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07.12.2007 15:38 Zitieren Zitieren

Unregistriert
Gast

07.12.2007 15:38 Zitieren Zitieren

Stress und Tränen

Liebe Frau Dr. Anderson,

es tut mir ein wenig Leid, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen, da ich mir sehr unsicher bin, ob das der richtige Ort ist, um mein Problem anzusprechen. Vermutlich stimmt mit mir etwas nicht, allerdings weiß ich nicht, ob ich es gut genug schildern kann, damit es in diesem Forum etwas klarer wird. Außerdem scheinen die meisten anderen Beiträge sich überwiegend auf körperliche Probleme zu beziehen, die mich weniger beschäftigen...Ich denke, ich werde es trotzdem versuchen, da ich den Zustand unbedingt ändern muss, ihn aber andererseits selbst nicht fassen kann.

Ich heiße Kerstin du bin mittlerweile 20 Jahre alt. Natürlich habe ich mich in den letzten Jahren verändert, aber seit etwa einem oder zwei Jahren stimmt bei mir nichts mehr, ganz sicher bin ich mir nicht, wann es angefangen hat. Ich kann mir mein Benehmen kaum selbst erklären. Zwar komme ich oberflächlich mit anderen Menschen gut klar, aber ich bin trotzdem anders als der Rest. Es ist anstrengend für mich, unter Menschen zu sein, besonders wenn ich sie nicht kenne, bereitet es mit so viel Stress, dass ich nach einigen Minuten starke Kopfschmerzen bekomme. Dementsprechend vermeide ich es auch, etwas mit anderen Menschen zu unternehmen, besonders wenn es auf Dinge wir Party und laute Musik hinausläuft. Die anderen halten mich daher natürlich nicht für normal, mögen mich aber dennoch, sagen sie.
Aber auch ein einfacher Kinobesuch wird von mir vermieden, wenn es irgendwie möglich ist, obwohl ich mir selbst hinterher die Frage stelle, warum ich es eigentlich nicht will. Im Allgemeinen vermeide ich also den Kontakt mit anderen, sogar mit Freunden und auch am Telefon, wenn es irgendwie geht.
Davon abgesehen gibt es noch etwas anderes: Ich studiere zur Zeit, und bin in der Uni natürlich sehr beschäftigt, häufig auch zu sehr. In solchen Situationen wünsche ich mir nichts mehr als mich zu Hause ganz in Ruhe hinzusetzen. Sobald es aber ruhig ist, fühle ich mich auch unwohl, oft kommen mir aus einen unerfindlichen Grund die Tränen. Manchmal wird es so schlimm, dass ich mich lange nicht beruhigen kann. Abgesehen davon, dass es mir so kaum möglich ist, am Nachmittag zu lernen, beunruhigt es mich, ich bekomme mehr und mehr Angst vor mir selbst. In den letzten Monaten ist es zudem schlimmer geworden, ich weine schon morgens, bevor ich aufstehe, und abends vor dem Einschlafen passiert es auch. Manchmal sogar nachts, ich wache auf und habe Tränen in den Augen. Und was mich richtig erschreckt hat, ist, dass meine Mutter mich vor Kurzen angeblich schlafwandelnd gefunden hat.
Haben Sie eine Idee, was falsch läuft in meinem Kopf? Ich habe nie etwas Dramatisches erlebt, denke ich, natürlich gab es auch in meiner Kindheit ab und zu Probleme, aber ich glaube, dass keins davon als besonders einschneidend bezeichnet werden kann. Zudem sind es keine bestimmten Situationen, in denen ich diese Probleme beobachte. In Gesellschaft bekomme ich vor Anstrengung einen Druck im Kopf, aber wenn ich allein bin schnürt sich mein Magen zu und ich beginne ohne Grund zu weinen. Nur wenn mich irgendetwas verletzt, reagiere ich darauf immer auf die selbe Weise, allerdings nicht mit Tränen, sondern mit irgendwelchen Fantasien, die mir in den Kopf kommen. Meistens passiert mir in ihnen was, ich weine und schreie, oder blute sogar.
Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Sobald ich dazu komme, darüber nachzudenken, weiß ich, dass etwas mit mir nicht stimmt. Werde ich verrückt? Ich hoffe, sie können mich ernst nehmen, es ist sicher schwer. Vielen Dank, dass sie sich die Zeit genommen haben, all das zu lesen.

