Experteninterview zu Jugendgewalt

"Frustration und Ohnmacht"

published: 25.01.2008

In der Kreuzberger Einrichtung "PlanTage" arbeiten Sozialpädagogen mit straffälligen Jugendlichen (Foto: Meißner)In der Kreuzberger Einrichtung "PlanTage" arbeiten Sozialpädagogen mit straffälligen Jugendlichen (Foto: Meißner)

Thomas Meißner ist Diplom-Sozialpädagoge und Leiter der Einrichtung "PlanTage" des Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. in Berlin Kreuzberg. Er arbeitet seit 1988 mit straffällig gewordenen Jugendlichen und führt Maßnahmen nach dem Sozialgesetzbuch wie Soziale Gruppenarbeit und Täter-Opfer-Ausgleich durch.

Seit 2001 ist Meißner stellvertretender Vorsitzender der "Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V." (DVJJ) in Hannover. Mit Scoolz und der Techniker Krankenkasse hat sich der Experte über das Thema Jugendgewalt unterhalten.

* Welche Straftaten haben die Jugendlichen, mit denen Sie arbeiten, begangen?
Thomas Meißner: "Das fängt bei der einfachen Körperverletzung wie Schulhofschlägerei an und geht über räuberische Erpressung, also zum Beispiel ´Abziehen´ von Handys, MP3-Playern und ähnlichem, bis hin zur schweren Körperverletzung mit Waffen und Raubüberfällen auf Tankstellen und Einzelhandelsgeschäfte."

* Warum haben die Jugendlichen diese Taten begangen?
"Um es kurz zu sagen: aus Frustration und Ohnmacht. Dahinter steckt eine ganze Reihe von Faktoren, die im Einzelnen betrachtet werden müssen. Die meisten jugendlichen Gewalttäter stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Probleme im Elternhaus, in der Schule oder schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt führen dazu, dass sie keine Möglichkeit haben, sich als `wertvoll´ zu erleben. Zu oft mussten viele sich anhören, dass sie zu nichts taugen und Versager sind. Diesen Jugendlichen bleibt als Quelle für Anerkennung ihre Clique, in der sie ihre Freizeit verbringen. Da sich dort wiederum viele zusammentun, denen es ähnlich geht, hat der am meisten Respekt und Anerkennung, der sich durch vermeintlichen Mut und seine Entschlossenheit auszeichnet."

Diplom-Sozialpädagoge Thomas Meißner hält nichts von Erziehungscamps (Foto: Meißner)Diplom-Sozialpädagoge Thomas Meißner hält nichts von Erziehungscamps (Foto: Meißner)

* Welche Erziehungsmaßnahmen erleben Sie als sinnvoll bei ihren Jugendlichen?
"Am eindrucksvollsten sind die Angebote, in den sich die Täter direkt mit ihren Opfern auseinandersetzen müssen. Man nennt das einen ´Täter-Opfer-Ausgleich´, der unter Vermittlung von erfahrenen Fachleuten durchgeführt wird. Das Opfer bekommt Gelegenheit, dem Täter in die Augen zu schauen und die Gefühle während und nach der Tat auszudrücken. Der Täter muss sich unmittelbar mit dem Opfer und dessen Empfindungen auseinandersetzen und wird gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen für das, was er einem anderen zugefügt hat."

* Wie reagieren die Jugendlichen die von Ihnen durchgeführten Maßnahmen?
"Natürlich sind am Anfang alle erstmal froh, dass sie keine schlimmeren Strafen aufgebrummt bekommen haben. Im Laufe der Zeit merken sie aber auch, dass es nicht so einfach ist, wenn man gezwungen wird, sich mit dem, wie man ist und was man macht, auseinanderzusetzen. Viele sind es gar nicht gewohnt, wenn Erwachsene sich mit ihnen darüber unterhalten und gemeinsam mit ihnen nach Erklärungen suchen. Nach unseren Trainingskursen haben die meisten die Erfahrung gemacht, dass es Erwachsene gibt, die sich ernsthaft mit ihnen und ihren Problemen beschäftigen. Und dass es andere Jugendliche gibt, die im Alltag oder in der Familie mit den gleichen Problemen kämpfen."

