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11.03.2004 19:54 Zitieren Zitieren

Lydia (16)
Gast

11.03.2004 19:54 Zitieren Zitieren

Angst! er dreht total durch! wo finde ich abstand?

Ich habe wieder eine wichtige Frage betreffend meines Vaters. er ist manisch-depressiv und momentan total am durchdrehen. Im September letzten Jahres haben sich meine Eltern getrennt- besser gesagt mein Vater von meiner Mutter. Seitdem bringt er ein Ding nach dem anderen. Er bezahlt uns keinen Unterhalt, mach Telefonterror, droht uns, macht meine Mutter bei mir und meiner Schwester schlecht. Nachdem ich, obwohl es mich natürlich immer noch nicht unberührt lässt, versucht habe mich davon
( wenigstens emotional) zu distanzieren bzw. etw. Distanz zu ihm und den Problemen meiner Eltern aufzubauen, macht er jetzt andere Leute fertig. Er ruft Freunde meiner Mutter an und will Geld von ihnen. Bei den Eltern meiner Mutter hat er es mit Briefen und Anrufen jetzt schon soweit gebracht, dass die zwei total fertig und zerstritten sind. Mein Opa wohnt es jetzt für ein paar Tage bei uns, was die Situation nicht leichter macht. Ich weiß, dass mein Vater früher in seinen manischen Phasen auch häufig zu körperlicher Gewalt bereit war. Und auch seelisch ist die Belastung für die Personen groß, mit denen er in dieser Art " zu tun hat". Ich weiß, dass man einen erwachsenen Menschen nicht einfach so zu einer Therapie zwingen kann. Er hat von seinem Arzt vorgeschlagen bekommen, in die Psychiatrie zu gehen, weil er sonst kein Krankengeld mehr bekommt. Das war ihm egal. Ich habe Angst! Ich weiß nicht was er mit sich anstellen wird und ich weiß nicht was er noch mit anderen Menschen machen wird! Gibt es da nicht irgendeine Möglichkeit?

13.03.2004 15:17 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
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13.03.2004 15:17 Zitieren Zitieren

Liebe Lydia, ich habe lange genug in der Psychiatrie gearbeitet um mir vorstellen zu können, welch grosse Belastung die Manisch-Depressive-Erkrankung deines Vaters für dich und deine Familie darstellt. In der manischen Phase ist es, wie mir eine Patientin einmal beschrieb, als ob eine innere Tür aufgeht, die normalerweise verschlossen bleibt. Jeder Impuls und jeder Gedanke werden sofort in die Tat umgesetzt, ohne Überprüfung durch Gewissen oder Verstand. Jegliche Hemmungen fallen weg, sodass manisch Kranke Zirkusse aufkaufen, 100 Euro Scheine von Brücken streuen, wildfremden Leuten auf der Strasse ihre Blinddarmnarbe zeigen, nach Berlin fahren, um dem Kanzler zu erklären, wie die Welt gerettet werden kann, oder während eines wichtigen Geschäftsessens einen Striptease auf dem Tisch hinlegen. Wie du ja auch von deinem Vater beschreibst, sind Maniker rastlos aktiv, oft auch sehr streitsüchtig, denn Ärger wird ja nicht mehr unterdrückt, sie schlafen und essen kaum, reden unaufhörlich – oder telefonieren, wie dein Vater.
Zwar kommt auch während so einer Psychose „nichts heraus, was nicht auch drin ist“, also bereits vorhandene aggressive Gefühle, aber die normale Zensur durch den Verstand ist nicht vorhanden. Daher sind Kranke während ihrer Manie nicht verantwortungsfähig, sie können sich nicht steuern oder kontrollieren. Dieses Wissen hilft nur leider denen, die unter dem bizarren Verhalten eines manischen Patienten leiden, nicht viel weiter, denn sie müssen ja die Belastung durch Telefonterror, Beschimpfungen, finanziell verantwortungsloses Gebaren und die grenzenlose Aufgedrehtheit ertragen. Rechtlich sieht es damit so aus, dass niemand in medizinische Behandlung gezwungen werden kann. In die Psychiatrie wird nur derjenige auch gegen seinen Willen eingeliefert, der nachweislich sich oder andere gefährdet. Das kann zum Beispiel jemand sein, der mit Selbstmord droht, ein verwirrter alter Mensch, der unverantwortlich in seiner Wohnung mit Feuer herumhantiert, oder ein Kranker, der damit droht, sich und seine Familie in die Luft zu sprengen. Nur bei einer solchen Gefährdung kann das Ordnungsamt eingeschaltet werden und ein Patient zwangsweise einer psychiatrischen Behandlung unterworfen werden.
Wenn dein Vater nicht dazu überredet werden kann, sich medikamentös behandeln zu lassen – ein Krankheitssymptom ist leider die Krankheitsuneinsichtigkeit – bleibt dir und deiner Familie nur die Möglichkeit, andere, die ebenfalls unter dem Verhalten deines Vaters leiden, über die Natur seiner Krankheit (seine Unzurechnungsfähigkeit) zu informieren, und sich so gut wie möglich gegen Kontakt zu ihm abzuschotten. Ihr solltet seine Briefe ungelesen wegwerfen, euch eine Geheimnummer oder zumindest einen Anrufbeantworter anschaffen, und erst ans Telefon gehen, wenn ihr hört, dass es nicht er ist, der euch anruft. Deine Mutter sollte sich anwaltlich beraten lassen, ob es eine Möglichkeit gibt, sich den Unterhalt direkt, ohne Umweg über deinen Vater, auszahlen zu lassen (falls er von irgendwoher ein regelmässiges Einkommen bezieht). Wenn dein Vater tatsächlich vor der Tür stehen und euch bedrohen sollte, müsstet ihr die Polizei rufen. Damit bestünde am ehesten eine Handhabe, ihn auch gegen seinen Willen in psychiatrische Behandlung zu bringen. Ambulant wird eine wirksame Therapie leider nicht möglich sein, dazu bedarf der zuverlässigen Mitarbeit eines krankheitseinsichtigen Patienten. In einem psychiatrischen Krankenhaus könnte deinem Vater allerdings normalerweise relativ rasch geholfen werden, da es heutzutage hochwirksame Medikamente gegen manische Psychosen gibt. Auch kann ein Patient, der an einer chronisch Manisch-Depressiven Erkrankung leidet, eine vorbeugende Dauermedikation nehmen (Lithium), die das Risiko und die Häufigkeit von Krankheitsphasen (auch der depressiven) verringert. Leider ist auch dazu Einsicht und Kooperation des Kranken notwendig.
Ich hoffe, dass es euch gelingt, euch einigermassen vor den Auswirkungen von deines Vaters Manie zu schützen.
Mit freundlichen Grüssen, Dr. Karin Anderson

 
 

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