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30.06.2010 10:08 Zitieren Zitieren

Denise
Gast

30.06.2010 10:08 Zitieren Zitieren

Ich muss immer weinen

Hallo Dr. Anderson, ich habe ein peinliches Problem: Wenn ich etwas Rührendes oder Trauriges erzählt bekomme oder lese oder im Fernsehen sehe, muss ich weinen. Mir laufen dann einfach die Tränen runter, ohne dass ich etwas dagegen machen kann, auch wenn andere Menschen dabei sind. Das ist mir sehr unangenehm. Das passiert auch, wenn ich emotional gar nicht besonders beteiligt bin, etwa bei Kinofilmen oder sogar auch ganz extrem bei Fußballspielen, wenn z.B. die Hymnen gespielt werden oder jemand ein Tor geschossen hat und sich total freut. Gibt es ein Medikament, das ich dagegen nehmen kann oder eine Strategie, die ich anwenden kann, damit das nicht mehr passiert oder wenigstens besser wird? Manchmal ist dieses Heulen gegen meinen Willen nämlich das totale No-Go, etwa in meinem Job.
Danke für die Antwort
Denise.

02.09.2010 13:23 Zitieren Zitieren

Denise
Gast

02.09.2010 13:23 Zitieren Zitieren

Frau Dr. Anderson, das war ernst gemeint, also ist wirklich kein Scherz, auch wenn es vielleicht danach klingt. Ich bitte um Antwort!
Denise