* Was halten Sie von der aktuellen politischen Debatte?
"Die Debatte ist nicht neu. Immer wieder werden spektakuläre Einzelfälle von den Medien und der Politik zum Anlass genommen, um das deutsche Jugendstrafrecht in Frage zu stellen. In Wahlkampfzeiten scheint das Thema besonders beliebt zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass hier über Menschen gesprochen wird, die selber zum großen Teil noch nicht wählen dürfen und den Politikern daher nicht widerspiegeln können, was sie von den Vorschlägen halten."

* Ist das Jugendstrafrecht denn zu lasch?
"Wenn ein Gesetz vorsieht, dass ein 14-Jähriger für bis zu zehn Jahren ins Gefängnis kommen kann, sollte sich jeder fragen, was sich ändern würde, wenn er stattdessen in Zukunft fünfzehn Jahre eingesperrt bliebe. Der große Vorteil, den das Jugendstrafrecht bietet, ist seine große Flexibilität.
Unser Erwachsenenstrafrecht kennt nur die Geld- und die Freiheitsstrafe. Wenn Politiker nun fordern, grundsätzlich alle über 18-Jährigen nach dem Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen, würden sie den Jugendrichtern bei einer Vielzahl von Straftaten den Handlungsspielraum nehmen. Für eine ganze Reihe von jungen Erwachsenen ist es sicher schwerer, in einem sozialpädagogischen Programm mit ihren Taten konfrontiert zu werden, als eine Geldstrafe zu zahlen."

* Was halten Sie von Erziehungscamps?
"Es ist erstaunlich, dass in Deutschland ernsthaft über diese Erziehungscamps diskutiert wird. In Amerika, wo diese ´Bootcamps´ schon viele Jahre existieren, haben Untersuchungen gezeigt, dass sie keine Methode sind, um das Leben junger Menschen langfristig positiv zu beeinflussen. Die Jugendlichen lernen in diesen Camps, sich anzupassen und sich Regeln zu unterwerfen oder die Konsequenzen von Regelverstößen zu spüren. Dabei wird oft ein erheblicher Druck auf sie ausgeübt. Vielen der Jugendlichen fehlt es aber genau daran nicht. Sie sind es gewohnt, dem Druck von Elternhaus oder der Clique zu gehorchen und sich ´angepasst´ zu verhalten. Was ihnen fehlt ist oftmals die Fähigkeit, sich aus eigener Kraft und mit eigenem Willen für die ´richtigen´ Dinge zu entscheiden. Außerdem mangelt es ihnen an Urteilskraft, die ´richtigen´ und für ihre Zukunft ´wichtigen´ Dinge von den vielen anderen Dingen unterscheiden zu können.

* Das heißt, es werden unnötige Dinge vermittelt?
"Um diesen Jugendlichen zu helfen, wäre es wichtiger herauszufinden, warum sie immer wieder Regeln verletzen und wie man die Einsicht in die Notwendigkeit von Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben bei ihnen wecken kann. Es ist unwahrscheinlich, dass Fehlentwicklungen, die zum Teil schon in der frühen Kindheit begonnen haben, durch einen Aufenthalt von ein paar Monaten in einem Erziehungscamp ´repariert´ werden könnten."