Liebe Grüße,
Kerstin

08.12.2007 03:18 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

08.12.2007 03:18 Zitieren Zitieren

Liebe Kerstin,
Ich nehme dein Problem ernst und kann mir vorstellen, dass du sehr beunruhigt bist. Was du beschreibst, ist, dass du in den letzten zwei Jahren eine Art sozialer Phobie entwickelt hast, und dich vom Kontakt mit anderen Menschen sehr gestresst fuehlst, auch wenn du dir aeusserlich nichts anmerken laesst.
Deine seelische "Haut" ist offenbar sehr duenn geworden, du fuehlst dich leicht angestrengt, und reagierst ja auch mit Koerpersymptomen auf diese Anspannung. Dazu spuerst du aber auch im Schutz deines Zuhauses eine innere Unruhe und unerklaerliche Stimmungsschwankungen, die eher depressiv anmuten.
Ich denke, dass du dich unbedingt an einen Fachmann (bzw. -frau) wenden solltest. Ich glaube ganz sicher nicht, dass du "verrueckt" wirst, aber du leidest offenbar an einer depressiven Verstimmung, deren Ursache nicht klar ist. Moeglicherweise ist ein zweigleisiges Vorgehen am geeignetesten, dein Problem anzugehen.
Du solltest dich als erstes nervenaerztlich untersuchen lassen, vielleicht wird dir der Arzt ein Beruhigungsmittel oder Antidepressivum verordnen. Ausserdem rate ich dir, dich bei einer Psychotherapeutin (oder einem -therapeuten) vorzustellen. Wichtig waere naemlich nicht nur, herauszufinden, was sich in deinem Leben getan hat, als diese Verstimmungen und Aengste zum ersten Mal auftraten, sondern auch, an den Problemen und Aengsten zu arbeiten, die dir im Kontakt mit anderen so zu schaffen machen und die beunruhigenden Fantasien oder Zwangsgedanken ausloesen.
Symptome, auch wenn sie beunruhigend und quaelend sind, stellen immer auch eine Chance dar. Sie bieten die Moeglichkeit, sich mit den unbewussten, verdraengten Gefuehlen und Konflikten (mit fachlicher Hilfe) auseinanderzusetzen - und sie dadurch zu ueberwinden. Das, was dich quaelt, hat ja etwas mit dir selbst zu tun, es geht um Dinge, die dir unbewusst zu schaffen machen.
Was aus der Tiefe nach oben kommt, kann angeschaut und schliesslich verarbeitet werden, was abgeschottet "drinnen" bleibt, kommt irgendwann spaeter doch als Krankheit oder Stoerung an die Oberflaeche, und ist dann, wenn man aelter ist, oft viel schwieriger zu ueberwinden, als wenn man noch so jung ist wie du.
Warte nicht laenger, sondern melde dich in einer nervenaerztlichen Praxis zu einer Untersuchung an. Und sieh dich gleichzeitig auch nach einem Psychotherapeuten um (Gelbe Seiten oder Informationen von deiner Krankenkasse). Dann wird es dir sicher bald wieder besser gehen.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

08.12.2007 14:58 Zitieren Zitieren

Kerstin
Gast

08.12.2007 14:58 Zitieren Zitieren

Vielen Dank für Ihre Antwort!
Ich habe mich im Internet über diese "soziale Phobie" informiert und festgestellt, dass der Großteil der Symptome bei mir wirklich zutrifft, und dass sie scheinbar auch kein einschneidenedes Erlebnis als Auslöser braucht, sondern scheinbare Kleinigkeiten ausreichen, die ich bei mir persönlich wiederfinde und die mich zum Teil auch belasten oder belastet haben. Es ist gut zu wissen, dass dieses merkwürdige Verhalten jetzt einen Namen hat und dass diese Störung offenbar auch gar nicht allzu selten ist. Daher hat mir ihre Antwort sehr weitergeholfen.
Allerdings macht es mir auch Angst, denn diese Phobie ist eine richtige Erkrankung, nicht wahr? Kann ich wirklich nicht selbst aus ihr herauskommen? Zwar bin ich mir sicher, dass ich mich aus eigener Kraft kaum mit meinen Ängsten konfrontieren kann, aber ich habe auch Angst, einen Therapeuten aufzusuchen, da dies unmöglich ist, ohne das Wissen meiner Eltern... Und Geld habe ich dafür leider auch nicht...
Vielen Dank nochmal, dass sie mich so ernst genommen haben!

