Senioren an der Uni

Oma, was studierst du?

published: 14.07.2015

Knapp 33.600 Gasthörer gibt es an deutschen Unis – die Hälfte von ihnen ist mindestens 60 Jahre alt (Foto: Aerogon/Shutterstock.com) Knapp 33.600 Gasthörer gibt es an deutschen Unis – die Hälfte von ihnen ist mindestens 60 Jahre alt (Foto: Aerogon/Shutterstock.com)

Als Myra zum ersten Mal den Hörsaal betritt, ist sie schockiert: Statt crazy Studenten mit Dreadlocks sieht sie überall spießige Senioren mit adretten Frisuren. Es ist Myras erste Geschichtsvorlesung an der Uni Hamburg – und irgendwie hat sie sich das alles ganz anders vorgestellt. Verunsichert setzt sich die 19-Jährige in die letzte Reihe, holt das Handy raus und heult sich bei ihren Freunden per WhatsApp aus. Als sie wieder aufblickt, der nächste Schock: ein paar Reihen entfernt entdeckt sie ihre ehemalige Geschichtslehrerin. Und während der Dozent die Vorlesung beginnt, kneift sich Myra kurz – ist das alles vielleicht nur ein schlechter Traum?


So studieren Senioren in Deutschland

Nein, es ist kein Traum – sondern Realität. Die Zahl der Senioren unter den 33.600 Gasthörern steigt. Über die Hälfte von ihnen sind mindestens 60 Jahre alt. Hinzu kommen noch diejenigen, die in Vollzeit studieren oder promovieren. Insgesamt, so der Akademische Verein der Senioren in Deutschland (AVDS), gibt es 55.000 ältere bei insgesamt 2,7 Millionen Studierenden. Das mit Abstand beliebteste Fach: Geschichte. Myra kann's bezeugen.

Das Problem in Deutschland: Es gibt keine einheitliche Regelung des Seniorenstudiums. Das verwirrt. Denn jede Uni versteht darunter ein anderes Bildungsangebot. Während in Leipzig das Motto "Alt und Jung studieren gemeinsam" gilt, gibt es in Siegen die Mittwochsakademie extra für Senioren. Junge Studierende sucht man dort vergebens – woran liegt's?


Zwei Welten, ein Hörsaal

Sie quatschen den Dozenten dazwischen, belegen die besten Plätze und wissen alles besser – vieles nervt junge Studierende an ihren älteren Kommilitonen. Und Senioren haben vor allem eins: Zeit. Jungen Studierende nicht. Das sorgt für Probleme, denn während die Jungen von einer Veranstaltung zur nächsten hetzen, haben Ältere Zeit zur Vorbereitung. Und Zeit, früh die besten Plätze zu belegen. Vor allem in Geschichte, so erzählt Myra, spielen Senioren oft den Besserwisser. Oder die Besserwisserin. Das nervt junge Studierende und auch die Dozenten – denn Zeit für den klausurrelevanten Stoff bleibt so kaum.


 
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Es gibt also zwei Welten, die wenig Verständnis füreinander haben. Viele Ältere haben ihr Leben lang diszipliniert gearbeitet und verstehen die oft schlecht vorbereiteten Studierenden nicht. Ihre jungen Kommilitonen fühlen sich unverstanden: Sie müssen nebenbei oft arbeiten und viele andere Seminare besuchen. Ihr Alltag ist viel stressiger. Und wenn sie dann noch zwei Stunden lang stehen müssen, weil alle Stühle im Seminar durch Ältere belegt sind – dann sorgt das für schlechte Stimmung.


Senioren verbannen – die Lösung?

An der Uni Münster ging die schlechte Stimmung so weit, dass ein Theologie-Professor seine jungen und alten Studierende wieder voneinander trennte. Die Älteren unterrichtet er nun ausschießlich am Wochenende. Denn so schön der Gedanke des generationenübergreifenden Lernens auch war, leider lernten Alt und Jung nicht miteinander – sondern nebeneinander. Die Uni Frankfurt folgte dem Beispiel der strikten Trennung und gründete die Universität des 3. Lebensalters (U3L).

Es kündigt sich also ein Wandel an und wir müssen uns fragen: Wollen wir das? Möchten wir die strikte Trennung von Jung und Alt oder wollen wir uns gegenseitig eine letzte Chance geben? Lange Zeit zu überlegen haben wir aber nicht mehr. Myra ist sich nach anfänglicher Skepsis mittlerweile sicher: Auf die unterhaltsamen Beschwerden der Senioren über die zu weit entfernten Toiletten möchte sie in der Vorlesung nicht mehr verzichten.

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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