Gewaltspiele und Ego-Shooter

"Ein Verbot ist nicht sinnvoll!"

published: 05.04.2009

Gewaltspiele verstärken die Emotionen: Feindselige Jugendliche werden noch wütender, introvertiertere Leute dagegen ruhiger. Wer ausgeglichen ist und in sich ruht, zeigt keinerlei spezielle Reaktion (Foto: TK)Gewaltspiele verstärken die Emotionen: Feindselige Jugendliche werden noch wütender, introvertiertere Leute dagegen ruhiger. Wer ausgeglichen ist und in sich ruht, zeigt keinerlei spezielle Reaktion (Foto: TK)

Nach dem Amoklauf in Winnenden ist die Debatte entbrannt, ob gewalttätige Computergames verboten werden sollten. Nicht nur Politiker, auch die Scoolz-User haben im Forum ihre Meinungen geäußert und Fragen aufgeworfen. Scoolz und die TK befragten Dr. Anderson zum Thema.

Wie beeinflussen Gewaltspiele die Emotionen und Verhaltensweisen von Jugendlichen?
Dr. Karin Anderson: "Verschiedene wissenschaftliche Studien weisen tatsächlich darauf hin, dass gewalttätige Spiele die Emotionen und Verhaltensweisen der Jugendlichen beeinflussen. Allerdings sind diese Auswirkungen von Spieler zu Spieler unterschiedlich und haben vor allem etwas mit ihrer individuellen Persönlichkeit zu tun. Feindselige Jugendliche, die voll innerem Groll stecken, werden noch wütender, introvertiertere Leute dagegen ruhiger. Wer ausgeglichen ist und in sich ruht, zeigt keinerlei spezielle Reaktion."

Wie hoch ist das Risiko, dass "Vielspieler" Verhaltensweisen aus der virtuellen Welt in die Realität übertragen?
"Nicht sehr hoch! Kinder und Jugendliche können ja im Allgemeinen sehr gut zwischen Fantasie und Realität unterscheiden. In einer Studie der Harvard-Universität erklärten Jugendliche: `Wir spielen solche Games gerade deswegen gern, weil wir wissen, dass es nicht die Wirklichkeit ist.´"

Werden Menschen durch exzessives Computerspielen zu Amokläufern?
"Nach jedem Schulmassaker kommt regelmäßig als Erstes der Verdacht auf, der Täter sei durch exzessives Spielen gewalttätiger Games zu seinem Amoklauf angestachelt worden. Diese Behauptung, die ja auch im Fall der Amokläufer Tim aus Winnenden und Cho Seung-Hui von Virginia Tech geäußert wurde, ist aber nicht zutreffend. Amerikanische Wissenschaftler haben bei einer Untersuchung 2008 herausgefunden, dass sich die Amokläufer in ihrem Spielverhalten in dieser Hinsicht nicht von normalen Jugendlichen unterschieden - nur 12,5 Prozent von ihnen gehörten zu den Vielspielern."

Sind einige Jugendliche gefährdeter als andere?
"Ja! Wie die Untersuchung des (amerikanischen) Centers for Disease Control and Prevention ergab, waren die Todesschützen und Messerstecher immer männlich und hatten eine Vorgeschichte von Depressionen und Selbstmordversuchen. Ebenso wie nicht jeder, der öfter ein Bier trinkt, deswegen zum Alkoholiker wird, neigt nicht jeder Jugendliche, der regelmäßig Computerspiele spielt, deswegen zu vermehrter Aggressivität. Wer ausgeglichen und seelisch stabil ist, wird weder alkoholsüchtig noch gewalttätig."

Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder diese Art von Spielen spielen?
"Sie sollten einfach einmal mit ihren Kindern gemeinsam spielen, damit sie überhaupt wissen, wie so ein Spiel eigentlich funktioniert. Sie sollten die Charaktere kennen lernen, in die sich ihre Kinder hineinversetzen, und sich mit der ganzen Storyline des Spiels vertraut machen, der virtuellen Fantasywelt und ihren Herausforderungen, der sich ihre Kinder stellen. Sie sollen ihre Kinder beim Spielen erleben und mit ihnen über ihre Erfahrungen sprechen. Erst dann können sie wirklich beurteilen, worin die Faszination eines solchen Spiels besteht und welchen Effekt es auf den Spielenden hat."

Reicht ein einfaches Gesprächsangebot?
"Nein. Die meisten Jugendlichen würden so ein eher ´unverbindliches` Gesprächsangebot wohl nicht sehr ernst nehmen und auch nicht glauben, dass mehr als eine Art oberflächliches Erwachseneninteresse nach dem Motto: ´Mein Kind soll nicht denken, dass ich mich nicht kümmere´ dahinter steckt. Eltern sollten ihren Sohn oder ihre Tochter ganz ernsthaft bitten, ihnen doch einmal zu zeigen, wie so ein Spiel funktioniert, denn sie wollten gern besser verstehen, worum es dabei eigentlich geht, und hätten außerdem einfach Lust, etwas dazuzulernen. Die meisten Kinder freuen sich, wie mein Sohn Per, wenn ihre (abgrundtief unwissenden) Eltern einmal etwas (endlich mal Nützliches) von ihnen lernen wollen, und erfüllen diese Bitte (nach anfänglicher Verblüffung) sicher gern."

Haben Egoshooter bzw. Ballerspiele vielleicht auch positive Effekte, beispielsweise in den Bereichen Stress- und Aggressionsabbau?
"Ja, auf jeden Fall! Viele der in den wissenschaftlichen Untersuchungen befragten Kids sagten, die Spiele würden ihnen dabei helfen, mit negativen Emotionen besser klarzukommen. Mit ´Ballerspielen´ könnten sie Enttäuschung und Ärger abreagieren, besser mit Einsamkeitsgefühlen und Ängsten umgehen und ganz allgemein Stress abbauen. ´Wenn ich einen schlechten Tag in der Schule habe, spiele ich einfach ein Ballerspiel, und vergesse den ganzen Stress!´ Die Gewalt in Computerspielen ist außerdem, anders als im ´richtigen´ Leben, für den Spieler kontrollierbar, er kann so Dinge ausprobieren, die er im realen Leben nie antesten könnte. Spieler können sich auch bewusst entscheiden, ob sie der ´Gute´ oder der ´Bad Guy´ sein wollen und beide Möglichkeiten in der Fantasie gefahrlos durchspielen."

Wäre ein Verbot sinnvoll, könnte es tatsächlich Amokläufe verhindern?
"Ein generelles Verbot gewalttätiger Spiele ist nicht sinnvoll! Immerhin spielen Millionen von Kindern und Erwachsenen jeden Tag solche Spiele, ohne jemals selbst gewalttätig oder gar zum Amokläufer zu werden. Ebenso, wie heutzutage Computerspiele, gerieten früher Filme, Comics, Rock'n'Roll und HipHop in den Verdacht, für allerlei Übel und antisoziale Verhaltensweisen bei Jugendlichen verantwortlich zu sein. Ein eindeutiger, wissenschaftlich nachgewiesener Zusammenhang hat sich aber auch dabei nicht beweisen lassen."

[TK]

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