Dr. Karin Anderson hilft

Probleme von Kindern in Hamburg

published: 23.04.2008

Expertin Dr. Karin Anderson bewantwortet Fragen zum Thema "Probleme von Kindern in Hamburg" (Foto: Public Address)Expertin Dr. Karin Anderson bewantwortet Fragen zum Thema "Probleme von Kindern in Hamburg" (Foto: Public Address)

Knapp 280.000 Kinder leben in Hamburg. Besonders in großen Städten sind Kinder und Jugendliche darauf angewiesen, dass ihnen Räume zur Verfügung gestellt werden, in denen sie sich verwirklichen können.

Gewalt, Stress oder Mobbing gehören nicht selten zu ihrem Alltag und bedürfen deshalb einer besonderen Aufmerksamkeit. Die Expertin Dr. Karin Anderson beantwortet wichtige Fragen zum Thema.

Mark, 13: Liebe Dr. Anderson, ich will so gern in einen Fußballverein. Alle anderen aus meiner Klasse reden da immer drüber und über die Spiele und haben da ihre Freunde kennen gelernt. Meine Eltern sagen aber, sie haben kein Geld für so was. Was kann ich machen?
Dr. med. Karin Anderson: "Hallo Mark, wenn Eltern nicht das Geld für so eine Mitgliedschaft aufbringen können, erlassen viele Vereine diese Gebühren, um junge Nachwuchstalente für den Verein zu fördern - du müsstest dich einmal nach dieser Möglichkeit im Vereinsbüro erkundigen. Wenn deine Eltern aber eigentlich genügend Geld verdienen, aber dir vielleicht nicht zutrauen, dass du Fußball ernst genug nimmst, damit sich ein Vereinsbeitritt auch lohnt, musst du versuchen, sie auf anderem Weg zu überzeugen. Spar soviel von deinem Taschengeld wie möglich und verdiene dir das fehlende Geld dazu. Du könntest z. B. bei Nachbarn den Rasen mähen, regelmäßig einen Hund ausführen, Babysitten, für alte Leute Einkäufe machen oder vielleicht sogar Nachhilfe geben.
Wenn deine Eltern dann sehen, wie wichtig dir die Sache ist, sind sie sicher eher bereit, auch etwas in deinen Sport zu investieren. Du könntest ihnen aber auch von vornherein den Vorschlag machen, selbst die Hälfte des Beitrags bezahlen, wenn sie die andere Hälfte übernehmen."

Edgar, 11: Bei mir aus der Klasse wurden schon zwei Jungen "abgezogen". Eine Clique aus der neunten Klasse ist hinter denen hergelaufen und hat ihnen mit Stress gedroht, wenn sie ihnen nicht ihr Taschengeld geben. Ich habe Angst, dass mir das auch passiert! Was soll ich tun?
"Hallo Edgar, ´Abziehen´ ist eine Straftat. Auch wenn die Täter erst 14 oder 15 Jahre alt sind, und damit noch nicht vom Gesetz her bestraft werden können, darf so ein kriminelles Verhalten nicht einfach hingenommen werden. Du allein kannst nichts gegen eine solche Bande ausrichten, denn sie sind ja in der Mehrzahl, älter und stärker als du. Du solltest daher unbedingt mit deinen Eltern und deinen Lehrern über diesen Vorfall sprechen, denn nur die Schule kann versuchen, etwas gegen diese gemeine Clique zu unternehmen. Die Schulleitung muss die Eltern dieser Neuntklässler über das kriminelle Verhalten ihrer Sprösslinge informieren und darauf dringen, dass die Eltern ihre Kinder angemessen bestrafen. Natürlich sollten die Lehrer auch in ihren Klassen ganz allgemein über das Thema ´Abziehen´ sprechen, und mit den Schülern darüber diskutieren, wie weit ein ´Spaß´ gehen darf und wann aus einem Jux eine Straftat wird. Hierbei kommt es leider aber sehr darauf an, in welchem Stadtteil deine Schule liegt, und wie das Zuhause der Schüler aussieht. Wenn in deine Schule überwiegend Schüler aus Familien gehen, deren Eltern sich um ihre Kinder kümmern und denen es nicht egal ist, was mit ihnen in der Schule passiert, kann so ein energisches Eingreifen der Schule Erfolg haben. Stammen die meisten Schüler allerdings aus Familien, in denen sich niemand so recht um die Kinder kümmert oder für das, was sie so treiben, interessiert, ist damit zu rechnen, dass diese Jugendlichen alle Ermahnungen an sich abprallen lassen und weitere Straftaten begehen. Wenn das passiert, und du ebenfalls bedroht wirst und von nirgendwo Hilfe zu erwarten ist, bleibt dir und deinen Eltern nichts anderes übrig, als die Schule zu wechseln."

