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25.02.2008 22:20 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

25.02.2008 22:20 Zitieren Zitieren

es kommt so vieles wieder hoch... - wut, enttäuschung, unverständnis

Rund 2 Monate nach dem Tod von Pferd kommt momentan wieder so vieles hoch... Hauptsächlich Wut, ich kann das was sie getan hat, nicht verstehen. Sicher, ich habe zwar gelesen, dass sie die Gedanken an den Tod nicht verdrängen konnte, dass sie einfach da waren und oft stärker als alles andere waren. Aber es ist so schwierig, sich das vorzustellen, sich in ihre Lage zu versetzen. Können solche negativen Gedanken wirklich so stark werden und überhand nehmen, dass kein Platz mehr für anderes ist? Das kann ich mir nicht vorstellen, wie soll das gehen ... Und kann es wirklich sein, dass sie von ihnen "gezwungen" (der Ausdruck passt jetzt nicht so ganz finde ich, aber mir fällt kein anderes Wort ein) wurde, eben diesen Schritt, ihren letzten zu gehen? Warum konnte sie es zugelassen, dass der Wunsch zu sterben so über allem steht?
Ich verstehe das alles nicht. Seit ein paar Tagen bin ich recht durcheinander... Vor ein einigen Wochen, damals Anfang Januar habe ich versucht, das alles nachzuvollziehen, versucht zu verstehen warum sie so gehandelt hat und warum sie keinen anderen Ausweg gesehen hat. Auf dem Hintergrund dessen, was im letzten Jahr alles war und wie es ihr dort ging. Und ich hatte auch gedacht, dass ich es annähernd erfassen konnte, dass es -aus ihrer Sicht - verständlich ist.
Aber jetzt empfinde ich Wut, wenn ich an dem Tag denke, an dem Pferd den Wunsch in die Tat umgesetzt hat. Wut, auf sie, dass sie es zugelassen hat, dass die Gedanken sterben zu wollen zu einer Tat werden und dass sie nicht anders gehandelt hat. Aber dann werde ich auch wieder traurig, weil es eben nicht anders war und ich nicht mit ihr "streiten" möchte, möchte ihr nicht unrecht tun.
Mir fällt es schwer, das alles unter dem Aspekt der "Krankheit", einer "Störung", zu sehen. Was geht in einem Menschen vor, dass er zu solch einem Entschluss - und zu keinem anderen - fähig ist? Eine Erkältung oder Lungenentzündung lässt sich vielleicht mit Viren oder Bakterien erklären und damit hat man etwas handfestes als Ursache - aber wenn das alles halt nicht zutrifft und nicht "Schuld" ist? Das ist so unlogisch und nicht nachvollziehbar...