Im Rahmen der "Sozialen Gruppenarbeit" reparieren die Jugendlichen Fahrräder für Anwohner, Nachbarn und andere Interessierte (Foto: Meißner)Im Rahmen der "Sozialen Gruppenarbeit" reparieren die Jugendlichen Fahrräder für Anwohner, Nachbarn und andere Interessierte (Foto: Meißner)

* Was halten Sie von Warnschussarresten?
"Auch da ist es unverständlich, wie Politiker wissenschaftliche Erkenntnisse einfach missachten und diese Forderung ernsthaft aufstellen. Der Jugendarrest hat leider, wie andere Formen des Freiheitsentzuges auch, keine günstigen Ergebnisse für eine zukünftige Entwicklung. Fast drei Viertel der Jugendlichen, die einen Arrest verbüßen mussten, werden danach erneut straffällig. Bei Jugendlichen, die eine Chance auf Bewährung bekommen, schafft es fast die Hälfte, straffrei zu bleiben. Warum Politiker glauben, dass zu jeder Chance auf Bewährung noch ein ´Schnupperarrest´ verhängt werden sollte, wo die Rückfallwahrscheinlichkeit noch höher liegt als bei der Bewährung alleine, ist schon mathematisch kaum nachvollziehbar."

* Inwieweit haben schärfere Strafen, Arreste und Erziehungscamps eine abschreckende Wirkung auf Ihre Jugendlichen?
"Wenig bis gar keine. Jugendliche handeln alterstypisch spontan und ohne lange zu überlegen. Sie sind in allen Lebensbereichen risikobereiter als Erwachsene, was sich besonders deutlich im Straßenverkehr zeigt. Sie sind häufig noch nicht in der Lage, die möglichen Konsequenzen ihrer Handlungen als Grundlage für ihre Entscheidungen mit einzubeziehen. Leider ist die Entwicklung des menschlichen Gehirns im Jugendalter noch nicht abgeschlossen und diese Fähigkeit prägt sich erst im dritten Lebensjahrzehnt aus.
Mit diesem Wissen gehen alle Experten davon aus, dass Jugendliche durch Bestrafung nicht davon abgehalten werden können, die Regeln der Erwachsenen zu brechen. Das ist bei häuslichen Verboten, die die Eltern aufstellen genau so wie bei Verboten die durch ein Gesetz mit Strafen bedroht werden. Weil man dies weiß, hat der Gesetzgeber im Jugendstrafrecht sogar ausdrücklich verboten, Strafen zu verhängen, um andere damit abzuschrecken."

* Stehen Ihnen bei der Arbeit alle notwendigen Hilfsmöglichkeiten zur Verfügung?
"Nein. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat der Staat viele Angebote für junge Menschen in schwierigen Lebenslagen nicht mehr mit den nötigen Mitteln ausgestattet. Die Hilfsangebote, die es noch gibt, sind meist denen vorbehalten, bei denen es ´lichterloh brennt´. Mittel, um Kindern aus schwierigen Verhältnissen Unterstützung zu gewähren, bevor ´das Kind in den Brunnen gefallen ist´ sind leider nicht mehr ausreichend. Immer mehr Kinder wachsen in Deutschland in Armut auf, das sagen sogar die Berichte der Bundesregierung. Und es gibt einen klaren Zusammenhang von Armut und anderen sozialen Problemen und den Chancen für Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft."

* Welche präventiven Maßnahmen könnten Gewalt verhindern?
"Das Ziel muss sein, dass Eltern leichter und unbürokratisch und vor allem früher Hilfe angeboten wird, wenn sich Probleme bei ihren Kindern zeigen. Gerade bei gewalttätigen Jugendlichen zeigt sich, dass häufig schon im Kindergartenalter erste Anzeichen für Fehlentwicklungen zu erkennen waren. Leider geschieht in diesem Alter zu wenig, um Fehlentwicklungen entgegenzuwirken. Dazu müsste man nämlich auch manche Eltern fragen, wie sie eigentlich mit ihren Kindern umgehen. Das würde bedeuten, sich in ´Familienangelegenheiten´ einzumischen. Und wer tut das schon gerne. Erst durch die schrecklichen Beispiele von Kindesvernachlässigungen der letzten Zeit sind Experten und Politiker dazu übergegangen, das anders zu beurteilen."

