Umfrage

Mit Pillen über die Leistungsgrenze

published: 27.10.2012

Doping spielt nicht nur im Leistungs-, sondern auch im Freizeitsport eine immer größere Rolle (Foto: Evlakhov Valeriy/shutterstock.com) Doping spielt nicht nur im Leistungs-, sondern auch im Freizeitsport eine immer größere Rolle (Foto: Evlakhov Valeriy/shutterstock.com)

Wenn im Spitzensport ein gedopter Radfahrer, Schwimmer oder Läufer Schlagzeilen macht, ist die Aufregung groß. Gleichzeitig zeigen sich in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) gerade die jüngeren Freizeitsportler sorglos, wenn es um den eigenen Umgang mit Medikamenten beim Sport geht. Sechs von zehn unter 25-Jährigen (63 Prozent) finden es in Ordnung, sich beim Training und im Wettkampf mit Schmerzmitteln oder Erkältungspräparaten zu "dopen". Fast jeder Dritte (29 Prozent) hat schon selbst zu Schmerzmitteln gegriffen, jeder Vierte (24 Prozent) zu Erkältungspräparaten. Medizinisch notwendig war dies nach eigener Aussage nur bei zwei Prozent von ihnen. Jeder zwölfte unter 25-Jährige (acht Prozent) hat sich sogar schon Präparate zur Leistungssteigerung im Internet bestellt. Und jeder Zehnte (10 Prozent) sagt: Um meine Leistung zu verbessern, ist mir "jedes Mittel recht".

Schneller, stärker, ausdauernder

Schon 18-Jährige fragen in den einschlägigen Internetforen nach Tipps und Tricks beim Doping - und viele Mittel sind im Internet nur einen Mausklick entfernt. Oder sie sind sogar frei verkäuflich in jeder Apotheke zu bekommen, jedoch nicht für Gesunde gedacht. So erhoffen sich viele Sportler von Schmerzmitteln, dass sie über ihre Schmerzgrenze hinaus trainieren und bei Wettkämpfen besser abschneiden können. Viele Erkältungsmittel enthalten zudem anregende Wirkstoffe, die auch im Sport einen leistungssteigernden Effekt haben können. "Solche Mittel haben aber nicht zu vernachlässigende Nebenwirkungen - man sollte sie keinesfalls ohne medizinische Notwendigkeit einnehmen", sagt TK-Apothekerin Meike Herb.

Nährstoff-Präparate zum Einstieg

Im Freizeitbereich dienen zudem häufig Nahrungsergänzungsmittel als Einstieg, vom Vitaminpulver bis zum Eiweißdrink. Mehr als jeder dritte unter 25-jährige Sportler gab in der TK-Studie an, zu solchen Präparaten zu greifen (36 Prozent). Über mögliche Risiken machen sich dabei nur die wenigsten der jungen Sportler Gedanken: 72 Prozent von ihnen haben bei dem Thema keinerlei Bedenken. "Viele schätzen Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich als harmlos ein", so Herb.

Freizeitsportler haben jedoch keinen nennenswert höheren Bedarf an Nährstoffen. Nur in Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, einen entstandenen Verlust mit Mineralstoff-Präparaten auszugleichen. Kritisch wird es, wenn Sportler die Präparate in sehr hohen Dosen einnehmen - in der Hoffnung, so ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. "Ein Effekt, der nach bisher vorliegenden Untersuchungen jedoch weder erwiesen noch zu erwarten ist", sagt die TK-Expertin.

Mehr Muskeln durch zusätzliche Proteine

Fast jeder dritte junge Freizeitsportler gab zudem an, dass er seinem Trainingseffekt mit Eiweißpräparaten auf die Sprünge hilft (29 Prozent). Besonders beliebt sind sie als Drinks nach dem Sport. Hersteller werben mit einem verbesserten Trainingserfolg und schnell wachsender Muskelmasse. Von ihrem regelmäßigen Konsum rät die Apothekerin jedoch ab. Zum einen enthalte eine ausgewogene Ernährung bereits rund 150 Prozent der Eiweißmenge, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt - eine Überversorgung, die auch den Bedarf von Leistungssportlern abdeckt. "Zum anderen belastet eine unnatürlich hohe Zufuhr von Eiweiß die Nieren, da viel Harnstoff entsteht, der über die Nieren ausgeschieden werden muss. Das kann gefährlich werden, wenn der Sportler gleichzeitig zu wenig trinkt oder die Nieren schon vorbelastet sind." Als gesunde Alternative für den Eiweiß-Schub nach dem Sport empfiehlt die Apothekerin natürliche Eiweißträger wie Milch, Joghurt oder Quark.

Illegale Inhaltsstoffe oft nicht bekannt

Zudem hat eine Studie der Deutschen Sporthochschule gezeigt, dass jedes siebte Nahrungsergänzungsmittel - vom Vitaminpräparat bis zum Eiweißdrink - Steroidhormone oder ähnliche verbotene Substanzen enthält, ohne dass diese auf der Verpackung angegeben sind. Herb: "Das zeigt, dass sich Sportler selbst bei solchen vermeintlich harmlosen Mitteln nicht in Sicherheit wiegen können. Insbesondere dann, wenn sie die Mittel über weniger kontrollierte Wege wie das Internet beziehen." Auch die Nationale Anti-Doping Agentur warnt Athleten deshalb eindringlich vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. TK-Apothekerin Meike Herb rät Sportlern, mit ihrem Arzt zu besprechen, ob und welche Präparate für sie tatsächlich notwendig sind. Ein Blick auf die "Kölner Liste" des Olympiastützpunktes Rheinland zeigt zudem für zahlreiche getestete Nahrungsergänzungsmittel, ob sie sauber sind.

Gezielte Leistungssteigerung nicht nur im Spitzensport

Wie schon der Blick in zahlreiche Internetforen zeigt, machen viele ambitionierte Hobbysportler jedoch selbst vor härteren Methoden nicht Halt. Auch in der TK-Umfrage gab jeder sechste unter 25-Jährige an, dass er Freunde oder Sportpartner hat, die bereits gezielt Medikamente zur Steigerung ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit genommen haben. "Doping gibt es heute längst nicht mehr nur im Spitzensport. Manche Freizeitsportler schrecken für sportliche Ziele und ein athletisches Aussehen sogar vor erheblichen Gesundheitsrisiken nicht zurück", sagt Herb.

Die unerwünschten Wirkungen der leistungsfördernden Medikamente sind vielfältig - und teils drastisch. So kann der Einsatz von Anabolika, den am häufigsten missbrauchten Dopingsubstanzen, Herz und Leber schädigen, unfruchtbar machen und Akne hervorrufen. Bei Männern kommt häufig ein Brustwachstum hinzu, Frauen haben mit vermehrtem Haarwuchs zu kämpfen und bei Jugendlichen können die Mittel sogar das Wachstum hemmen. "Wer solche Hormone schluckt, geht ein hohes, nicht absehbares gesundheitliches Risiko ein. Das sollte jedem klar sein", so die TK-Apothekerin. "Sport ist gut für die Gesundheit und das Wohlbefinden. Sport mit leistungssteigernden Medikamenten bewirkt aber genau das Gegenteil."

[TK]

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"Kölner Liste"

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