27.02.2008 22:06 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

27.02.2008 22:06 Zitieren Zitieren

Liebe Rebekka,
Deine Gefuehle sind sehr verstaendlich. Vielleicht hilft es dir, wenn ich versuche, dir die Entwicklung deiner Freundin aus meiner psychotherapeutischen Sicht zu erklaeren.
Wenn ein Kind heranwaechst, muss sich sein Koerper mit vielen Krankheitserregern in seiner Umwelt auseinandersetzen. Nur durch diese staendige Auseinandersetzung mit Bakterien und Viren wird ein starkes Immunsystem aufgebaut.
Wenn dieses koerpereigene Abwehrsystem nicht richtig funktioniert, werden wir krank und sterben schliesslich. Genauso muss sich unsere Psyche kontinuierlich mit den ganz normalen alltaeglichen Enttaeuschungen und Aergernissen auseinandersetzen. Kein Mensch bleibt in seinem Leben vor Frustrationen bewahrt, viele Wuensche werden nicht erfuellt und viele Hoffnungen zunichte gemacht. Dieser Prozess fraengt im Saeuglingsalter an und dauert bis zum Tod.
Aber wie bei manchen Menschen das Immunsystem schlechter als bei anderen funktioniert - vielleicht kennst du ja auch Leute, die staendig erkaeltet sind oder dauernd andere Krankheiten haben, entwickelt sich bei manchen Heranwachsenden das seelische Immunsystem nicht richtig. Es sind nicht nur die Eltern und die Umwelt, die darauf Einfluss haben, sondern auch die psychische Ausstattung, mit der wir geboren werden. Diese psychische Ausstattung bestimmt, wie wir auf die Reize unsere Umwelt reagieren. Ich habe beispielsweise ein Katzenbruederpaar, die so unterschiedlich sind, wie man sich nur denken kann. Leo ist neugierig, wagemutig und laeuft mit hocherhobenem Schwanz durch die Gegend, Skippy ist extrem schreckhaft und macht bei jedem ploetzlichen Geraeusch einen Satz (daher der Name), dabei sind sie unter voellig gleichen Bedingungen aufgewachsen.
Wenn alles gut mit unserer Entwicklung laeuft, lernen wir, mit Enttaeuschungen und den daraus resultierenden Aggressionen umzugehen, indem wir Dinge finden, die uns interessieren und Ziele, die wir anstreben. Und wir suchen uns einen Ausgleich, indem wir Anerkennung und Bestaetigung fuer unsere Leistungen erhalten. So koennen Erfolge und positive Gefuehle den Frustrationen und der Wut die Waage halten. Wir lernen vor allem auch, unsere inneren Kraftquellen zu nutzen und sind nicht mehr nur auf Bestaetigung von aussen angewiesen.
Dieser Prozess funktioniert aber leider bei manchen Menschen nicht. Sie sind nicht in der Lage, ein gutes seelisches Immunsystem aufzubauen und ihre psychische Gesundheit durch Beziehungen und Aktivitaeten zu bestaerken. Ihnen geht es so wie deiner Freundin "Pferd", sie koennen die Zuwendung, Anerkennung und Bestaetigung, die sie von anderen erhalten, nicht in ihrer Seele speichern.
Positive Erfahrungen und Gefuehle werden schnell verdraengt, denn es ist nur ein uebergrosser Speicherplatz fuer negative Informationen da. Aggressive und zornige Gefuehle werden nicht gesund verarbeitet oder umgelenkt, sondern stauen sich an und verengen das Erleben und die Sichtweise immer mehr, sodass schliesslich alles nur noch wie durch eine schwarze Brille wahrgenommen wird.
So eine Depression besteht aus einer Vielzahl aggressiver Gefuehle, die sich nicht nach aussen, sondern selbstzerstoerisch nach innen richten. Familienmitglieder und Freunde von Menschen, die sich das Leben genommen haben, fuehlen neben ihrem Kummer auch oft ihnen ganz unverstaendliche wuetende Gefuehle, so wie du, und schaemen sich dann dafuer. Diese negativen Gefuehle sind aber nichts anderes als ein Echo auf die im Selbstmord offenbarten Aggressionen desjenigen, der sich den Tod gewaehlt hat.
Ich weiss nicht, ob du jemals Mark Twains "Tom Sawyer" gelesen hast. An einer Stelle malt sich Tom in seiner Fantasie lustvoll aus, wie er infolge einer schweren Krankheit auf dem Sterbebett liegt und alle Familienmitglieder und Freunde wehklagend darum versammelt sind. Sie bitten Tom weinend um Vergebung fuer das Unrecht, was sie ihm angetan haben, flehen ihn an, ihnen ein Wort, einen Blick zu goennen. Aber der Junge dreht sich kalt und wortlos um zur Wand und stirbt...
Natuerlich ist diese Beispiel sehr krass, und Tom gelingt es ja auch, durch seine rachsuechtige Fantasie seine Wut auf die strenge Tante Polly zu verarbeiten. Deine Freundin hatte aber offensichtlich keine ausreichenden psychischen Kompensationsmoeglichkeiten fuer negatives Erleben, und ihr seelisches Immunsystem hat dann schliesslich ganz und gar versagt.
Versuch, dich an die guten Begegnungen mit ihr zu erinnern, dir vor Augen zu fuehren, wie es war, wenn es ihr besser ging. Du und die anderen, die um sie trauern, haben zwar die Wucht ihrer negativen Gefuehle durch ihren Selbstmord erleben muessen, aber du hast ja doch das, was "Pferd" offenbar gefehlt hat: ein funktionierendes seelisches Immunsystem, das dir helfen wird, deine Trauer allmaehlich zu verarbeiten und die positiven Gefuehle fuer sie festzuhalten.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

