Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Chatsüchtig!

published: 07.02.2009

Dr. Karin Anderson beantwortet in der Sprechstunde wichtige Fragen von Scoolz-Usern (Foto: Priscilla Du Preez on Unsplash) Dr. Karin Anderson beantwortet in der Sprechstunde wichtige Fragen von Scoolz-Usern (Foto: Priscilla Du Preez on Unsplash)

Wenn es in der Realität Probleme gibt, ziehen sich viele Jugendliche in die virtuelle Welt der Chatrooms zurück. In der Anonymität des Internets können sie sich so geben, wie sie es sich vor Schulkameraden nicht trauen, und finden Freunde und Vertraute. Leider geraten sie dabei häufig in einen Teufelkreis, wie auch eine Scoolz-Userin im Help-Forum beschreibt:

Scoolz-Userin: "Ich bin zwölf Jahre alt und schon seit dem Kindergarten übergewichtig. Ich hatte immer nur eine Freundin und seit der fünften Klasse dann noch einen besten Kumpel. Von den anderen wurde ich immer gemobbt, auch heute noch, nur weil ich übergewichtig und total hässlich bin. Letztens stand sogar auf der Schultoilettenwand etwas über mich. Im Februar dieses Jahres habe ich dann einen Chat entdeckt, in dem ich seitdem meine ganze Freizeit verbringe. Es ist zwar nur eine Illusion, aber dort bin ich richtig beliebt und habe viele Freunde und Freundinnen gefunden.




Allerdings glaube ich, dass ich ziemlich abhängig vom Chatten bin. Ich weiß nicht, was ich in meiner Freizeit tun soll außer Chatten und verbringe immer mehr Zeit damit. Ich chatte sogar ganze Nächte durch, wenn ich die Zeit dazu habe. Was kann ich machen, damit ich vom Chat loskomme, im realen Leben Freunde finde und abnehme. Ich hab´s schon mit nichts essen, rauskotzen etc. versucht und bin sogar im Fitnessstudio, aber es hilft alles nicht wirklich viel."


Dr. Karin Anderson: "Liebe..., ich kann verstehen, dass Du es als große Erleichterung erlebst, im Internet anderen Leuten ganz unbefangen zu begegnen, ohne Angst haben zu müssen, abgelehnt oder gar verspottet zu werden. In der Schule erlebst Du eine Art Teufelskreis: Du fühltest Dich aufgrund Deines Äußeren abgelehnt und warst wahrscheinlich eher schüchtern und gehemmt. Das hat einige in Deiner Klasse dazu herausgefordert, Dich zur Zielscheibe ihrer Witze zu machen. Dadurch wurdest Du noch unsicherer und hast noch mehr Ablehnung erfahren.

So ein Chatraum ist für schüchterne Menschen, die Schwierigkeiten mit Kontakten haben, eine große Hilfe, weil die Begegnungen eben nur virtuell und anonym sind. Da kannst Du Dich natürlich leicht ganz anders geben als in einer Umgebung, in der Du immer vor Vorurteilen oder Anfeindungen auf der Hut sein musst. Du hast aber jetzt selbst erkannt, dass das Chatten wie eine Sucht ist. Der virtuelle, Kontakt ersetzt reale Begegnungen, und Du ziehst Dich mehr und mehr aus der Wirklichkeit zurück. Zu allem Überfluss führt das stundenlange Chatten noch dazu, dass sich das Problem mit Deinem Übergewicht durch die mangelnde Bewegung noch verschlimmert. Und falls Du dazu auch noch zu den Computerfans gehörst, die beim Chatten oder Surfen ständig etwas essen, dann macht das die Sache noch schwieriger.




Ich finde aber, dass Du für Deine zwölf Jahre bereits sehr reif bist, denn Du siehst das Problem ja selbst sehr deutlich und machst Dir Gedanken darüber, was das ausufernde Chatten für Folgen für Dich hat. Diese Einsicht und Besorgnis sind bereits ein ganz wichtiger Schritt, aus Deiner Abhängigkeit vom Chatten herauszukommen, und etwas für Dich zu verändern. Ich finde Deinen Entschluss auch richtig und mutig, in ein Fitnessstudio zu gehen. Ich kann mir vorstellen, dass es Dir nicht leicht gefallen ist, Dich dort anzumelden, denn Du magst Dich wahrscheinlich ungern vor anderen ausziehen und hast ja sicher in der Schule auch gerade beim Sportunterricht demütigende Erlebnisse gehabt.

