern oder einem eurer Lehrer über deine Befürchtung sprechen wirst. Vergiss nicht: Du kannst nur helfen, wenn du dich ‚einmischst’!"

Weitere Informationen sowie fachkundige Hilfe gibt es auf der Website www.bulimie-online.de.

[TK]

Links

www.bulimie-online.de
WHO

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