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15.01.2008 22:32 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

15.01.2008 22:32 Zitieren Zitieren

Dankeschön

Liebe Fr. Dr. Anderson,
vielen Dank für Ihre lange Antwort.

Die Beerdigung von S. war vor wenigen Tagen - im Heimatort ihrer Eltern. Mit einem Pfarrer, den sie kannte und vertraute, wenn sie das auch nie so offen gezeigt hat. Sie hat fast 13 Jahre ministriert, war viele Jahre Gruppenleiterin, hat erst im Herbst aufgehört damit. Ein "Dankeschön" kam (leider?) erst an diesem Tag... Aber ich muss sagen, dass der Pfarrer die Beerdigung sehr persönlich gestaltet hat, hat viel von ihr erzählt und lebendig werden lassen. Auf der einen Seite war es gut, auf der anderen Seite auch schwer. Besonders bei den Liedern ... Alles Stücke, die ich auch kannte. Ich bin mir relativ sicher, dass sie sich die Texte absichtlich rausgesucht hat, was dabei dachte. Noch etwas sagen wollte durch die Auswahl der Musik. Und es war gut, dass der Pfarrer darauf eingegangen ist.

Meine Eltern haben mir ihr letztes Tagebuch zum Lesen ausgeliehen. Manches verstehe ich jetzt besser. Ein Mensch, der kaum die Kraft hat zum Atmen, wird keine Bestleistungen auf der Arbeit oder in der Schule bringen können und hat auch keine Energie um etwas zu unternehmen. Oder die Zeiten, in denen S. alles durch eine "dicke, durchsichtige Glasscheibe" wahrnahm - wenn ich das so lese aus ihrer Sicht, mit ihren Worten, macht ihr Verhalten etwas mehr "Sinn". Ich habe mich oft gefragt, warum kaum Reaktionen kommen, warum S. an manchen Tagen so lange braucht um zu Antworten oder es manchmal gar nicht tat - weil sie das, was um sie herum geschah, was ich zu ihr gesagt hatte, gar nicht richtig aufnehmen konnte, es ging "an ihr vorbei". Auch wenn sie es nicht so wollte.
Oder der Tag, als sie nach fast 3 Monaten (!!!) mal wieder eine einzige Nacht durchschlafen konnte, ohne stundenlang wachzuliegen. Ich weis gar nicht, ob man sich das überhaupt vorstellen kann, wenn man es nicht schon mal selbst erlebt hat: Tage, wochen-, monatelang nicht schlafen zu können, obwohl man todmüde ist und nichts möchte außer normal ein- und durchschlafen zu können ...

Vielleicht noch ein paar Sachen zum "Krankheitsbegriff": In unserer Gesellschaft ist es ja meist so, dass nur das als Krankheit akzeptiert wird, was sich durch Röntgen, Blutbild, Schmerzen usw. feststellen lässt. Was sich auf en Körper bezeiht, will ich damit sagen. Wenn jemand eine Blinddarmentzündung hat, darf er Schmerzen haben und es ist ok, wenn er nicht zur Arbeit kommt. Genauso wenn sich jemand das Bein bricht, 40 Grad Fieber hat oder so. Aber sobald das eben nicht zutrifft, weil es in den psychischen Bereich geht, werden viele Leute "engstirnig". Die Symtome werden runtergespielt, "man soll sich nicht so anstellen", Außenstehende können das nicht nachvollziehen. "Der ging es doch sonst immer so gut, was hat die denn mit mal..." usw. Auch S. war es relativ wichtig, dass kaum jemand wusste, dass sie eine Psychotherapie macht. Sie wollte nicht "abgestempelt" werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es so richtig war oder ob mehr Offenheit besser gewesen wäre, "einfach" dazu stehen. Wobei das einfach vermutlich gar nicht so einfach ist, das kann ich jetzt nicht beurteilen, weil ich selbst bisher nie in der Situation war. Von S. habe ich erfahren, dass die Reaktion der Leute aus dem unmittelbaren Umfeld sehr unterschiedlich war. Die Meinung ihrer Eltern kannte sie diesbezüglich ja ("zum Psychiater gehen nur Verrückte, die sind ja selber verrückt" usw.). Mit ihrer Mentorin in der Ausbildung hat sie im Frühling/Sommer jedoch positive Erfahrungen gemacht. Sie hat S. nicht gleich in eine Schublade einsortiert und den Kontakt zu ihr vermieden, sondern versucht sie zu unterstützen.
Aber ich denke, dass bei vielen Leuten viel zu wenig Wissen da ist in Bezug auf psychische Erkrankungen, dass sie ängstlich sind im Umgang mit Betroffenen.

17.01.2008 15:21 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

17.01.2008 15:21 Zitieren Zitieren

Ich bin immer bei Dir
Warum stehst Du am Grab
mit Tränen im Gesicht?
HIER wirst Du mich nicht finden.
Du wirst mich fühlen in der Morgensonne,
die Dich mit Wärme sanft berührt.
Du wirst mich spüren dort im seichten Wind,
der Dir das Lied der Nähe singt.
Du wirst mir begegnen
in den Sternen Deiner Dunkelheit,
denn DEINE Liebe trägt mich himmelweit.
Drum weine nicht mein Freund
und trockne Deine Tränen…
HIER wirst Du mich nicht finden.
Sieh in Dein Herz ganz tief hinein,
denn DORT werd ich für immer bei Dir sein.


