Psychologie

Wie antisoziales Verhalten entsteht

published: 23.11.2012

Antisoziale Persönlichkeitseigenschaften sind bei Straftätern besonders häufig zu finden (Foto: Monkey Business Images/shutterstock.com) Antisoziale Persönlichkeitseigenschaften sind bei Straftätern besonders häufig zu finden (Foto: Monkey Business Images/shutterstock.com)

Sie sind rücksichts- und verantwortungslos, ignorieren soziale Normen und kennen weder Reue noch Schuld: So beschreiben Psychologen das Verhalten antisozialer Menschen, denen beispielsweise das Erkennen eines ängstlichen Gesichtsausdrucks schwerer fällt als sozialeren Mitmenschen. Die zugrundeliegenden Prozesse waren bisher unklar. Psychologinnen der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien haben nun im Rahmen einer Studie gezeigt, dass antisoziale Verhaltenstendenzen mit Beeinträchtigungen in sehr frühen, grundlegenden Verarbeitungsprozessen einhergehen. Die Forschungsergebnisse erscheinen aktuell im Fachmagazin "PLoS ONE".

Antisoziale Persönlichkeitseigenschaften sind bei Straftätern besonders häufig zu finden – aber auch unbescholtene Menschen legen antisoziale Verhaltensweisen an den Tag. "Jede oder jeder einzelne von uns weist diese Persönlichkeitsmerkmale zu einem gewissen Grad auf", so Daniela Pfabigan, Psychologin an der Universität Wien. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Uta Sailer, Universität Wien, und Johanna Alexopoulos, MedUni Wien, ist sie der Frage nachgegangen, wodurch diese gesellschaftlich wenig akzeptierten Verhaltensweisen hervorgerufen bzw. aufrechterhalten werden. Dazu analysierten sie grundlegende visuelle Verarbeitungsprozesse, wie etwa die Fähigkeit, aus bestimmten Gesichtsausdrücken Emotionen ableiten zu können.

Gefühle im Gesicht der anderen lesen

Antisoziale Personen erkennen einen ängstlichen Gesichtsausdruck schwerer als andere. Die Psychologinnen haben im Rahmen einer Studie untersucht, wo der Grund für diese Emotionserkennungsdefizite liegen könnte: Bei grundlegenden "visuellen" Verarbeitungsprozessen – wie etwa die Fähigkeit, aus bestimmten Gesichtsausdrücken Emotionen ableiten zu können – oder bei höheren kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit. "Letzteres bedeutet, dass der Gesichtsausdruck des Gegenübers intensiver verarbeitet wird", erklärt Daniela Pfabigan.

Computerbasiertes Spiel

Für die Studie nahmen 28 Probandinnen in den Forschungslabors der Fakultät für Psychologie an einem computerbasierten Gewinnspiel teil: Richtige Antworten wurden mit dem Bild eines fröhlichen Gesichts belohnt und falsche Antworten mit einem ärgerlichen Gesicht rückgemeldet. "Dabei haben wir die Gehirnströme der Probandinnen gemessen", so Daniela Pfabigan. Vor der EEG-Messung gaben die Teilnehmerinnen an wie antisozial sie sich selbst einschätzen. "Aufgrund dieser subjektiven Einschätzungen haben wir die Versuchsteilnehmerinnen in zwei Gruppen geteilt: jene mit geringer und jene mit hoher Ausprägung antisozialer Verhaltensweisen", erklärt die Psychologin ihre Vorgehensweise.

Auf Gefühle anderer achten

Beim Betrachten der Fotos zeigten sich binnen hundert Millisekunden deutliche Verarbeitungsunterschiede zwischen den Versuchsteilnehmerinnen: "Der frühe Zeitpunkt des Effekts deutet auf eine Verarbeitung in sekundären visuellen Arealen hin. Spätere Verarbeitungsprozesse im EEG zeigten hingegen keine Verbindung mit der Selbsteinschätzung. Bezüglich ihres Verhaltens unterschieden sich beide Gruppen ebenfalls nicht", so Daniela Pfabigan, die daraus den Schluss zieht, dass die visuelle Verarbeitung von sozialen Reizen bei Personen mit hoch ausgeprägten antisozialen Verhaltensweisen prinzipiell intakt ist. "Allerdings zeigt sich auf einer sehr frühen – den Personen vermutlich nicht bewussten – Verarbeitungsebene, dass sozialen Reizen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, je antisozialer sich die Versuchsteilnehmerinnen selber einschätzen", ergänzt die Psychologin. Sie führt antisoziale Verhaltenstendenzen somit auch auf Beeinträchtigungen in sehr frühen, grundlegenden Prozessen – wie Aufmerksamkeit und Zuwendung zu Emotionen anderer Personen – zurück.

[idw]

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