Castingshows

Chance oder Risiko?

published: 17.06.2009

Das Glück der Kandidaten hängt von der Bewertung der Jury ab (Foto: Public Address)Das Glück der Kandidaten hängt von der Bewertung der Jury ab (Foto: Public Address)

Model, Sänger oder Erfindungskünstler? Kaum schaltet man das Fernsehen ein, flimmern die verschiedensten Casting-Formate über den Bildschirm. Junge Kandidaten setzen ihre ganze Hoffnung in eine Jury vermeintlicher Experten und legen ihre Träume, Ängste und Wünsche in fremde Hände. Was aber passiert hinter den Kulissen? Wie stecken Jugendliche es weg, plötzlich im Rampenlicht - oder im Abseits - zu stehen? Scoolz hat die Expertin Dr. Karin Anderson zu dem Thema befragt.

Warum nehmen so viele Jugendliche an Castingshows teil, obwohl sie riskieren, sich vor einem großen Publikum lächerlich zu machen?
Dr. Karin Anderson: "Die Vorstellung, einmal selbst im Scheinwerferlicht zu stehen, ´groß herauszukommen`, ein Stück an dem Glamour der Stars teilzuhaben, und sich dabei im Neid und der Bewunderung von Freunden und Bekannten zu sonnen, ist ungeheuer verführerisch, gerade, wenn man sonst ein eher unauffälliges Dasein führt."

Wie können junge Menschen mit einem plötzlichen "Prominenten-Status" umgehen?
"Sie müssen sich klarmachen, dass dieser Prominentenstatus nicht wirklich ihnen als realer Person, sondern einzig und allein ihrem Show-Image gilt, also dem Fantasiebild, das sich die Leute von ihnen machen. Wenn einmal erfolgreiche Kandidaten dieses glänzende Image nicht durch weitere Fernsehrollen oder Jobangebote aufrechterhalten können, ist es nämlich sehr schnell damit vorbei. Daher ist es sehr wichtig, bescheiden und `bei sich selbst´ zu bleiben - und nicht etwa zu glauben, bereits auf dem besten Weg nach Hollywood zu sein."

Kann auch Erfolg, beispielsweise für die Gewinner, negative Konsequenzen haben?
"Ja. Wenn ein jugendlicher Kandidat plötzlich erfolgreich und berühmt wird, werden sich einige Freunde und Bekannte möglicherweise von ihm distanzieren, weil sie ihn um diesen Erfolg beneiden und sich unterlegen fühlen. Außerdem sind Gewinner, die ins Auge der Öffentlichkeit geraten, immer in Gefahr, Opfer von Betrügern und windigen Geschäftemachern zu werden, die in ihnen leichte Beute wittern und versuchen, ihre Unerfahrenheit auszunutzen."

Kann ein verantwortungsbewusster Umgang mit den Gefühlen der Kandidaten überhaupt garantiert werden?
"Nein. Denn den Machern der Shows geht es ja in erster Linie darum, möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen und dadurch ihre Geldgeber, Anzeigenkunden oder Shareholder zufrieden zu stellen. Auf die Gefühle oder die Verletzlichkeit der Kandidaten wird dabei meist keine Rücksicht genommen - schließlich soll vor allem das Interesse und die Sensationslust der Zuschauer angestachelt werden."

Das Schicksal der einzelnen Bewerber wird von einem Millionenpublikum verfolgt. Wie kann sich so ein "Hype" auf die Psyche der Kandidaten auswirken?
"Der derzeitige ´Hype` um die schottische Amateursängerin Susan Boyle ist ein gutes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn ein unscheinbares `Aschenputtel` plötzlich zum Star wird.
Bei jeder Gelegenheit von Reportern umringt und zu einer ´öffentlichen Person` zu werden, in deren Privatsphäre jedermann ungeniert herumschnüffelt, kann für einen Menschen, der daran nicht gewöhnt ist, zu einer unerträglichen Nervenbelastung führen."

Kann sich so etwas auch positiv auf das Selbstbewusstsein auswirken?
"Für diejenigen Kandidaten, die erfolgreich sind, kann sich dieser `Starruhm´ durchaus auch positiv aufs Selbstbewusstsein auswirken. Aber nur dann, wenn sie es schaffen, nicht nur zum Publikumsliebling zu werden - sondern es auch bleiben!"

Es passiert öfter,dass die Kandidaten nach einem anfänglichen Hype in Vergessenheit geraten. Wie leicht lässt sich so ein Rückschlag verdauen?
"Wer sich auf seine Schule oder Ausbildung konzentriert, seine Freundschaften und Hobbies nicht vernachlässigt, und sein ganz `normales´ Leben so schnell wie möglich wiederaufnimmt, kann mit solch schnell vergänglichem Ruhm sicher besser umgehen, als ein Kandidat, der meint, nun brauche er sich nicht mehr mit solch lästigem ´Alltagskram` oder solch `langweiligen´ Leuten abzugeben oder sich besonders anzustrengen. Auch der Versuch, um jeden Preis noch einmal ins Rampenlicht vorzudringen und mit allen Mitteln bei der nächsten oder irgendeiner Show wieder dabeizusein, egal, worum es sich dabei dreht, wirkt sich sehr negativ auf die Psyche aus, denn so ein Nichtloslassenkönnen verhindert, dass der Ex-Showstar wirklich erwachsen werden und sich weiterentwickeln kann."

Häufig werden Menschen in solchen Shows lächerlich gemacht oder nur einseitig dargestellt. Wie können Betroffene damit umgehen?
"Um mit einer solchen öffentlichen Demütigung umgehen zu können, bedarf es schon eines sehr gesunden Selbstvertrauens und der Fähigkeit, sich und die ganze Situation nicht so ernst zu nehmen und sich auch notfalls über sich selbst lustig machen zu können. Wem es gelingt, mit einer schlagfertigen Bemerkung die Lacher wieder auf seine Seite zu bringen, kann damit Sympathie beim Publikum punkten und so das Ruder wieder herumreißen.

Wer kein dickes Fell hat und diese häufig zum Showritual gehörende öffentliche Bloßstellung und Verhöhnung nicht entweder selbstironisch abschmettern oder sich zumindest innerlich davon distanzieren kann, läuft Gefahr, ein nachhaltiges seelisches Trauma zu erleiden. Beispielsweise musste in Thailand eine Spielshow, die in den USA und Europa sehr erfolgreich läuft, nach einigen Folgen wieder abgesetzt werden, weil einige der vom Publikum abgewählten, ´ausgestoßenen`, Kandidaten Selbstmord begingen. In ihrer Kultur bedeutet öffentliche Kränkung nämlich den totalen Gesichtsverlust, und damit eine abgrundtiefe, nicht wiedergutzumachende Schande!"

Warum gibt es so ein breites Publikum?
"Die meisten Leute sind nicht nur neugierig, sondern sie lassen sich auch gern begeistern. Sie wollen sich in die Rolle des erfolgreichen Kandidaten hineinträumen, vor allem, weil der ja schließlich ein ganz normaler Mensch ist, ´wie du und ich`, und nicht ein unerreichbarer Star. Gleichzeitig genießen sie es aber auch, erfolglose Kandidaten bei ihren Missgeschicken zu beobachten und beneidete Erfolgstypen, die schließlich doch versagen, `endlich von ihrem hohen Ross` fallen zu sehen."

[TK]

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