Buzz Aldrin im Interview

Weltraumbesuche für alle?

published: 20.07.2009

Buzz Aldrin hatte nach seiner Zeit als Astronaut mit vielen Problemen zu kämpfen (Foto: Public Address) Buzz Aldrin hatte nach seiner Zeit als Astronaut mit vielen Problemen zu kämpfen (Foto: Public Address)

Mehr als 600 Millionen Fernsehzuschauer sahen zu, als am 20. Juli 1969 Geschichte geschrieben wurde. Sanft und ohne sichtbare Probleme setzte die Raumfähre der Apollo 11 auf dem Mond auf. Wenige Augenblicke später verließen die US-Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin die "Eagle" und betraten als erste Menschen den Mond, während ihr Kollege Michael Collins in der Kommandokapsel auf ihre Rückkehr wartete.

Anfang dieses Jahres kam der mittlerweile 79-jährige Aldrin nach Deutschland und feierte im Hamburger Abaton-Kino die Premiere des Filmes "Im Schatten des Mondes", ein Dokumentarfilm, der mit Originalmaterial der NASA und mit Interviews der noch lebenden Weltraum-Pioniere die Mondmission der Apollo-Reihe eindrucksvoll erzählt. Wir trafen Buzz Aldrin zum Interview und sprachen mit ihm über die Erlebnisse von 1969, sein "Schicksal" als zweiter Mann auf dem Mond und die Zukunft der Raumfahrt.

Herr Aldrin, Sie sind der zweite Mensch, der je den Mond betreten hat. Ist das Gefühl, dass sie im Jahr 2009 haben, wenn sie an die Mondmission denken, sehr viel anders als es 1969 war?
"Fast 40 Jahre nach Apollo 11 ist das Gefühl sehr anders. Wenn ich zurückschaue, dann erkenne ich heute meinen damaligen Mangel an Selbstvertrauen, besonders in der Öffentlichkeit. Im Raumschiff wusste ich, was ich zu tun hatte. Aber es fiel mir damals sehr schwer in der Öffentlichkeit zu stehen. Heute hingegen betrachte ich es als eine schöne Aufgabe, auch wenn ich sehe, wie gut ich den Menschen die Bedeutsamkeit von Dingen vermitteln kann."

Buzz Aldrin (5 Bilder)

Buzz Aldrin
Buzz Aldrin
Buzz Aldrin
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Können Sie sich an die Gefühle zurückerinnern, die Sie am 16. Juli 1969 hatten, als die Rakete startete?
]"Es war eine riesige Befreiung, als der Countdown nicht unterbrochen wurde und die Rakete abhob. Denn während wir auf den Start warteten, hofften wir, dass wir nicht kurz vorm Abheben doch noch abbrechen mussten. Als wir dann abhuben, gab uns das ein Gefühl von Befreiung. Wir hatten lange auf diesen Moment gewartet und dafür trainiert und nun fühlten wir, dass wir auf unserem Weg waren. Der Start selber war sehr ruhig, als die Rakete langsam in den Himmel stieg. Sie schaukelte nicht hin und her, so wie es das Spaceshuttle tut. Und allmählich fühlten wir, wie wir in den Sitz gedrückt wurden. Und dann war da noch dieses Gefühl von: ‚Wow, jetzt geht`s wirklich los.’"

Der Film "Im Schatten des Mondes" zollt allen Anerkennung, die an der Apollo-Mission beteiligt waren. Was halten Sie von der Dokumentation?
"Ich habe den Film sehr oft gesehen. Als ich ihn das erste Mal sah, war ich sehr froh darüber, wie er wirkt und ich war in der Lage mich damit zu identifizieren und mit großem Interesse zuzuhören, was die anderen Leute zu sagen hatten. Normalerweise kommen wir nicht dazu zuzuhören, was die anderen Astronauten zu erzählen haben. Ich war ein bisschen traurig, weil ich aufgrund anderer Projekte nur einen halben Tag Zeit hatte Interviews zu geben, während die anderen zwei Tage Zeit hatten. Daher trete ich auch nicht so häufig in Erscheinung."

Wissen Sie, warum Neil Armstrong sich an diesem Projekt nicht aktiv beteiligt hat? Von ihm wurde nur Archivmaterial gesendet…
"Diese Frage muss man wohl Neil stellen. Aber soweit ich weiß, hat der Produzent einige Antworten von ihm bekommen und ich glaube, sie waren nicht ganz zufrieden stellend. Neil wollte einfach nicht Teil aller Vorgänge sein und hat nicht an so vielen Interviews teilgenommen."