08.12.2007 19:03 Zitieren Zitieren

pferd neu
Pointer-User

08.12.2007 19:03 Zitieren Zitieren

hallo kerstin,
das mit der finanziellen seite ist kein problem, weil im normalfall die krankenkasse die kosten für eine psychotherapie übernimmt, genauso eine untersuchung bei einem facharzt für psychiatrie. du brauchst lediglich eine überweisung vom hausarzt (oder gehst ohne überweisung, aber dann musst du die praxisgebühr dort bezahlen).
ich habe ich vor ein paar wochen auch mit einer psychotherapie begonnen - ohne das wissen meiner eltern (ich bin 22 und wohne wegen der schule in einer andern stadt). ich weis jetzt nicht genau, ob du noch bei deinen eltern wohnst oder nicht, wenn ja werden sie es sicher früher oder später erfahren, wenn du nicht mehr bei ihnen wohnst erfahren sie es entweder gar nicht oder nur wenn du es ihnen sagst.
liebe grüße

11.12.2007 02:59 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

11.12.2007 02:59 Zitieren Zitieren

Liebe Kerstin,
Ich freue mich, dass ich dir ein wenig helfen konnte!
Deine soziale Phobie wuerde ich zum jetzigen Zeitpunkt noch eher als eine seelische Stoerung als eine psychische Krankheit bezeichnen. Sie kann allerdings unbehandelt zu einer Krankheit fuehren, daher ist es wichtig, dass du bald anfaengst, an ihrer Ueberwindung zu arbeiten.
Da du jung bist, und diese Stoerung erst seit relativ kurzer Zeit bei dir erkennbar geworden ist, haben diese Symptome noch keine starken Spuren bei dir hinterlassen. Je laenger man naemlich mit einer neurotischen Stoerung (oder anderen laengerfristigen Beschwerden) lebt, desto mehr stellen sich Seele und Koerper darauf ein.
Das ist so aehnlich, wie wenn durch mehrfaches Hinundhergehen auf einem Feld ein Trampelpfad entsteht. Je oefter Aengste zu unerwuenschten Reaktionen fuehren, (z. B. Vermeiden von Aktivitaeten, die man eigentlich unternehmen sollte), desto "automatischer" gibt das Gehirn beim naechsten Mal wieder den Befehl zur solcher eigentlich nicht gewollten Reaktion.
Wenn das ueber Jahre so geht, ist aus dem Trampelpfad eine vielbefahrene, asphaltierte Strasse geworden - und aus dem aengstlichen Unbehagen eine schwere Phobie.
Mit fachlicher Unterstuetzung ist es sehr viel einfacher, seine Angst vor sozialen Kontakten zu ueberwinden. Du beherrscht ja die Techniken noch nicht, dich mit deinen negativen Gefuehle effektiv auseinanderzusetzen. Die lernst du mit Hilfe eines Therapeuten sehr viel besser und schneller, als wenn du nur auf dich selbst angewiesen bist.
Pferd hat Recht. Die Krankenkassen uebernehmen in die Kosten fuer eine psychotherapeutische Behandlung, wenn die Symptome unbehandelt zu einer schwereren Erkrankung fuehren koennen.
Du brauchst in deinem Alter ja auch nicht das Einverstaendnis deiner Eltern, sondern kannst mit deiner Versichertenkarte selbst zu einem Psychotherapeuten gehen, selbst wenn du noch bei ihnen mitversichert bist. Daher muessen deine Eltern nur davon erfahren, wenn du es selber entscheidest.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

 
 

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