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11.05.2003 16:14 Zitieren Zitieren

moni
Pointer-User

11.05.2003 16:14 Zitieren Zitieren

Kindheitserlebnis

Hallo,

ich heiße Moni, bin mittlerweile 17 Jahre, habe liebe Eltern und eine ganz schöne Kindheit gehabt. Ich kam immer relativ gut mit meinen Eltern klar und auch mit meinem Bruder, der 15 ist ging es meistens ganz gut.
Allerdings ist mir heute glaube ich etwas klar geworden, d.h. ich bin mir nicht ganz sicher.
Das Verhältnis zu meinem Vater ist wunderbar, wir sind genau auf einer Wellenlänge, verstehen uns super und verbringen auch öfters Zeit miteinander und reden viel. Mit meiner Mutter hingegen verbindet mich kaum etwas, ich mag sie zwar gerne, aber ich nehme sie nicht wirklich ernst! Ich weiß nicht woher das kommt.

Als mein Bruder 7 und ich 9 war hatte meine Mutter Krebs. Das muss eine schwierige Zeit gewesen sein, ich kann mich nur teilweise daran erinnern, in unserer Familie wird auch nicht viel über dieses Thema gesprochen, das möchte ich auch gar nicht, vor allem nicht mit den Menschen, die es betrifft, ich will keine alten Wunden aufreissen, meine Mutter fängt bei diesem Thema schnell an zu weinen, deswegen lenke ich meistens auch selber ab. Ich bin sehr harmoniebedürftig, deswegen möchte ich nicht darüber sprechen, zumindest nicht mit meinen Eltern. Mit meinem Bruder geht es schon eher, aber ich glaube er ist noch ein bisschen zu jung um meine Gedanken dazu zu verstehen. Ich habe auch keinen Menschen, mit dem ich darüber sprechen kann und will, die meisten sind dann betroffen, wissen nicht wie sie damit umgehen sollen.

Als ich heute einen Brief gelesen habe, den ich meiner Mutter gesendet habe, als sie nach der Chemotherapie in der Kur war, da tat ich mir auf einmal selber leid!
Dieser Brief schrie so nach Trauer, nach einem kleinen Kind, das seine Mutter vermisst. Mir sind die Tränen gekommen und mein Bruder und ich taten mir so unheimlich leid, als ich diesen Brief gelesen habe.

Dann ist mir noch eine Situation eingefallen, der Tag, an dem meine Mutter ins Krankenhaus musste, morgens, sie sagte, dass sie für eine lange Zeit weg muss, ins Krankenhaus.
Dieser Ausdruck "lange Zeit", dieses unbestimmte, das macht mich so krank. Dieses ungenaue.
Sie hat mir und meinem kleinen Bruder an dem Tag ein Buch geschenkt, wir waren sauer, wir wollten das Buch nicht, wir haben es weggeschmissen, wir haben gesagt: "Mama, bleib hier, warum musst du denn weg?? Wir wollen nicht dein Buch, wir wollen dich hier behalten!"
Aber meine Mutter musste natürlich gehen und wir waren so traurig und haben uns so einsam und verlassen gefühlt!

Wir wussten nicht worum es wirklich geht, was unsere Mutter hatte, wir wussten aber, das irgendwas nicht stimmte, wir wussten nicht, ob sie überhaupt wieder kommt.
Wieder dieses unbestimmte, ungewisse. Wieder Traurigsein.

Wieder tun mir nur die beiden Kinder leid, die beiden Kleinen, die von ihrer Mutter alleine gelassen werden. Ich denke, wenn ich an diese Situation denke immer NUR an mich und meinen Bruder, nicht wirklich an meine Mutter. Ich muss zwar, weil es ja klar ist, auch an meine Mutter denken, aber obwohl es mir klar ist, dass sie nichts dafür kann, bin ich wütend auf meine Mutter, dass sie uns damals alleine gelassen hat!! Total blöd, aber so denke ich.

Ich kann mich auch kaum noch an die Zeit erinnern, aber ich glaube, dass diese Zeit noch ziemlich tief in meinem Unterbewusstsein steckt und ich das gar nicht wirklich weiß. Denn normalerweise weine ich kaum, nur dieses Thema, bei dem werde ich dann schwach, weil mir mein kleiner Bruder und ich leid tun.

Die Zeit war ziemlich scheiße, wir haben meine Mutter im Krankenhaus besucht, gelegentlich, wir waren oft bei unseren Großeltern.
Wir bekamen auch eine Haushaltshilfe, die sehr nett war. Aber die ersetzte natürlich nicht unsere Mutter.
Mein Vater war in dieser Zeit glaube ich auch sehr depressiv, kein Wunder, welcher Ehemann wäre das nicht. Niemand hat mir das je gesagt, aber ich weiß es.