* Woran liegt es, dass Jugendliche mit Migrationshintergründen derzeit so stark in den Fokus gerückt sind?
"Es sind ja nicht Jugendliche mit Migrationshintergrund im Allgemeinen, niemand meint damit die Kinder eines französischen Universitätsprofessors. In der Diskussion geht es um ganz bestimmte Migranten. Junge Menschen mit Migrationshintergrund aus dem islamischen Kulturkreis sind in vielen Ballungsräumen und Großstädten überdurchschnittlich häufig in ihrer Altersgruppe vertreten. Das liegt einfach daran, dass diese Migrantenfamilien oft deutlich mehr Kinder haben als andere Bevölkerungsgruppen. Es ist schon lange so, dass an vielen Schulen mehr Kinder mit Migrationshintergrund eingeschult werden als Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund. Wenn wir also von Jugendlichen in manchen Stadteilen sprechen, sind dies fast automatisch Jugendliche mit Migrationshintergrund.

* Wie beispielsweise in Berlin Kreuzberg.
"Dazu kommt, dass Kinder aus Einwandererfamilien häufiger von sozialen Schwierigkeiten betroffen sind. Für sie sind Schulabschlüsse, Ausbildungsplätze und Jobs oft noch schwieriger zu bekommen als sowieso schon. Viele von ihnen verlassen die Schulen ohne einen vernünftigen Abschluss und haben anschließend kaum noch eine Chance einen Job zu finden. Dies sind nur einige Faktoren, die dazu führen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund auch im Zusammenhang mit Gewalttaten in letzter Zeit häufiger in die Schlagzeilen geraten. In manchen Regionen Ostdeutschlands, in denen kaum Migranten leben, gibt es dasselbe Phänomen, dass Jugendliche aus sozial schwachen Familien mit schlechten Schulabschlüssen und geringen Chancen auf vernünftige Arbeitsplätze häufiger mit Gewalttaten auffallen. Meist handelt es sich im offiziellen Sprachgebrauch dann um ´rechte Jugendliche´."

* Wird in Migrantenfamilien anders mit Gewalt umgegangen?
"Auch hier muss man stark unterscheiden. Sicher gibt es Einwandererfamilien, in den bestimmte Formen der Gewalt kulturell einen anderen Stellenwert oder eine andere Legitimation haben. Es gibt aber auch keine Migrantengruppe, in deren Kultur Gewalt in der Form von Überfällen in U-Bahnhöfen oder das ´Abziehen´ akzeptiert wird. Gewalt in der Kindererziehung ist sicher ein problematischer Bereich. Jugendliche aus bestimmten Kulturkreisen berichten häufiger von körperlicher Züchtigung durch ihre Eltern, was aber allein kein Grund ist, aus dem sich ableiten lässt, das diese Jugendlichen ebenfalls gewalttätiger sind als andere Altersgenossen."

* Ist Gewalt eine reines "Integrationsproblem"?
"Gewalt und Migration haben keinen Zusammenhang. Diejenigen Migranten, die in unserer Gesellschaft gut integriert sind haben bessere Chancen, die Herausforderungen eines Lebens in unserer Gesellschaft zu meistern. Das betrifft junge wie ältere Menschen gleichermaßen. Gewalt wird häufig von Menschen ausgeübt, denen es sonst an Möglichkeiten fehlt, sich ´mächtig´ zu fühlen und als Menschen und für ihr Tun Anerkennung zu finden. Wenn es gelingt, den jungen Einwanderern die Chancen auf ein ´anerkanntes´ Leben in unserer Gesellschaft zu eröffnen, gibt es weniger Grund für Ohnmacht, Frust, Wut und Aggression aus denen Gewalt entspringt. Gewalt von und unter Jugendlichen wird es dann aber immer noch geben, weil es in diesem Alter normal ist, miteinander die körperlichen Kräfte zu messen und andere Grenzen zu testen und gezielt zu überschreiten."

[TK]

Links

www.nachbarschaftshaus.de

Gefällt's? Teile es.

Das könnte dich auch interessieren:

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung