Organspenden in Deutschland

Mitleid unerwünscht

published: 21.03.2007

Querflötistin Katie und Musiker Arne versuchen, sich von Katies Krankheit nicht unterkriegen zu lassen (Foto: Public Address)Querflötistin Katie und Musiker Arne versuchen, sich von Katies Krankheit nicht unterkriegen zu lassen (Foto: Public Address)

„Als Kind hat mich der Organspendeausweis meiner Mutter ein wenig schockiert“, sagt Katie und lächelt. Das war das erste Mal, dass die junge Frau mit dem Thema Organspende in Berührung kam. Da war sie noch ein Kind und lebte mit ihrer Mutter in Großbritannien. „Eigentlich hat mich das Thema dann nicht weiter interessiert. Bis ich selber krank wurde“, sagt Katie leise. Denn während ihres Musik-Studiums in London 1995 wurde bei ihr plötzlich eine seltene Immunschwächeerkrankung diagnostiziert. Die Chancen für eine Heilung standen schlecht. Über den Ursprung der Erkrankung ist nur wenig bekannt. Bekannt ist aber, das sie die Nieren angreift. Nach fünf Jahren sind Katies Nieren kaputt.

Helfen konnte ihr erstmal nur die Dialyse. Das hieß für Katie, dreimal die Woche für jeweils fünf Stunden an eine Maschine angeschlossen zu werden, die ihr Blut reinigt. Ohne die Maschine wäre ihr Körper langsam vergiftet worden. Ein normales Leben, wie es junge Frauen in ihrem Alter führen, schien kaum noch möglich. Zukunftspläne für das Studium und für den Beruf rückten mit einem Mal sehr weit weg. Plötzlich wusste Katie, was in ihrem Alter nur sehr wenige Menschen wirklich wissen: Dass Gesundheit mehr wert ist als ein toller Job, viel Geld oder eine große Wohnung.

Wartelisten und Spenderausweise
Geschichten wie die von Katie gibt es Tausende. Allein in Deutschland warten über 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan, etwa 10.000 davon auf eine Niere. Doch es gibt viel zu wenige. Nur etwa 2.600 Nierentransplantationen wurden 2005 durchgeführt, davon die meisten durch eine postmortale Organspende.

Arne und Katie würden gerne Organspende-ausweise in Kneipen auslegen (Foto: Public Address)Arne und Katie würden gerne Organspende-ausweise in Kneipen auslegen (Foto: Public Address)

Die Schicksale der Betroffenen verbergen sich in Krankenhaus-Akten voller medizinischer Fachbegriffe. Oder sie sind hinter den zigtausend Namen zu finden, die auf den Wartelisten von Eurotransplant stehen, jener Organisation, die vom niederländischen Leiden aus die Vergaben von Spendeorganen nach nüchternen medizinischen Kriterien organisiert und beurteilt. Nur selten findet die Geschichte eines Betroffenen den Weg in die Öffentlichkeit. Dann sind die Menschen voller Mitleid und viele nehmen sich vor, sich gleich morgen auch einen Spendeausweis zu besorgen. Oder nächste Woche.

Immerhin helfen solche Fälle, die Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen. Wie bei dem Fußballspieler Ivan Klasnic. Der Spieler von Werder Bremen musste sich Ende Januar 2007 einer Nierentransplantation unterziehen. Die Spenderniere stammte von seiner Mutter. Obwohl eine solche Lebendspende durch einen nahen Verwandten nur sehr selten fehlschlägt, nahm der Körper des kroatischen Nationalspielers die Niere der Mutter nicht an. Nun braucht Klasnic einen neuen Spender. Besser erging es dem amerikanischen Basketballprofi Alonzo Mourning, der 2000 bei den Olympischen Spielen mit seinem Team die Goldmedaille gewonnen hatte. Nachdem bei ihm eine schwere Nierenerkrankung festgestellt wurde, konnte er nach einer Transplantation 2003 seine Karriere fortsetzen. Als Spender meldeten sich viele Freiwillige. Mourning half seine Popularität, wieder gesund zu werden. Bei Katie war das nicht der Fall.

Zu Katies Glück erklärte sich ihr Vater dazu bereit, ihr eine Niere zu spenden. In Deutschland regelt ein Gesetz, dass nur Verwandte, Verlobte oder Personen, die dem Spender sehr nahe stehen, ein Organ zur Verfügung stellen dürfen. Im Herbst 2004 wurde der 32-Jährigen das Organ eingesetzt. Doch wie auch bei Ivan Klasnic kam es zu Komplikationen. Im November 2004 ging es Katie sehr schlecht. Nach der Transplantation "sprang" die Niere nicht sofort "an".
Wie alle Transplantationspatienten muss sie nun Immunsupressiva schlucken: Medikamente, die verhindern, dass der Körper das Fremdorgan abstößt. Die Mittel verursachen Nebenwirkungen. Und auch die Immunschwächeerkrankung ist wieder da. Wie lange die neue Niere ihr Blut reinigen wird, ist unklar. „Eine Niere kann ein Jahr halten. Oder auch 20 Jahre. In ganz seltenen Fällen hält eine Niere auch mal 30 Jahre“, sagt Katie. In ihrem Fall hielt die Niere nicht mal ein Jahr.

“Ich konnte keine zwei Treppenstufen hinaufsteigen“
Im Frühjahr 2005 bricht Katie plötzlich zusammen. Dringend braucht sie eine neue Niere. Wieder hat sie Glück. Diesmal erklärt sich ihre Mutter dazu bereit, eine Niere abzugeben. Für eine schnelle Operation ist sie aber noch zu schwach. Erst muss sie von den Ärzten des Hamburger Universitätskrankenhausens aufgepäppelt werden. Im Juli 2005 kann ihr die Niere endlich eingesetzt werden. Es ist ihre 17. Operation seit dem Beginn ihrer Erkrankung. „Es ist nicht nur so, dass man eine Niere braucht. Es kommen viele Dinge dazu. Ich hatte auch einen Darmverschluss, der sofort operiert werden musste. Weil das so schnell gehen musste, wurde dabei die Milz beschädigt. Einige Stunden nach der Operation musste die dann auch entfernt werden“, erklärt Katie. „Damals war ich so schwach, dass ich nicht mal zwei Treppenstufen alleine hinaufgehen konnte.“

“Nutze den Tag“
Sieht man Katie heute, mag man die Geschichte ihrer Odyssee kaum glauben. Inzwischen hat sie erfolgreich als Musikerin Fuß gefasst und spielt beim Hamburger Musical "Der König der Löwen" Querflöte. Die Monate im Krankenhaus, die Operationen, die Psychotherapie, die sie hinter sich hat, um mit der Situation zurecht zu kommen, sieht man ihr nicht an. Die Niere ihrer Mutter funktioniert bei Katie gut. Wie lange, weiß niemand. Trotzdem strahlt Katie viel Positives aus. Dass sie überhaupt einen Job hat, findet sie toll. Viele Menschen, die nierenkrank sind, können nicht arbeiten.

Der Deckel ihrer Krankenakte hat sich damit nicht geschlossen. Denn auch die Immunerkrankung ist wieder da. Wie ihre Geschichte weitergehen wird, ist ungewiss. „Die Zukunft macht mir große Angst“, so Katie. Ist aber der erste Schock ihrer Geschichte überwunden, bemerkt man dahinter ihren Optimismus. Mitleid ist hier unerwünscht. „Ich bin sehr hoffnungsvoll und auch ein wenig stur. Es ist das Carpe-diem-Prinzip, nach dem ich jetzt lebe."

1995 wurde bei Katie eine seltene Immunschwäche-Erkrankung diagnostiziert (Foto: Public Address)1995 wurde bei Katie eine seltene Immunschwäche-Erkrankung diagnostiziert (Foto: Public Address)

Jahrelang warten und hoffen
Mit noch mehr Zuversicht könnte Katie in die Zukunft schauen, wenn sie nicht genau wüsste, dass Nierenkranke durchschnittlich fünf Jahre auf ihr Spendeorgan warten müssen. Viele Schicksalsgenossen hat sie während ihrer langen Klinikaufenthalte oder bei der Dialyse kennen gelernt. „Das ist für sie eine riesige Belastung“, weiß Katie. Denn wer auf eine Niere wartet, muss Tag und Nacht erreichbar sein. Hofft immer auf den einen entscheidenden Anruf. Hat immer einen gepackten Koffer rumstehen. Wenn man dann nach Jahren angerufen wird, ist man völlig traumatisiert, wenn man vielleicht mitten in der Nacht ins Krankenhaus kommt. Man hat natürlich wahnsinnige Angst.“

Mehr Spenderausweise können helfen
Einzig mehr Spenderausweise könnten das Problem verringern. Da sind sich Katie und ihr Freund Arne, der auch Musiker ist, sicher. Dafür sprechen auch die Statistiken. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung besaß in den 90er Jahren einen solchen Ausweis. 2004 waren es gerade mal drei Prozent mehr. Doch wie bekommt man die Menschen dazu, einen Organspendeausweis auszufüllen?

Arne und Katie, die Katies Erkrankung eng zusammengeschweißt hat, wünschen sich mehr Möglichkeiten, an einen Ausweis zu kommen. In England liegen in jeder Bank– und Postfiliale Ausweis-Vordrucke, erinnert sich Katie. Dort ist das Thema viel stärker präsent. Arne, der bei der Hamburger Band Wunder spielt, glaubt, dass viele Menschen Berührungsängste mit dem Thema haben. „Erst muss die Angst vor dem Thema genommen werden. Viele denken, dass eine Industrie dahinter steckt und dass die Krankenhäuser damit Geld verdienen. Einige, die sonst sicher ihre Organe spenden würden, denken, dass die Ärzte weniger Leben erhalten würden, wenn sich der Patient bereit erklärt hat, die Organe zu spenden", glaubt Arne. Eine Idee, die zu mehr Ausweisen führen könnte, haben beide auch schon: Das könnte vielleicht so funktionieren wie mit diesen Edgar-Karten, die in jeder Kneipe ausliegen, hoffen sie.

Immerhin besagt eine Statistik des Instituts für Demoskopie in Allensbach, dass weit mehr Menschen in Deutschland zu einer Organspende nach ihrem Tod bereit sind, als es Spenderausweise gibt. Wer zu denen gehört, kann sich hier einen Spenderausweis herunterladen.

[Jörg Römer]

Links

Hier Organspendeausweis downloaden!

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