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02.02.2009 21:55 Zitieren Zitieren

Rebekka
Pointer-User

02.02.2009 21:55 Zitieren Zitieren

ein Jahr danach...

Guten Abend Fr. Dr. Anderson,

mittlerweile ist über ein Jahr vergangen, seit S. (hier war sie "Pferd"blinzeln den Schritt in den Tod gewählt hat. Morgen sind es genau 13 Monate. Es gibt mittlerweile viele Momente, in denen ich an die schönen Erlebnisse mit ihr zurückdenke, an das was wir miteinander unternommen haben. Und an das, was ich von ihr lernen durfte.

Sie hatte eine wunderbare Einstellung gegenüber der Würde eines jeden Menschen, vorallem auch gegenüber Menschen mit einer schweren, mehrfachen Behinderung und hat sich in dem Bereich eingesetzt. Zwar in der Regel eher im "Veborgenen" - aber ich weis, dass sie dort, wo sie war, in den Herzen und Gedanken der betreuten Kinder "Spuren" hinterlassen hat. Einige davon durfte ich kennenlernen und annähernd erfahren, was ihr an der Arbeit so wichtig war. Sie verstand es, eine schöne und tragfähige Beziehung zu den Kindern aufzubauen, war einfach für die Kinder "da".
Ich erinnere mich noch an die Beerdigung - es waren 2 Mitarbeiterinnen, ehemalige Kollginnen von S. und zwei der Kinder da. Ich denke, sie hätte sich darüber gefreut, dass sie den letzten Weg gemeinsam mit ihr gegangen sind, obwohl sie zu dem Zeitpunkt schon fast ein halbes Jahr nicht mehr auf der Gruppe gearbeitet hatte. Damit haben sie im Prinzip genau das getan, das S. davor auch mehrmals tun musste - ein Kind in seinen letzten Tagen begleiten und über den Tod hinaus eine Verbindung in Gedanken zu erhalten.
Ich fand es schön, dass ihre Mentorin kommen konnte, zu ihr hatte S. eine gute und vertrauensvolle Beziehung in den 3 Lehrjahren, gerade auch am Ende, als es ihr immer schlechter ging.

Aber trotzdem haben sie auch bestimmte Umstände bei der Ausbildung "krank" gemacht, z.B. die Arbeitszeiten mit Schichtdienst, Wochenend- und Feiertagsdienst. Noch viel mehr aber ein gewisser Lehrer mit seinem ständigen und unerbittlichen Leistungsdruck (er hat sie 3 Jahre lang spüren lassen, dass er mit ihr, ihren Leistungen nicht zufrieden ist und sie - seiner Meinung nach - nicht geeignet für den Beruf sei. Einfach nur, weil sie ein ganz anderer Mensch war als er). Ich weis, dass ihr dieser Mensch sehr zugesetzt hat und sie sehr schwer mit ihm zu kämpfen hatte emotional.

Mit ihren Eltern/Familie habe ich momentan keinen Kontakt mehr. Ich glaube, ich könnte ihnen auch nicht neutral gegenübertreten. Es ist vieles gelaufen, das sicherlich nicht gut war und eventuell auch eine Rolle für S.s Entscheidung gegen das Leben gespielt hat. Sie haben sie nie wirklich angenommen. Aber es steht mir nicht zu, sie deswegen zu "verurteilen".

Es gibt aber auch immer wieder Momente, da überwältigt mich all das, was geschehen ist. Ich empfinde eine große Traurigkeit, dass S. nicht mehr unter uns sein, nicht weiterleben durfte. Es ist so ungerecht, wenn junge Menschen sterben...!! Dann verstehe ich nicht, was sie getan hat, wie es dazu kommen konnte, frage nach dem "Warum". Aber es gibt keine Antwort darauf.

Mittlerweile studiere ich in der Stadt, in der sich S. in den letzten Monaten aufgehalten hat. Anfangs war es schwer, an bestimmten Orten vorbeizukommen, natürlich besonders an der, an der sie es getan hat. Aber es tut auch gut, an den Orten zu sitzen, wo sie auch war und an denen sie neue Kraft und neuen Mut schöpfen konnte. Das bestärkt mich dann auch darin, weiterzumachen.

Hier gibt es auch eine E-Mail-Beratung (auf Wunsch auch persönliche Gespräche) für junge Menschen unter 25, die suizidgefährdet sind oder einen Freund/Angehörigen durch Suizid verloren haben. Ich habe ab und zu Kontakt mit den Mitarbeitern dort. Und ich weis auch, dass S. ein paar mal mit dem damaligen Zivi der Stelle geschrieben hatte.

Ihre Beiträge vom letzten Januar, Fr. Dr. Anderson, haben mir anfangs auch weiter geholfen das zu verstehen, was war. Sie ermöglichten nochmal eine andere Sichtweise auf das Geschehene. Nocheinmal herzlichen Dank dafür!

Liebe Grüße Rebekka

04.03.2009 00:10 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

04.03.2009 00:10 Zitieren Zitieren

Liebe Rebekka,
Danke fuer dein ausfuehrliches Schreiben!
Ich kann deine Gefuehle sehr gut verstehen und es ist mir nach dem Tod meines damaligen Mannes vielfach genauso gegangen. Ich fand es auch sehr schmerzvoll, aber auch sehr troestlich, die Orte zu besuchen, an denen er sich gern aufgehalten hat, und mit den Menschen zu sprechen, die ihn kannten und gernhatten.
Deine Freundin "Pferd" hat nicht nur in deinem Herzen, sondern auch in denen anderer etwas von ihrem Geist und ihrer Seele hinterlassen. Das hast du ja bei ihrer Beerdigung erleben duerfen und es hat dir Trost gegeben. Du wirst die Erinnerung an sie in dir tragen und sie wird dich seelisch auf deinem Weg bestaerken.
Irgendwann tut es dann auch nicht mehr weh, aber die Freundschaft und Dankbarkeit fuer die gemeinsame Zeit bleiben bestehen und du weisst, dass deine Freundin innerlich bei dir ist und sich mit dir an deinen Erfolgen freut, die sie fuer sich selbst leider nicht mehr erreicht hat.
Ich freue mich, dass ich dir ein Stueck helfen konnte, diese leidvolle Zeit besser zu meistern.
Ich wuensche dir alles Gute fuer dein Studium und deine Zukunft.
Liebe Gruesse, Dr. Karin Anderson

 
 

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