28.02.2008 21:15 Zitieren Zitieren

Lloyd
Gast

28.02.2008 21:15 Zitieren Zitieren

das ist so schrecklich ich kenne das vor 4monate ist meine Freunde ihn den Tod gesprungen Kopf hoch er wird wieder hör auf nachzudenken das belastet dich nur ^^

03.03.2008 20:25 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

03.03.2008 20:25 Zitieren Zitieren

Vielen Dank für Ihre lange und ausführliche Antwort, Frau Dr. Anderson. Wenn man die Psyche mit dem Immunsystem vergleicht, erscheint es mir etwas verständlicher. Aber - um den Vergelcih fortzuführen - müsste es dann nicht auch eine Möglichkeit geben, das psychische Immunystem zu stärekn, es zu trainieren und dadurch solchen Reaktionen "vorzubeugen"? Ich meine, viel Obst und Gemüse schützt vor Erkältungen - meine Mutetr hat mir früher immer Obstsalat gemacht, wenn ich krank war :-). Oder wenn ich Schnupfen bekomme, kann ich mit Kamillendampf inhalieren und es wird besser. Gibt es solche Möglichkeiten auch im psychischen Bereich? Sicher, ich habe schon oft gelesen, dass sozialer Kontakt zu anderen Menschen schützen soll - aber was, wenn jemand gerade das vermeidet? Denn bei meiner Freundin war es ja offensichtlich so, dass sie die Nähe zu anderen kaum noch ertragen konnte (Auch wenn es mir nicht klar ist, warum eigentlich nicht). Anstatt ihn zu suchen, hat sie sich immer mehr zurückgezogen, bis sie dann irgendwann im Prinzip niemand mehr erreichen konnte...

08.03.2008 22:03 Zitieren Zitieren

Unregistriert
Gast

08.03.2008 22:03 Zitieren Zitieren

also, ich glaube nicht, dass man da vorbeugen kann, wenn es kommt, dann kommt es und lässt sich nicht verhindern!

09.03.2008 00:39 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

09.03.2008 00:39 Zitieren Zitieren

Liebe Rebekka,
Man kann das "seelische Immunsystem" tatsaechlich staerken. Unter guenstigen Umstaenden geschieht das natuerlich waehrend des Heranwachsens durch eine gesunde Mischung aus guten und weniger guten Erfahrungen.
Wenn diese natuerliche Staerkung aber aus irgendeinem Grund nicht erfolgt ist, kann eine psychotherapeutische Behandlung bei der Entwicklung eines besseren "seelischen Immunsystems" helfen. Durch die Gespraeche mit dem Therapeuten ist es moeglich, zu lernen, die Umwelt aus einem anderen, gesuenderen Blickwinkel zu betrachten und alteingefahrene, selbst schaedigende Verhaltensweisen abzubauen.
Wie du ja bei deiner Freundin erlebt hast, nuetzen Ermunterungen, gutes Zureden, logisches Argumentieren und - leider - auch noch so grosse Zuneigung von Freunden oder anderen nahestehenden Personen nicht aus, um jemanden mit einem schwachen "seelischen Immunsystem" nachhaltig zu bestaerken. Denn das Gehirn ist ja hauptsaechlich auf die "Eingabe" von negativen Erlebnissen eingestellt, und positive werden nicht oder nur kurzzeitig gespeichert.
Eine Therapie kann es ermoeglichen, das seelische "Programm" so umzuschreiben, dass endlich auch gute Erfahrungen in den Speicher uebernommen werden. Jede positive Erfahrung, die so verarbeitet wird, traegt dann dazu bei, dass sich ein gesundes Selbstwertgefuehl entwickeln und das "seelische Immunsystem" staerken kann.
Das dies wirklich moeglich ist, macht meine (oft muehsame) Arbeit als Psychotherapeutin letztendlich so herzerfreuend und erfuellend.
Aber die Voraussetzung fuer so eine erfolgreiche Veraenderung ist leider eben doch der Wille des Patienten, gesund zu werden. Um helfen zu koennen, muss eben auch der beste Therapeut erst die Chance erhalten, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

 
 

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