02.09.2010 18:03 Zitieren Zitieren

Dr. Karin AndersonExpoerte
Pointer-Expertin
Benutzerbild

02.09.2010 18:03 Zitieren Zitieren

Hallo, Denise,
Deine Frage interessiert mich sehr, denn ich selbst gehoere auch eher zu den “Weinern”. Sie ist aber leider gar nicht so einfach zu beantworten, denn ueberraschenderweise haben Wissenschaftler bisher keine schluessige Erklaerung fuer die Ursache emotionaler Traenen gefunden!
Und nicht nur das - es gibt bisher auch keine wirklich ueberzeugende Erklaerung dafuer, warum der Mensch - als einziges Saeugetier - ueberhaupt zu einem Kommunikationsverhalten wie emotionalen Traenen in der Lage ist, und welchen evolutionaeren Vorteil eine weinende Spezies hat.
Es gibt drei verschiedene Traenentypen, die alle ueber die gleichen Nerven,- Rezeptor,- und Transmitterstrukturen ablaufen. Die sogenannten basalen Traenen dienen der Reinigung, Befeuchtung und Ernaehrung der Hornhaut. Reflektorische Tränen schiessen uns ins Auge, wenn wir einen starken physischen Schmerz erleben, aber auch wenn wir heftig niesen oder uns erbrechen muessen.
Waehrend basale Traenen ueber das autonome Nervensystem reguliert werden und reflektorische Traenen auf koerperliche Stimuli reagieren, werden emotionale Traenen durch Reize aus unserem sozialen Umfeld ausgeloest. Sie haben gegenueber den beiden Traenentypen eine etwas unterschiedliche chemische Zusammensetzung und zeichen sich durch hoehere Protein-, Prolaktin-, Mangan-, Kalium- wie auch Serotoninkonzentrationen aus.
Waehrend der Gesichtsausdruck “Weinen” als optisches Signal in allen Kulturen der Welt unmittelbar verstanden wird, sind bis heute alle Versuche einer wissenschaftliche Erklaerung dieses Phaenomens, seines Sinns und Nutzens, ergebnislos geblieben.
Alle bisherigen Hypothesen wie etwa: Traenen loesen Mitgefuehl und Zuwendung in der sozialen Gruppe aus, dienen der emotionale Entlastung, dem Ablassen von Spannung, oder auch der Ausscheidung von Abfallprodukten, sind nicht wirklich wissenschaftlich stichhaltig.
Die biochemische Eliminationstheorie ist deswegen nicht sehr ueberzeugend, weil die Menge an Stoffwechselprodukten, die ueber die Traenenfluessigkeit ausgeschieden wird, viel zu gering ist, um wirklich ins Gewicht zu fallen.
Menschen weinen auch dann, wenn sie ganz allein sind, und oftmals ist ihnen, wie dir, ihr “Ueberstroemens” in Gegenwart anderer ausserordentlich peinlich. Traenen loesen auch keineswegs generell freundliche oder anteilnehmende Reaktionen in der Umgebung aus. Wer leicht zu Traenen neigt, wird moeglicherweise als “Heulsuse”, oder “zu nah am Wasser gebaut” verspottet.
Gegenueber Fremden, in der Uni oder am Arbeitsplatz, in einem Umfeld, wo wir gern selbstbewusst, sachlich und kompetent auftreten wollen, ist so ein “tearing up” keinesfalls erwuenscht und kann, im Gegenteil, zu demuetigenden Situationen oder, schlimmstenfalls, sogar nachteiligen Konsequenzen fuehren.
Wer von uns hat ausserdem nicht schon einmal erlebt, wie emotional aufgewuehlt - und erst recht geladen - wir uns nach einem heftigen Traenenausbruch fuehlen koennen.
Wie wir selbst und unsere Umgebung unsere emotionalen Traenen erleben, haengt dazu von vielen unterschiedlichen Einfluessen ab, beispielsweise unserer ethnischen Zugehörigkeit, unserem sozialen Status, Beruf, Hormonsituation und Geschlecht. Dazu gibt es noch eine ganz individuelle Reizschwelle, die entscheidet, ob ein Mensch in die Gruppe der „Weiner“ oder der „Nichtweiner“ gehört.
Kindern und Frauen wird beispielsweise in Deutschland emotionales Weinen eher zugestanden, erwachsene Maenner werden dagegen belaechelt. Aber in den USA findet es keiner bemerkenswert, wenn auch harten John-Wayne-Typen gelegentlich Traenen der Ruehrung ins Auge treten. Im hiesigen Fernsehen sieht man daher auch scharenweise traenenvergiessende Politiker, besonders, wenn es um “God”, “our country” oder “our men and women in uniform” geht (auch wenn mancher diese Traenen eher fuer Krokodilstraenen haelt).
Aus all diesen Ausfuehrungen kannst du sicher ableiten, dass es keine wirksame Behandlung gegen allzu locker sitzende emotionale Traenen gibt. Psychopharmaka, die Emotionen daempfen, richten sich nicht selektiv gegen Traenenfluss, sondern wuerden dich auch gegenueber allen anderen Gefuehlen abschotten. Und Medikamente, die die Traenenproduktion bremsen, wuerden zu schwerwiegenden Augenproblemen fuehren (es gibt die Krankheit “Trockenes-Augen-Syndrom&rdquoblinzeln.
Steh zu deinem “Zu-nah-am-Wasser-gebaut-Sein. Nimm anderen den Wind aus den Segeln, indem du von vornherein erklaerst, dass du zur Gruppe der “Weiner” (das ist tatsaechlich die psychologische Bezeichnung) gehoerst, und dass dagegen nunmal kein Kraut gewachsen ist. Und lass dir vielleicht ein paar witzige Bemerkungen fuer entsprechende Situationen einfallen.
Streiche Kinofilme, Fussballspiele, und aehnliche Veranstaltungen aus deiner Peinlichkeitsliste - du bist in guter Gesellschaft! Solche Filme werden hier in den USA passenderweise “tear jerkers” (“Traenendruecker&rdquoblinzeln genannt. Und was meinst du, wie viele Fans literweise Freudentraenen ueber Siegestore ihrer Mannschaft vergiessen!
Wenn du aber in einer Umgebung bist, in der Traenen tatsaechlich zu einer demuetigenden oder beruflich nachteiligen Situation fuehren koennen, konzentriere dich beim ersten emotionalen Aufwallen auf etwas gefuehlsmaessig Ernuechterndes, eine bevorstehende Pruefung oder eine unangenehme Aufgabe, die du zu erledigen hast, usw.
LG, Dr. Karin Anderson

 
 

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