Wir Kinder haben unter dieser Zeit sehr gelitten, ich glaube sogar ich mehr als mein Bruder. Ich war älter, mein Bruder war fast noch zu jung um irgendwas zu verstehen. Ich habe auch mehr nachgedacht.

Die schlimmste Zeit war, als ich in den Osterferien für 3 Wochen zu der Schwester meiner Mutter und ihrer Familie musste. Für 3 Wochen, schrecklichen 3 Wochen. Mit den beiden Mädchen, also meinen Cousinen habe ich mich sehr viel gestritten und ich habe mich sehr sehr unwohl gefühlt, obwohl die Familie versucht hat mich zu integrieren.
In diesen 3 Wochen ging es mir ziemlich schlecht und ich wollte nur noch nach Hause, es kam mir vor wie 3 Monate.

Ich habe oft geweint und als ich mit meiner Mutter telefoniert habe, habe ich ihr erzählt, dass ich nach Hause will, nicht mehr da bleiben will.

Als meine Mutter dann in der Kur war, musste sie nach 2 Wochen wieder kommen, weil es meinem Vater so schlecht ging und er Angst hatte, er müsse sterben, weil er so alleine war.
Ich glaube zwar, dass er versucht hat diese Gefühle vor uns Kindern zu verbergen, aber wir müssen es doch gemerkt haben. Meine Mutter war auch sehr unausgeglichen, als sie wieder kam.
Ich habe die Zeit verdrängt, aber irgendwie kommt eben manchmal alles wieder hoch. Ich verstehe zwar nicht, warum ich mir selber so leid tue??? Warum denke ich nicht mal an meine Mutter? Das muss doch eine schwere Zeit für sie gewesen sein?? Ich kann machen was ich will, ich denke immer nur an meinen Bruder und mich!

Kann es sein, dass mein Bruder und ich durch dieses Erlebnis gezeichnet sind??
Wir sind sehr vorlaute Menschen, lassen uns nichts bieten und wehren uns.

Mit unserer Mutter haben wir es ja sowieso nicht so doll. Kann das daran liegen??

Ich würde mich über Antwort freuen.