Lisa 14: Ich teile mir mit meiner zehnjährigen Schwester ein Zimmer. Früher hat mir das ja nichts ausgemacht, aber jetzt möchte ich lieber ein Zimmer für mich. Ich möchte mal alleine sein und ungestört meine Sachen machen, aber das geht nicht. Wir haben nicht mehr Platz Zuhause und meine Eltern können sich keine größere Wohnung leisten. Was soll ich machen?
"Liebe Lisa, auch wenn sich deine Eltern keine grössere Wohnung leisten können, in der jedes Kind ein eigenes Zimmer hat, gibt es Möglichkeiten, dir ein bisschen mehr Privatbereich zu schaffen. Du solltest versuchen, gemeinsam mit deinen Eltern und deiner kleinen Schwester eine annehmbare Lösung für dein Problem zu finden. Vielleicht ist es ja möglich, euer gemeinsames Zimmer so einzurichten, dass eure beiden Bereiche besser voneinander abgegrenzt sind. Vielleicht lassen sich ja ein Schrank, Bücherregal oder ein paar hübsche, preiswerte Paravents als Raumteiler in die Zimmermitte stellen, so dass ihr euch beide eine Zimmerhälfte nach euren Vorstellungen gestalten könnt. Ich könnte mir vorstellen, dass deine Schwester mit ihren 10 Jahren inzwischen auch mal ganz gern für sich sein möchte, daher werdet ihr vielleicht auch Absprachen treffen können, an die ihr euch dann aber auch beide halten müsst. Das wären etwa Absprachen über Ordnung (jeder räumt seine Zimmerhälfte selber auf), Eigentum (keine darf sich ohne Erlaubnis einfach Sachen von der Schwester nehmen) oder den Besuch von Freunden (jede kann abwechselnd Freunde mitbringen, ohne dass die Schwester stört oder sich dauernd ins Gespräch einmischt). Sicher könnt ihr Schwestern euch in diesen Punkten einigen, denn ihr seid ja beide von der Raumknappheit betroffen. Und eure Eltern sollten eure Absprachen respektieren und euch auch bei der Einhaltung unterstützen."

Greta 16: Ich will später Kinder haben und denke, dass es besser ist, dann von Hamburg aufs Land zu ziehen, weil die Kinder da besser aufwachsen können. Oder? Was sagen Sie?
"Hallo Greta, du musst dir erstmal überlegen, welche Lebensqualitäten dir am wichtigsten sind. Sicher möchtest du für deine Kinder ausreichend Platz bei einer erschwinglichen Wohnungsmiete, vielleicht sogar ein Garten, dazu Kindergarten und gute Schulen, die dein Kind zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Eine sichere Umgebung ohne Kriminalität und Drogenprobleme, Freizeitmöglichkeiten (Schwimmbad, Sportverein) und andere junge Familien mit Kindern in der Nachbarschaft - das sind alles Kriterien, nach denen du ebenfalls Ausschau halten solltest. Diese Möglichkeiten sind aber nicht unbedingt an einen Umzug ins Hamburger Umland gebunden, du kannst sie durchaus auch in der Stadt finden.
Genauso wichtig wie so eine kinderfreundliche Umgebung ist aber auch eine "mütterfreundliche" Umgebung für dich! Du wirst nämlich ganz bestimmt dankbar für Kontakt und Austausch mit anderen jungen Müttern und ihre Hilfe und Unterstützung bei der Kinderbetreuung sein. Natürlich ist es toll, wenn du eine Mutter, Grossmutter oder andere Verwandte hast, die, falls es nötig ist, einspringen können. Aber mit Freundinnen in greifbarer Nähe, die in der gleichen Situation sind wie du, mit denen du dich beim Kinderbeaufsichtigen, beim Hinbringen und Abholen oder evtl. sogar beim Kochen abwechseln kannst, fühlst du dich viel weniger belastet und hast auch einmal Zeit für dich und deine Interessen. So ein gut funktionierendes soziales Netz ist dabei nicht nur wichtig für berufstätige oder allein erziehende Mütter, sondern auch für Frauen, die zwar der Kinder wegen zu Hause bleiben, aber nicht wollen, dass ihnen schließlich die Decke auf den Kopf fällt."

Luca, 15: Hallo Frau Anderson. Seit ich denken kann, wohne ich in einem so genannten "sozialen Brennpunkt", weil meine Eltern nun mal nicht so viel Geld haben. Ich finde es auch echt okay hier, bis auf dass es relativ wenig coole Plätze gibt. Was mich total nervt ist, dass ich irgendwie abgestempelt werde, wenn ich erzähle, wo ich wohne. Ich meine, nur weil wir in einem Viertel mit vielen Sozialwohnungen wohnen, sind wir doch nicht gleich asozial, oder?
"Ja Luca, leider gibt es tatsächlich eine Menge Leute, die andere nur nach Äußerlichkeiten beurteilen. Das gilt nicht nur für die ´richtige´ Wohnadresse, sondern auch für das ´richtige´ Designer-Etikett an der Kleidung und andere Statussymbole. Menschen mit solchen Vorurteilen denken meistens gar nicht erst gross darüber nach, wenn sie ihre vorgefasste Meinung zum Besten geben, und sind dann ganz erstaunt, und manchmal auch beschämt, wenn sie feststellen, dass sie damit falsch liegen. Am besten beugst du diesem Schubladendenken vor, indem du ganz souverän zu deiner Herkunft stehst. Ich würde dir daher empfehlen, wenn du nach deiner Adresse gefragt wirst, ruhig und sachlich zu antworten und eine witzige Bemerkung hinzuzufügen, die das Vorurteil absurd erscheinen lässt. Das könnte beispielsweise so etwas sein wie: ´Blankenese ist ja so mega-out, daher sind wir nach XY-Viertel umgezogen!´ Oder, bei älteren Leuten: ´Wie Bundeskanzler Schmidt sind wir für understatement - daher wohnen wir in XY-Viertel´."