Buzz Aldrin im exklusiven Unikosmos-Interview

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Haben Sie noch Kontakt zum Team von Apollo 11, insbesondere zu Neil Armstrong und Michael Collins?
"Eigentlich teilen ja 24 Personen diese Erfahrung, die anders war, als die der ungefähr 450 Leute, die im Orbit waren. Denn 24 Menschen haben den Mond erreicht, das Schwerefeld des Mondes, und es wieder verlassen. Und sie sind symbolisch für das Versprechen des Präsidenten innerhalb des Jahrzehnts zum Mond zu fliegen. Somit ist es diese einzigartige Gruppe von Menschen, die respektiert werden sollte und an die man sich erinnern sollte, wenn man an Apollo denkt. Apollo bestand wirklich nicht nur aus der ersten Landung, und den Menschen, die den Mond betreten haben, sondern auch aus all jenen, die irgendwie ihr Leben riskiert haben, damit die Missionen erfolgreich ausgeführt werden konnten.
Ich sehe Michael Collins nicht so häufig. Vor ein paar Jahren habe ich ihn zum Lachsangeln nach Alaska eingeladen, wir verbrachten dort Zeit miteinander. Neil Armstrong habe ich letztens bei einigen offiziellen Terminen getroffen. Es macht mich immer ein bisschen traurig, dass die Truppe von damals nicht wirklich eng miteinander verbunden ist - nicht nur wir drei, sondern alle, die wir in dieser wichtigen Zeit zusammengearbeitet haben und diese wunderbare Möglichkeit hatten, unser Land zu repräsentieren."

Meinen Sie, die Apollo-Mission hätte auch ohne den damaligen Wettstreit zwischen Russland und den USA stattgefunden?
"Ohne den Kalten Krieg und das Konkurrenzdenken hätten sich Menschen oder Nationen wohl kaum dazu entschieden, zum Mond zu fliegen. Es war ein Wettkampf und Amerika hatte das Gefühl, der Herausforderung durch Sputnik und den frühen Errungenschaften der Russen etwas entgegensetzen. Und ich denke, als wir das sehr erfolgreich getan hatten, hatte es deutliche Auswirkungen auf die Russen.
So wurde die Stärke Amerikas bewiesen – im technischen und auch militärischen Bereich. Russland sollte sehen, dass Amerika jeglicher Bedrohung etwas entgegensetzen würde und konnte."

John F. Kennedy unterstützte und warb seinerzeit gar für die Raumfahrt. Für ihn war es ein wichtiges politisches Thema. Wissen Sie, wie Barack Obamas Meinung dazu ist?
"Ich hoffe, andere Menschen und ich können ihn davon überzeugen, dass es eine wunderbare Gelegenheit für uns gibt, Veränderungen zu bewirken. So kann er auch sein Eintreten für Veränderung wahr machen. Ich denke wirklich, dass wir einen Pfad einschlagen sollten, der durch die Vision selbst und ihre Umsetzung deutlich erweitert werden könnte. Beispielsweise indem wir hervorheben, was zu tun ist und was wir vorher noch nicht getan haben. Dann werden wir hoffentlich an den Punkt gelangen, an dem wir mit Astronauten zum Mond des Mars fliegen, dann den Erdmond für Landungen benutzen, um schließlich auf dem Mars selbst zu landen. Aber es bedeutet einfach große Anstrengung, einen Pfad einzuschlagen, der dazu führt, dass Menschen von der Erde als Kolonialisten oder Siedler auf dem Mars wohnhaft werden können. Dies ist ein großer Schritt für die Menschheit, aber ich denke, wir haben diese Möglichkeit."

Sie bemühen sich darum und haben bereits Ideen für Reisen zum Mars entwickelt…
"Ich bin an einigen Projekten beteiligt."

Befürchten Sie, dass die Wirtschaftskrise Ihre Pläne hinsichtlich der Reisen gefährden könnte?