Das Gedicht hat eine Jugendliche kurz vor ihren Tod geschrieben. Eine Bekannte hat es mir vor ein paar Tagen gegeben und ich finde es sehr schön. Macht irgendwie Hoffnung.

21.01.2008 17:40 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

21.01.2008 17:40 Zitieren Zitieren

In der Bücherei habe ich 2 Bücher zum Thema Siuzid gefunden (den Titel von oben hatten sie leider nicht da). Ein paar Gedanken aus dem einen möchte ich euch hier mal mitteilen. Vielleicht sehe ich dadurch selbst auch etwas klarer, wenn ich es aufgeschrieben habe was mir dazu durch den Kopf geht und bekomme etwas mehr Abstand zur letzten Woche.
Der Titel des Buches ist "Aussichtslos - Selbsttötung", geschrieben von M. Jung. Meiner Meinung nach gibt es jedoch nicht sehr viel her, ich empfand es etwas zu "oberflächlich".



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"Der Bahnsteig zählt meine Schritte, wie eine Einladung glänzen die Schienen." (Martin Walser)

Ich weis, dass es S. in den letzten Monaten oft so ergangens ein muss und dass es oftmals schwierig für sie sein musste, die "Einladung" NICHT anzunehmen.

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Die Bezeichnungen (Erich Fried)

Nicht mehr Selbstmord
denn das ist eine Verleumdung
an denen die
dieses Leben ermordet hat

Auch Freitod nicht
Ein Freitöter - das ist ein Staatsmann
der tötet und frei ausgeht
oder ein Polizist

Und stand es diesen Toten
wirklich frei?

Und auch nicht
wie sie in Abschiedsbotschaften sagten
die einfachen Leute

sie haben
den letzten Ausgang gewählt

Wenn es der letzte war
blieb ihnen da
noch die Wahl?

Und hätte es denn
einen vorletztn Ausweg gegeben?

Mit welchen Worten
das Namenlose benennen?

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"Krankheiten der Seele können den Tod nach sich ziehen, und das kann Selbstmord werden."
(Georg C. Lichtenberg)

Im August, als S. schon einige Wochen nicht mehr arbeiten konnte, hat sie sich über Behandlungsmöglichkeiten und Prognosen informiert. Je nach Quelle betrug die "Überlebenschance" im ersten Jahr zwischen 55 und 70%. Etwas später hat sie aus einem Heftchen den Satz aus einem Tagebucheintrag einer Jugendlichen ausgeschnitten:
"Eines vorweg: Ich will leben. So, jetzt wisst ihr es."
Ich kann mich noch an diese Tage erinnern - ganz plötzlich kam wieder so etwas wie Lebenswille, ein wenig Freude am Leben. Sie hatte wieder begonnen zu kämpfen. Denn sie wollte ja leben! Schade, dass der Kampf dann schlussendlich doch anders ausgegangen ist ...

------------------------------------------------

"Man müsste Menschen, die nicht mehr weiterwissen, auf den Arm nehmen und tragen."
(Eugen Drewermann)

Ich denke, man sollte sie nicht nur auf den Arm nehmen, sondern auch und vorallem IN den Arm nehmen, einfach mal umarmen, sofern die Person in dem Moment die Nähe zulassen kann. (Was bei S. ja leider meist nicht der Fall war - warum, das verstehe ich immer noch nicht...) Aber vielleicht hätte ich es trotzdem öfters probieren sollen, ihr wenigstens anbieten und schauen, ob sie es annimmt?

---------------------------------------------------

"Bedenkt, den eigenen Tod stirbt man nur - doch mit dem Tod der anderen muss man leben."
(Mascho Kaleko)

Genau das werde ich nun versuchen müssen. Bin jedoch noch auf der Suche nach einem für mich passenden Weg.

25.01.2008 18:56 Zitieren Zitieren

Unregistriert
Gast

25.01.2008 18:56 Zitieren Zitieren

die sätze mögen ja für manche schön sein, aber ich kann im moment wenig damit afangen
was ist denn los?

26.01.2008 03:26 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

26.01.2008 03:26 Zitieren Zitieren

Liebe Rebekka,
Ich kann dir aus eigener Erfahrung bestaetigen, dass es wirklich hilft, viel zum Thema Trauern zu lesen, seien es psychologische Abhandlungen, Romane, oder Gedichte.
Das von dir zitierte Gedicht: "Steht nicht an meinem Grab und weint" finde ich auch sehr troestlich, ich habe es auf die Trauerkarten geschrieben, als mein damaliger Mann an Leukaemie starb.
Es wurde von Mary Elizabeth Frye (1905 -2004) in Baltimore geschrieben, um eine Freundin zu troesten, die um ihre Mutter trauerte. Viele unterschiedliche Uebersetzungen existieren von diesem Gedicht, hier ist das englische Original:

Do not stand at my grave and weep,
I am not there, I do not sleep
I am in a thousand winds that blow,
I am the softly falling snow.
I am the gentle showers of rain,
I am the fields of ripening grain.
I am in the morning hush,
I am in the graceful rush
Of beautiful birds in circling flight,
I am the starshine of the night.
I am in the flowers that bloom,
I am in a quiet room.
I am in the birds that sing,
I am in each lovely thing.
Do not stand at my grave and cry,
I am not there. I do not die.

Troestlich fand ich auch bestimmte Songs, wie z. B. "Tears in Heaven" von Eric Clapton", "Darkness, Darkness Be My Blanket" von Richie Havens, "Empty Rooms" von Gary Moore oder die elisabethanischen Lieder von John Dowland.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

 
 

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