Marek, 18: Ich gehe am Wochenende gerne auf den Kiez und manchmal auch in der Woche in Clubs, wenn wir am nächsten Tag die ersten Stunden frei haben. Auch sonst stehe ich auf House und HipHop und drehe bei mir die Anlage gerne auf (Kopfhörer wegen Eltern und Nachbarn). Manchmal habe ich jetzt so ein Piepen im Ohr. Kann das vom Musikhören kommen?
"Hallo Marek, deine Vermutung trifft leider zu. Wenn du oft und laut Musik hörst, kannst du nämlich sehr wohl einen Hörschaden davontragen, der sich durch Piepen und andere lästige Ohrgeräusche äußert. Sehr starker Krach und anhaltender Lärm, der über 85 Dezibel hinausgeht, schädigt nämlich die empfindlichen Häärchenzellen im Innenohr. Wenn du also deine Musik mit Kopfhörern oder einem Walkman hörst, tust du zwar deiner Umgebung einen Gefallen, weil du den Lärm nach außen abdämpfst, aber deinem Ohr kannst du großen Schaden zufügen! Über die Kopfhörer gelangt laute Musik mit bis zu 110 Dezibel mit voller Wucht und ohne Umwege in dein Ohr, davon werden deine Hörzellen regelrecht bombardiert. Und Untersuchungen haben ergeben, dass 4 Stunden Beschallung in der Disco deinem Hörorgan genauso viel Schaden zufügen kann, wie eine 40-Stunden-Arbeitswoche mit dem Presslufthammer ohne Ohrenschützer. Viele junge Leute haben aufgrund ihres häufigen sehr lauten Musikhörens bereits heute eine Minderung ihrer Hörfähigkeit wie sonst nur Senioren. Was laute Geräusche mit der Hörfähigkeit anrichten können, lässt sich auch bei Soldaten gut beobachten. Sie haben nämlich einen Hörausfall in genau dem Frequenzbereich, der den Gewehrschüssen entspricht. Mein Mann zum Beispiel, der in Vietnam bei der Artillerie gekämpft hat, kann weder Grillengezirpe, noch Vogelgezwitscher oder andere hohe Töne hören. Daher solltest du deinen Ohren unbedingt eine Lärmpause gönnen - und hoffen, dass sich die Häärchenzellen von der hammerharten Beschallung noch einmal erholen können!"

Laura, 12: Hallo Frau Anderson! Ich fahre mit der Bahn zur Schule und muss dabei regelmäßig am Hauptbahnhof umsteigen. Irgendwie ist es mir immer etwas unheimlich, an den ganzen Typen, die da herumlungern, vorbeizugehen, weil die manchmal auch ganz komische Bemerkungen machen. Wenn ich anders fahren würde, wäre das ein Riesen-Umweg. Ich will auch nicht, dass man mir meine Angst anmerkt...
"Liebe Laura, ich kann mir gut vorstellen, dass du dich in dieser Situation beklommen fühlst. Am besten versuchst du, so unbefangen wie möglich zu erscheinen und dir deine ängstlichen Gefühle nicht anmerken zu lassen. Wenn diese Typen anzügliche Bemerkungen machen, tu einfach so, als hättest du gar nichts gehört. So lange es bei diesem Hinterhergucken und -rufen bleibt, ist das zwar unangenehm, aber nicht weiter gefährlich. Anders ist es aber, wenn einer oder mehrere dieser Typen anfangen, dir nachzugehen oder dich anzufassen. Dann musst du versuchen wegzulaufen und unbedingt sofort laut um Hilfe rufen. Hoffentlich werden ja andere Leute in der Nähe sein, die dich hören und die Polizei oder den Sicherheitsdienst herbeirufen. Leider gibt es aber manchmal Situationen, wo keiner der Umstehenden etwas unternimmt, weil jeder denkt, ein anderer werde es schon tun, oder weil sie die Lage nicht richtig einschätzen. Ganz generell kommen dir Leute am ehesten dann zu Hilfe, wenn du sie direkt ansiehst und ansprichst (´Hallo, Sie da, im roten Mantel, können Sie mir bitte helfen und die Polizei rufen?´) Ich hoffe aber, dass es zu so einem extremen Fall nicht kommen wird, und es bei dem zwar unangenehmen, aber ungefährlichen Nachschauen bleibt."

[TK]

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