Bitte wirf die Flinte nicht gleich ins Korn, ein Erfolg kann sich erst langsam einstellen, aber er kommt ganz bestimmt, wenn Du am Ball bleibst und weiter regelmäßig und konsequent Sport treibst. Mit Krafttraining kannst Du Deine Muskeln straffen und eine bessere Figur bekommen. Mit Ausdauertraining (Radfahren, Schwimmen, Joggen) verbesserst Du Deine Kondition. In jedem Fall wirst Du langsam Fettpolster abbauen, aber das geht wirklich nur ganz allmählich.
Das ist auch gut so, denn Deine Haut soll sich ja auch einem veränderten Gewicht anpassen können und nicht, wie bei einer Radikaldiät, plötzlich zu weit sein. Da Du erst zwölf bist, wirst Du sicher außerdem noch einen Wachstumsschub durchmachen, dabei greift der Körper auch auf Fettreserven zurück, und der Babyspeck wächst sich zum Teil aus. Sich darauf zu verlassen ist allerdings nicht ratsam, zumal Du ja sagst, dass Du schon seit dem Kindergartenalter übergewichtig bist.

Was das Essen anbelangt, solltest Du es nicht mit ungesunden Radikalmethoden versuchen, die letztendlich doch nichts bringen. Ich möchte Dir vorschlagen, einmal eine Woche lang genau Tagebuch zu führen, und alles exakt aufzuschreiben, was Du isst. Vielleicht kannst Du dabei ja die `Sünder´ ausfindig machen, wie etwa zuviel Süßigkeiten, Eis, Cola oder ähnlich süße Limonaden, Fastfood wie Pommes und Hamburger usw. Wenn das nicht der Fall ist, sondern einfach zu üppig bei Dir zu Hause gekocht wird, solltest Du Deine Mutter bitten, Dir bei Deinem Problem zu helfen, und eine Zeitlang ausgewogene, gut schmeckende kalorienreduzierte Mahlzeiten zu kochen. Vorher solltet ihr allerdings mit Deinem Kinderarzt darüber sprechen, denn Du solltest ganz gesund sein, um eine solche Diät zu machen.

Um Dich von dem übermäßigen Chatten loszueisen, Dein Selbstbewusstsein zu verbessern und neue Freundschaften mit ´richtigen` Leuten zu schließen, würde ich Dir empfehlen, Dir eine Interessengruppe außerhalb der Schule zu suchen. Vielleicht interessierst Du Dich ja für Natur und Umwelt, dann könntest Du Dich z. B. einer Jugendgruppe von Greenpeace anschließen. Oder Du könntest bei Amnesty International oder einer kirchlichen Jugendgruppe mitmachen. Vielleicht hast Du ja auch eine hübsche Stimme und hättest Lust, Dich einem Chor anzuschließen. In all diesen Gruppen bist Du ein ´unbeschriebenes Blatt`, triffst auf Leute, mit denen Du die gleichen Interessen hast und von daher eine viel bessere Ausgangsposition, um mit anderen ins Gespräch zu kommen, etwas mit ihnen gemeinsam zu unternehmen und schließlich Freundschaften zu schließen.




Und noch etwas sehr Wichtiges: Wenn Dein Selbstvertrauen wächst, weil Du Dich nicht mehr so hässlich und unbeliebt fühlst, weil Du weißt, dass es Leute gibt, die Dich so akzeptieren wie Du bist, und weil Du etwas tust, was Spaß macht und sinnvoll ist, bekommst Du auch eine andere Ausstrahlung. Wenn Du mit Dir selbst mehr im Reinen bist, erleben Deine Mitschüler Dich auch anders, Du erscheinst ihnen nicht mehr als hilfloses Opfer und reizt sie daher nicht mehr so zum Piesacken.

Auch diese Veränderung wird eine Weile dauern, erwarte nicht, dass etwas von heute auf morgen geschieht. Ich bin aber sicher, dass Du es schaffen kannst. Du bist ein intelligentes und nachdenkliches Mädchen. Du hast Dein Problem erkannt und den starken Willen, Deine Situation zu verändern. Das sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass diese Veränderung auch geschehen kann. Liebe Grüße, Dr. Karin Anderson"

[TK]

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