Wenn Eltern neue Partner haben - Teil 1

"Man muss einander respektieren"

published: 15.08.2008

Scoolz-Expertin Dr. Karin Anderson beantwortet eure Fragen (Foto: Public Address)Scoolz-Expertin Dr. Karin Anderson beantwortet eure Fragen (Foto: Public Address)

Wenn sich Eltern trennen und scheiden lassen, ist das für die Kinder meist schon schwer genug. Kommen dann noch neue Partner in das Leben der Mutter oder des Vaters, bringt das oft Probleme mit sich. Die Expertin Dr. Karin Anderson antwortet Scoolz-Usern.

Sarah, 16: "Der neue Freund meiner Mutter verhält sich, als wäre er mein Vater, obwohl er nur zehn Jahre älter ist als ich! Ich finde das albern und das nervt mich total, was kann ich dagegen tun?"
Dr. Karin Anderson: "Hallo Sarah, es ist für Kinder sowieso schon schwer genug, neue Partner ihrer Eltern zu akzeptieren. Wenn der neue Freund oder die neue Freundin dann auch noch kaum älter ist als man selbst, kann es doppelt so schwierig sein, sich an diesen plötzlichen Familienzuwachs zu gewöhnen. Wenn so ein beinahe gleichaltriger ´Stiefelternteil´ dann versucht, dem ´Stiefkind´ gegenüber väterliche (oder mütterliche) Autorität herauszukehren, wirkt das auf Jugendliche eher unglaubwürdig bis lächerlich, denn dieser Autoritätsanspruch basiert ja weder auf Alter und Lebenserfahrung noch auf einer emotionalen Bindung. Je einfühlsamer und lebenskluger der neue Lebensgefährte von Mutter (oder Vater) ist, desto weniger wird er versuchen, auf eine Übernahme der Elternrolle zu pochen. Der Freund deiner Mutter scheint im Gegensatz dazu aber eher unsicher und im Umgang mit Jugendlichen unerfahren zu sein. Anstatt sich dir als freundschaftlicher Gesprächspartner anzubieten und darauf zu hoffen, dass bei näherem Kennenlernen auch das Vertrauen zwischen euch wächst, versucht er offenbar, seinen Status in eurer Familie durch autoritäres Verhalten festzulegen. Da du mit 16 ja schon fast erwachsen bist, würde ich dir raten, dieses Problem ein Stück psychologisch anzugehen. Erklär´ dem Freund deiner Mutter, dass du dir sehr gut vorstellen kannst, dass es für ihn ebenso wie für dich nicht so einfach ist, sich an eure neue Situation zu gewöhnen. Du würdest aber hoffen, dass ihr mit der Zeit gute FREUNDE werden könnt, weil er ja ZUM GLÜCK nicht so viel älter ist als du, und darum sicher eher weiß, wie Teenager so drauf sind. Merkst du, worauf ich hinaus will? Auch wenn dein Eindruck von ihm ganz das Gegenteil ist - diese Technik nennt man ´reframing´. Du nimmst die Tatsachen, die gegen ihn sprechen und gibst ihnen eine neue, positive Bedeutung. Dann ist sein jugendliches Alter auf einmal ein Pluspunkt, denn du setzt ja deswegen voraus, dass er dich besser versteht, er muss nicht mehr die schwierige Vaterrolle übernehmen, sondern du hoffst, dass ihr Freunde werdet, usw. Wer weiß, vielleicht fühlt er sich sogar nach diesem Gespräch ein Stück erleichtert und braucht nicht mehr so auf seine ´väterliche´ Autorität pochen."