Moni, 17 Jahre alt

19.05.2003 02:56 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

19.05.2003 02:56 Zitieren Zitieren

Liebe Moni, es ist gut, dass du die Situation zu der Zeit, wo deine Mutter an Krebs erkrankt war, und deine Gefuehle dazu so ausfuehrlich beschrieben hast. Das macht das Problem sehr anschaulich und ich kann mir ein deutliches Bild davon machen.
Die Erkrankung deiner Mutter hat vor allem deswegen so nachhaltig traumatisch auf die ganze Familie gewirkt, weil nicht darueber gesprochen werden durfte. Die Nachricht, dass deine Mutter wegen einer lebensgefaehrlichen Erkrankung ins Krankenhaus muss, kam fuer dich und deinen Bruder wie ein Schock, ohne jede Vorbereitung. 9- und 7-jaehrige Kinder sind intellektuell schon weit genug entwickelt, dass dieses Thema auf altersentsprechende Weise mit ihnen besprochen werden kann. Geschieht das nicht, wird der Schock und das Gefuehl des ploetzlichen Verlassenwerdens wesentlich verschlimmert. Ihr muesst den Abschied von deiner Mutter wie eine ungeheure, unfassbare Bedrohung erlebt haben, ihr hattet keine Ahnung, was auf euch zukommen wuerde, es gab keine Information, die euch haette hoffen lassen oder troesten koennen. Es gab keinen Zeitrahmen, auf den ihr euch haettet einstellen koennen, nur die vage, und darum umso bedrohlichere Aussage: "es kann lange dauern!" Kein Wunder, dass ihr, dein Bruder und du, mit Wut auf das Buch als Abschiedsgeschenk reagiert habt. Ihr muesst euch unendlich im Stich gelassen gefuehlt haben!
Eure Eltern haben sicher genauso viel Angst gehabt wie ihr. Normalerweise hat man als Erwachsener bessere Moeglichkeiten, mit so einer Krisensituation umzugehen, als ein Kind. Leider war es bei deinen Eltern nicht so. Deine Mutter ist offenbar auch heute noch nicht in der Lage, ruhig ueber ihre Krebserkrankung zu sprechen, obwohl inzwischen 8 Jahre ohne Wiedererkrankung vergangen sind, und ihr Krebs damit aus medizinischer Sicht als geheilt gilt. Das zeigt, dass sie diese Lebenskrise noch immer nicht wirklich verarbeitet hat.
Dein Vater war in seinem Schmerz offenbar voellig unfaehig, seinen Kinder den Halt und Trost zu bieten, den ihr in dieser Situation dringend gebraucht haettet. Er scheint sich selbst wie ein verlassenes Kind gefuehlt zu haben, und wurde so depressiv, dass deine Mutter ihre Kur abbrechen musste, um sich um ihn zu kuemmern, anstatt sich von ihrer strapazioesen Behandlung zu erholen.
Wenn man als Kind in so einer Krisensituation zu Verwandten geschickt wird, auch wenn es gut gemeinte Ferien sind, erlebt man diese Massnahme immer als Bestrafung. Anstatt am Ort des Geschehens wenigstens ein bisschen etwas davon mitzubekommen, was gerade passiert, wird man voellig von allem abgeschnitten und fuehlt sich noch verlassener als zuvor. Und ausserdem bekommt man den Eindruck, dass man eine Belastung fuer die Eltern ist, und deswegen zu verschwinden hat.
Kinder, auch ganz kleine, merken uebrigens immer, dass etwas los ist, auch (und gerade) wenn die Eltern versuchen, es zu verbergen und nicht darueber sprechen. Kleine Kinder reagieren mit Krankheiten oder Angstanfaellen, groessere Kinder mit Aggressionen, Verhaltensstoerungen oder Depressionen. Dass dein Bruder weniger Reaktion gezeigt hat als du, beweist keinesfalls, dass er weniger mitbekommen oder weniger darunter gelitten hat. Er geht nur entsprechend seiner Persoenlichkeit anders damit um. Vielleicht solltest du doch einmal versuchen, mit ihm darueber zu sprechen. Mit 15 ist er allemal alt genug, um sich seine eigenen Gedanken zu machen.
Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass das Tabu, mit dem die Krebserkrankung deiner Mutter belegt wurde, zu dem gewissen inneren Abstand zwischen dir und ihr gefuehrt hat. Da du keine Moeglichkeit hattest, innerhalb deiner Familie deine Gefuehle des Aergers, der Hilfslosigkeit und des Verlassenwerdens zu verarbeiten, hast du vermutlich mit emotionalem Rueckzug reagiert, um nicht noch einmal durch solch eine Situation verletzt zu werden.
Natuerlich loesen solche Gefuehle und Gedanken auch Schuldgefuehle aus, weil dein Gewissen dir sagt, dass deine Mutter mit ihrer Krankheit ja viel schlimmer dran war als du. Gefuehle sind aber etwas, dass nicht mit den Massstaeben der Moral gemessen werden kann, sie sind eine Reaktion auf eine Situation, und nicht dem Willen oder der Vernunft unterworfen. Darum solltest du es dir nicht uebelnehmen, dass du wieder etwas von der Verzweiflung der 9-jaehrigen erlebt hast, als du den alten Brief an deine Mutter wieder gelesen und daraufhin Mitleid mit dir selbst hattest. Es ist sogar gut, dass du jetzt anfaengst, dich mit diesen Gefuehlen und dem damaligen Geschehen auseinanderzusetzen. Schieb deine Gefuehle und Fantasien nicht als unzulaessig und unmoralisch weg, sie sind wichtig fuer deine seelische Heilung. Sprich mit deinem Bruder, frag ihn, wie er es damals erlebt hat.
Und vielleicht solltest du dich wirklich doch trauen, deine Mutter darauf anzusprechen. Wenn ihr euch eure Gefuehle mitteilen und zusammen um die Frau, die mit der toedlichen Bedrohung allein war, und das verzweifelte, einsame kleine Maedchen trauern koennt, waere das sehr heilsam fuer euch beide und eure Beziehung. Mit Schweigen schont man niemanden, sondern nimmt ihm die Moeglichkeit, eine schwierige Situation zu verarbeiten und Trost zu finden!
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

19.05.2003 18:42 Zitieren Zitieren

moni
Pointer-User

19.05.2003 18:42 Zitieren Zitieren

Liebe Frau Dr. Anderson,

ich habe mich sehr über ihre Antwort gefreut, vielen, vielen lieben Dank, dass sie sich die Zeit zum Antworten genommen haben.
Es hat mir etwas gebracht, die Situation mal von einer anderen Perspektive aus zu sehen.

Dankeschön, ihre Moni

28.05.2003 15:42 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

28.05.2003 15:42 Zitieren Zitieren

Liebe Moni, schoen, dass du mir noch mal geantwortet hast. Ich freue mich ueber Rueckmeldungen, und natuerlich besonders darueber, wenn meine Antwort vielleicht etwas geholfen oder bewirkt hat. Ich kann zwar nicht immer auf alle Fragen gleich eingehen, weil ich das neben meiner Praxis mache, aber ich interessiere mich fuer alle Probleme und nehme mir dann auch wirklich Zeit, darueber nachzudenken und zu schreiben.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

 
 

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