"Davor habe ich keine Angst, wenn die Menschen erst einmal begreifen, was wir vorhaben. Sie werden verstehen, dass es sinnvoll ist die Dinge zu fördern, in denen wir eine Führungsrolle haben, die wir sonst verlieren könnten. All das Geld, das wir derzeit in Banken und die Automobilindustrie stecken, wird vielleicht zurückkommen, vielleicht nicht. Aber ich bin überzeugt, die Investition in den Weltraum, können uns riesige Gewinne bringen. Und ich hoffe, die Menschen erkennen das. Große Beträge von Dollar verschwinden aktuell fast täglich. Wir hingegen riskieren keine großen Beträge, denn es ist sicher, dass wir unglaubliche Ergebnisse mit unseren Forschungen erzielen werden, von denen alle profitieren können."

Wenn Sie genug Geld hätten, um die Menschen zum Mars oder zum Mond zu befördern, wie lange würde es dauern, bis sie wirklich dorthin könnten? Normale Leute, Otto-Normal-Verbraucher, in welchem Jahr könnten sie zum Mars fliegen?
"Ich denke, es wird nie genug Geld dafür geben, dass Nicht-Professionelle die Oberfläche des Mondes oder des Mars betreten können. Man braucht ein Gewerbe, das Gewinn einbringt, um so ein Projekt zu realisieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass man Leute nicht in den Orbit schicken könnten. Das ist zwar noch sehr teuer, aber vielleicht sinken die Kosten dafür irgendwann. Aber ich denke, ich hab eine bessere Idee entwickelt, nämlich eine Art von Lotterie, eine wettbewerbliche Auswahl. Menschen, die am Weltraum interessiert sind, können für eine riesige Chance sicher mehr als einen Dollar ausgeben, vielleicht Hundert Dollar für einen möglichen Besuch im Weltraum. So könnten wir allmählich immer Menschen dafür gewinnen, und beweisen, dass ein Marketingkonzept mit vielen Leuten und kleinen Beträgen und der gleichen Chance auf einen möglichen Flug in den Weltraum große Mengen an Geld generieren kann. Dafür müssen wir aber noch auf den Enthusiasmus warten, der hoffentlich mit dem SpaceShipTwo geweckt werden wird (Anm.d.Red. ein privates, noch in der Entwicklung befindliches Raumflugzeug, dass frühestens Ende 2010 für den Weltraumtourismus genutzt werden soll)."

Zurück zu ihrer aktiven Zeit als Astronaut. Was war für Sie die größte Herausforderung, als Sie das erste Mal zum Mond geflogen sind?
"Die deutlich größte Herausforderung der Mission war, etwas zu tun, was zuvor noch nie gemacht worden war. Und zwar aus der Geschwindigkeit des Orbits heraus ohne Atmosphäre zu verlangsamen und eine von der Rakete kontrollierte Landung auf einem anderen Objekt durchzuführen. Viele von uns hatten zuvor mehrmals die Luke geöffnet und sind raus in den Weltraum gegangen, um dort einen Weltraum-Spaziergang zu machen oder EVA, Extra-vehicular Activity,(Anm. d. Red. 'Außenbordaktivität'). Die Schwierigkeit im Orbit herumzufliegen ist jedoch größer, als auf der Oberfläche des Mondes zu sein, wo ein geringer Grad an Gravitation existiert. Je größer die Gravitation ist, umso schwieriger ist es. Wenn man im Weltraum schwebt, hat man nicht wirklich was, an dem man sich festhalten kann. Wir haben deshalb mit neutralem Auftrieb unter Wasser trainiert. Wenn man das einmal verstanden hat, dann kann man im Weltraum spazieren gehen. Und man weiß auch, wie man auf dem Mond gehen muss."

Seine Frau Lois half Aldrin nach vielen persönlichen Niederschlägen (Foto: Public Address)Seine Frau Lois half Aldrin nach vielen persönlichen Niederschlägen (Foto: Public Address)

Wie hat es sich angefühlt, auf der Apollo 11 zu sein und zu wissen, dass die ganze Welt jede ihrer Bewegung beobachtet und sie keine Privatsphäre haben?
"Es war ein Ehrfurcht erregend zu realisieren, dass Millionen Menschen uns bei dem, was wir taten, zuschauten. Wir konnten uns davon aber nicht ablenken lassen, denn es hätte uns in dem, was wir auf dem Mond tun mussten, beeinträchtigen können. Also mussten wir uns das zu Herzen nehmen und uns auf das konzentrieren, was vor uns lag. Aber als ich hoch schaute und die Erde sah, realisierte ich das erste Mal die außergewöhnliche Situation, dass da zwei von uns weiter von den anderen weg waren, als es jemals zuvor jemand gewesen war. Dazu kam noch der Gedanke an all die Personen auf der Erde, die uns für das, was wir taten, Beachtung schenken."

