Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

"Ist meine Freundin depressiv?"

published: 19.06.2009

Wer an einer Depression leidet, verliert häufig das Interesse an seiner Umwelt (Foto: Public Address)Wer an einer Depression leidet, verliert häufig das Interesse an seiner Umwelt (Foto: Public Address)

Eine gute Freundin oder ein enger Kumpel zieht sich plötzlich zurück und zeigt kaum noch Interesse für Hobbys oder Freunde? Wenn sich Menschen innerhalb kurzer Zeit grundlegend ändern und es dafür keine "handfesten" Gründe gibt, sollte man unbedingt hellhörig werden. Oft werden erste Anzeichen einer ernst zu nehmenden psychischen Krankheit übersehen. Die Expertin Dr. Karin Anderson berät eine besorgte Scoolz-Userin.

Mara: "Hallo Frau Doktor Anderson, ich (14) mache mir Sorgen um meine beste Freundin. Seit zwei Monaten zieht sie sich zurück und unternimmt fast gar nichts mehr mit uns. Wenn ich sie anrufe, sagt sie nur, dass sie keine Lust hat, müde ist oder etwas ´zu tun` hat. Ich glaube nicht, dass es an mir oder der Freundschaft liegt, das hätte sie mir gesagt. Auch ihre anderen Freunde haben bemerkt, dass sie sich oft zurückzieht und überhaupt nicht mehr die lustige ... von früher ist. Bei ihr zu Hause ist aber alles okay, ich kenne ihre Eltern, die sind eigentlich echt in Ordnung.

Ich habe das Gefühl, dass sie irgendwie depressiv ist. Wenn sie etwas erzählt, dann nur, dass sie wenig Lust auf Sachen hat, die ihr früher Spaß gemacht haben, und sie alles ziemlich sinnlos findet - manchmal kommt sie auch gar nicht zur Schule. Hinterher stellt sich dann heraus, dass sie nicht krank war, sondern nur ´mies drauf´. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll - soll ich sie darauf ansprechen und sagen, was ich vermute? Oder mit ihren Eltern sprechen? Geht sowas von alleine vorbei oder muss sie eine Therapie machen? Und wie geht das dann? Wäre super, wenn Sie mir ein paar Tipps geben könnten, ich weiß sonst nicht, wen ich fragen soll...Danke und viele Grüße, Mara"

Dr. Karin Anderson berät Scoolz-User im Help-Forum (Foto: Public Address)Dr. Karin Anderson berät Scoolz-User im Help-Forum (Foto: Public Address)

Dr. Karin Anderson: "Liebe Mara, es ist wirklich sehr verständlich, dass Du Dir Sorgen um Deine beste Freundin machst, denn ihr verändertes Verhalten lässt wirklich darauf schließen, dass es sich hier nicht nur um ein vorübergehendes Schlechtdraufsein handelt. Die Symptome, die Du schilderst, deuten schon darauf hin, dass Deine Freundin depressiv ist, denn Rückzug, Lustlosigkeit, allgemeine Antriebslosigkeit und das Gefühl der Sinnlosigkeit sind typisch für depressive Verstimmungen.

Wenn es keine erkennbare seelische Ursache (Liebeskummer, Todesfall, schwere Krankheit oder eine andere Familienkrise) gibt, die ein so nachhaltiges Stimmungstief auslösen könnten, könnte es sich um eine echte psychiatrische Krankheit handeln. Deine Freundin braucht auf jeden Fall Hilfe, denn es ist nicht auszuschließen, dass sie selbstmordgefährdet ist. Ich würde Dir daher vorschlagen, Deine Freundin zuerst noch einmal gezielt auf ihr Verhalten anzusprechen, und ihr klar sagen, dass Du und andere Freunde euch deswegen große Sorgen um sie macht und euch fragt, wie ihr ihr helfen könnt.
Sollte Deine Freundin einen äußeren Grund für ihre Apathie haben, würde sie dann vermutlich damit herausrücken, sich Dir anvertrauen und sich dadurch ein Stück entlasten. Bringt sie allerdings, was ich vermute, wieder nur `lahme´ Gründe vor, wie `einfach keine Lust´ oder `müde´, musst Du einen Schritt weiter gehen, und die Erwachsenen einschalten, damit Deine Freundin ärztliche Hilfe bekommt.

Da Eltern ihren Kindern gegenüber ja nicht neutral sind, und oft auch genug mit eigenen Sorgen zu tun haben, kann es passieren, dass sie Warnzeichen bei ihren Kindern übersehen oder nicht wahrhaben wollen, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist. Vielleicht glauben sie auch, dass ihre Tochter nur an den üblichen Stimmungsschwankungen im Jugendlichenalter leidet und dass ihr Rückzug in ihr Zimmer nur eine vorübergehende Laune ist. Sie wissen ja vermutlich auch gar nicht, dass Deine Freundin sich nicht nur zu Hause so abweisend verhält, sondern auch in der Schule und ihren Freunden gegenüber. Vielleicht haben sie auch nicht mitbekommen, dass ihre Tochter öfters noch nicht mal zur Schule geht.

Wenn Du die Eltern Deiner Freundin gut genug kennst, solltest Du sie ruhig direkt auf Deine Beobachtungen ansprechen. Gleichzeitig wäre es aber ratsam, wenn Du auch euren Klassen- oder Vertrauenslehrer einweihst, denn selbst wenn ihre Eltern Dich möglicherweise nicht ernst genug nehmen - wenn die Schule auf sie zukommt, sind sie ganz bestimmt alarmiert. Welche Art von Behandlung notwendig ist, muss eine ärztliche Untersuchung ergeben, aber darauf zu warten, dass es von selber besser wird, wäre sicher sehr verkehrt, denn Deine Freundin braucht Hilfe - und zwar rasch. Liebe Grüße, Dr. Karin Anderson"

[TK]

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