Claas, 14: "Die neue Freundin meines Dads mischt sich in meine Angelegenheiten ein und will alles wissen. Dabei geht sie das gar nichts an. Hat sie ein Recht darauf, mich zu erziehen? Muss ich ihr gehorchen?"
"Hallo, Claas! Ich erinnere noch gut von meinem Sohn, dass Jungen in deinem Alter sehr ungern ausgefragt werden und eher ´sparsam´ über sich selbst und ihre Erlebnisse Auskunft geben. Die neue Freundin deines Vaters weiß von dieser Tatsache aber vermutlich nichts, denn ich nehme mal an, dass sie selbst noch keine Kinder hat - und wahrscheinlich auch sonst nicht besonders viel Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen. Frauen versuchen grundsätzlich gern, übers Gespräch mit anderen in Kontakt zu kommen. Daher ist ihr wahrscheinlich überhaupt nicht klar, dass du ihr die Ausfragerei übel nimmst und ihr Interesse als ´Einmischung in deine Angelegenheiten´ ankreidest. Natürlich hat sie kein Recht darauf, dich zu erziehen, sie ist ja weder deine Mutter noch an Mutters Stelle. Aber es schadet nichts, wenn du ihr zumindest zuhörst, wenn sie mit dir spricht, und versuchst, ihre Fragen eher als den Wunsch zu sehen, dich besser kennen zu lernen, und nicht so sehr als aufdringliches Nase-in-deine-Angelegenheiten-stecken. Wenn die Freundin deines Vaters dich zu sehr mit Fragen löchert, solltest du ihr ganz freundlich erklären, dass du zwar nicht unhöflich sein möchtest, aber dass es dir grundsätzlich schwer fällt und du es einfach nicht gewohnt bist, über dich zu reden. Und noch etwas. Einer meiner amerikanischen Lieblings-Comics heißt ´Zits´. Er handelt von den Erlebnissen des 15-jährigen Jerry mit seinen Eltern (und umgekehrt). (Mich erinnert Jerry ungeheuer an meinen Sohn, daher finde ich ihn auch so witzig). Man muss natürlich etwas Englisch sprechen, um den Dialog zu verstehen. Google mal ´Zits´ und schau dir ein paar der Comics an (die täglich neu erscheinen). Vielleicht kannst du ja der Freundin deines Vaters ein paar davon ausdrucken, damit sie eine Ahnung davon bekommt, wie Jungen deines Alters ´ticken´."
Kerstin, 15: "Ich finde, der Freund meiner Mutter nutzt sie nur aus. Er wohnt und isst bei uns, benutzt ihr Auto usw. und sie lässt sich alles bieten. Wie kann ich ihr die Augen öffnen?"
"Liebe Kerstin! Liebe macht bekanntermaßen blind und deine Mutter scheint offenbar für die Tatsache, dass ihr Freund sie ausnutzt, blind zu sein. Solange sie ihn aber durch diese rosarote Brille sieht, wird sie dir (ebenso wie jedem anderen) vermutlich jede Kritik an ihrem Liebsten übel nehmen. Entweder streitet sie dann alles sofort rundheraus ab, oder sie findet irgendwelche scheinbar guten Gründe, warum alles so und nicht anders laufen muss. Du könntest sie aber vielleicht dadurch zum Nachdenken bringen, indem du sie immer wieder unauffällig und geschickt mit unliebsamen Fakten konfrontierst - ohne dass sie die kritische Absicht spürt und dann sofort abblockt. Du könntest z. B. ganz harmlos sagen, wie gut es doch sei, dass sie jetzt, wo ihr Freund bei euch lebt, nicht mehr für alles ganz allein bezahlen müsse. Schließlich würde alles ja immer teurer, Lebensmittel, Strom, Heizkosten und besonders das Benzin. Sie arbeite doch so viel und habe es doch schwer genug, daher sei es wirklich toll, dass ihr Freund sie jetzt bei allem unterstützen könne. Ohne, dass du ein kritisches Wort sagst, konfrontierst du sie dadurch damit, dass ihr Freund sich ja gerade NICHT an diesen Lebenskosten beteiligt, und sie ja gerade NICHT im Haushalt und sonstwo unterstützt. Zugegeben, diese Methode ist indirekt und ein bisschen manipulativ. Aber ´sanftes Bohren in der Wunde´ ist oft wirksamer als offene Konfrontation, wenn klärende Gespräche und Vernunft (noch) keine Chance haben. Denn deine Mutter weiß ja im Grunde sehr wohl, dass ihr Freund sie so ausnutzt, auch wenn sie es bisher(noch) nicht wahrhaben will."

Jannes, 15: "Welche Rechte hat man, wenn man mit dem neuen Partner nicht zurecht kommt? Wo kann man sich Hilfe holen?"
"Lieber Jannes, niemand darf von dir verlangen, dass du den neuen Partner deiner Mutter oder deines Vater voll und ganz als Elternteil ansehen oder lieben musst. Der neue Lebensgefährte hat lediglich einen Anspruch darauf, dass du ihn mit Respekt behandelst. Das gleiche Recht gilt aber auch für dich. Der neue Partner muss dich respektieren, er darf dich weder seelisch noch körperlich misshandeln. Er darf auch in deiner Gegenwart nicht schlecht über deinen anderen Elternteil reden oder versuchen, dich von Besuchen abzuhalten. Wenn du mit dem neuen Partner deiner Mutter (oder deines Vaters) nicht zurechtkommst, solltest du als Erstes versuchen, ob sich die Sache nicht im Gespräch klären lässt. Wenn deine Mutter (oder dein Vater) und ihr Lebensgefährte bereit sind, sich mit dir auseinanderzusetzen, solltest du alle Punkte, die dir zu schaffen machen, aufschreiben und möglichst sachlich und ohne Vorwurf zur Sprache bringen. Vielleicht ist dem neuen Partner ja gar nicht klar, wodurch er bei dir aneckt - möglicherweise ist er den Umgang mit Jugendlichen deines Alters auch nicht gewöhnt. Eine andere Möglichkeit wäre es, eine neutrale Vertrauensperson einzuschalten, etwa einen Lehrer, einen Pastor oder einen Verwandten oder Freund, dem deine Mutter (oder dein Vater) vertraut. Ein Gespräch aller Beteiligten in Gegenwart eines neutralen Dritten verhindert oft, dass es dabei zu Streit und unsachlicher Kritik kommt. Die gleiche Rolle als Vermittler könnte natürlich auch ein Familientherapeut übernehmen. Wenn alle diese Möglichkeiten nichts bewirken oder von vornherein ausgeschlossen sind, und die Situation zu Hause für dich unerträglich wird, solltest du versuchen, ob sich nicht eine andere Wohnmöglichkeit für dich findet. In erster Linie denke ich dabei natürlich an dein anderes Elternteil. Wenn der getrennte Vater oder die Mutter nicht ebenfalls sorgeberechtigt ist, könnte er (oder sie) vielleicht mit Hilfe eines Anwalts das Sorgerecht für dich gerichtlich beantragen. Wenn alle Stränge reißen, wenn du zu Hause etwa Misshandlungen und grober Vernachlässigung ausgesetzt bist, kannst du dich auch an den Kinderschutzbund oder gleich ans Jugendamt wenden, um, falls erforderlich, in einer Jugendwohngruppe untergebracht zu werden."

[TK]

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