Waren Sie jemals neidisch auf Neil Armstrong, weil erst ein paar Wochen vor dem Start entschieden wurde, dass er es sein sollte, der als erster den Mond betreten würde?
"Nein. Es war mindestens sechs Wochen vorher und ich war überhaupt nicht darauf erpicht, eine zusätzliche Verantwortung in der Öffentlichkeit zu haben. Wirklich, ich meinte zu meiner ersten Frau vor der ersten Ankündigung sogar, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich bei einem späteren Flug mitfliegen könnte, weil dem nicht soviel Aufmerksamkeit geschenkt werden würde und ich mehr interessante Dinge auf der Mondoberfläche machen könnte. Ich hatte sicher niemals Neidgefühle gegenüber Neil."

Hatten Sie auf der Reise jemals Angst, einen Moment der Panik oder das Gefühl es nicht mehr zurück nach Hause zu schaffen?
"Ich hatte sicherlich kein Gefühl der Angst, Betrübtheit oder Beunruhigung. Das ist sehr hinderlich für die Arbeit wenn du den Gefühlen erlaubst, sich damit zu beschäftigen, was falsch laufen könnte - und es kann alles Mögliche falsch laufen. Wir mussten nur so sensibel wie möglich sein, um richtig zu reagieren. Das einzige vor dem man sich fürchten muss, ist die Furcht selbst, das hat auch schon Präsident Roosevelt richtig gesagt. Angst ist ein lähmendes Gefühl und ich denke, die von uns, die Flugzeuge fliegen, besonders die, die im Kampf gewesen sind, weiß das. In der Weltraumfahrt wissen wir, was wir zu tun haben und wir trainieren die Dinge, die schief gehen könnten, sehr oft."

Gab es eine Herausforderung neben der Mondlandung, die für Sie selbst noch größer war, beispielsweise im Privatleben, als Sie nach der ganzen Erfahrung wieder zurückkamen?
"Absolut. Und jeder geht mit verschiedenen Situationen anders um, das hängt von der Natur ab. Wir waren nicht alle gleich und ich war keine Person, die gerne in der Öffentlichkeit stand. Nachdem ich die NASA verlassen hatte, wollte ich zurück zum Militär, zurück zu meiner Karriere bei der Luftwaffe. Ich tat es und es klappte nicht wirklich, also verließ ich die Luftwaffe und lebte ziemlich unstrukturiert, nicht wirklich diszipliniert, mit keinem richtigen Ziel, bei dem was ich tat. Ich fragte mich, was ich eigentlich wirklich tun sollte. Und wenn eine Person, die ein so strukturiertes und diszipliniertes Leben geführt hat wie ich dies so plötzlich nicht mehr tut, dann kommt es zu Fragen, zu Selbstzweifeln. Ich glaube, das habe ich von der Familie meiner Mutter geerbt. Sie hat sich ein Jahr bevor ich zum Mond geflogen bin, das Leben genommen. Und ihr Vater hat Selbstmord begangen, bevor ich geboren war. Also hatte ich diese Veranlagung, und wenn man ein unstrukturiertes Leben führt, gibt es durch Drogen- und Alkoholsucht viele Arten vor dem Unerwünschten zu fliehen. Und auch das, denke ich, habe ich von meinen Eltern geerbt. Also musste ich mich mit diesen Dingen an einem sehr kritischen Punkt in meinem Lebens beschäftigen, da war ich im zwischen 45 und 50 Jahre alt. Dann begann ich, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen und nun bin ich seit 30 Jahren trocken, es war ein langer Weg. Und vor 24 Jahren traf ich meine jetzige Frau Lois und nun sind wir seid 21 Jahren verheiratet. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen. Sie ist geselliger als ich und ich bin technischer, aber wir ergänzen uns sehr gut und bei uns ist eins plus eins mehr als zwei. Sie hat mir sehr geholfen. Und ich fühl mich viel mehr dazu in der Lage zu verstehen, mich auszudrücken und Situationen gelassener zu betrachten, als ich es je getan habe oder getan hätte, wenn ich diese Krise nicht hätte durchmachen müssen."

Seit Jahren hält sich hartnäckig das Gerücht, die erste Mondlandung sei in einem Filmstudio gedreht worden…
"Diesen Gerüchten und den Menschen, die sie verbreiten, schenke ich keinerlei Beachtung mehr."

[Sonja Kneißl]

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