Verstehe deine Eltern

Das "Empty Nest Syndrom"

published: 13.10.2015

Gepackte Koffer: Wenn Kinder zum Studium ausziehen, bleiben die Eltern alleine zurück. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich (Foto: Efired/Shutterstock.com) Gepackte Koffer: Wenn Kinder zum Studium ausziehen, bleiben die Eltern alleine zurück. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich (Foto: Efired/Shutterstock.com)

Na, woran denkst du beim Wort "Zuhause"? An deine neue WG oder doch eher an dein altes Jugendzimmer? Mit dem Auszug ändert sich einiges – Postleitzahl, Essgewohnheiten und vor allem die Gefühle. Doch nicht nur die Kinder haben mit Heimweh zu kämpfen, auch Eltern leiden unter der neuen Situation. Oftmals fällt es ihnen sogar schwerer, sich an das neue Leben ohne Störenfriede unter dem Dach zu gewöhnen. In der Psychologie gibt es dafür den fancy Begriff "Empty Nest Syndrom“ (ENS) – doch was ist das genau?


Hm, wer bin ich eigentlich?

Stapelweise dreckige Wäsche, viel zu laute Musik, dich betrunken von der ersten Party abzuholen – deine Eltern hatten eine ganze Menge mit dir zu tun. Immer gab es etwas zu regeln, lösen oder klären. Und genau das ist der springende Punkt: Kinder strukturieren den Alltag ihrer Eltern. Mit dem Auszug ändert sich das schlagartig – das Nest ist jetzt leer. Es gibt niemanden mehr, den man abholen oder bekochen muss. Niemanden mehr, den man für ein unordentliches Zimmer anmeckern oder für eine gute Englischklausur loben kann.

Eltern sind in dieser Phase, die auch als "postparentale" Lebensphase bezeichnet wird, wieder auf sich allein gestellt und müssen damit klarkommen, ihre Zeit auf andere Weise zu füllen. Sie müssen sich wieder auf sich konzentrieren, ihre Hobbies und Leidenschaften. Das ist alles andere als leicht - nach mehr als 18 Jahren. Deshalb hat Familientherapeutin Bettina Teubert die erste Selbsthilfegruppe, die "EnMoms", für Mütter gegründet, die unter der neuen Situation ohne Kinder leiden – pro Woche bekommt sie knapp 50 Anfragen aus ganz Deutschland.


Eltern werden gelassener

Teuberts Selbsthilfgruppe macht deutlich: Es sind vor allem die Mütter, die unter dem "Empty Nest Syndrom" leiden. Denn auch heute sind es häufig sie, die wegen der Kindererziehung zuhause bleiben und auf den Beruf verzichten bzw. nur halbtags arbeiten. Dementsprechend bleibt für sie nach dem Auszug auf einmal mehr freie Zeit. Doch das soll nicht heißen, dass Väter keine Tränen verdrücken. Bei ihnen ist es oft andersherum: Während sie sich für ihre Familie anfangs im Job angestrengt haben, haben sie zum Zeitpunkt des Auszuges meist den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Gerade jetzt, wo sie Zeit für die Familie hätten, sind die Kinder dabei auszuziehen. Väter haben dann das Gefühl, nicht richtig am Leben ihrer Kinder teilgehabt zu haben.


 
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Doch keine Angst: Während sich die Forscher früher einig waren, dass der Auszug der Kinder bei Eltern für schwere psychosoziale Folgen sorgt, ist der Tenor der heutigen Wissenschaft zur "postparentalen" Lebensphase viel positiver. Zwar sind Eltern auch heutzutage noch traurig, wenn aus der Musikanlage plötzlich nicht mehr viel zu laut Bushido dröhnt – doch insgesamt sind Eltern gelassener geworden. Ja, sie genießen das neue Leben sogar.


We are family

Schrebergarten, Tanzkurs, Partyurlaub – jedes Elternpaar geht mit seiner neugewonnenen Freiheit anders um. So wie jedes Kind mit seinem neuen Studentenleben anders umgeht. Die Hauptsache ist, dass man in Zeiten des Heimwehs und Vermissens füreinander da ist und Verständnis zeigt. Also: Wenn deine Mama dich nächstes Mal abends anruft, während du mit deiner WG zusammensitzt – geh lieber kurz raus und quatsch mit ihr, als genervt das Handy wegzulegen. Denn wer weiß, wann du selbst das nächste Mal Heimweh hast.

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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Links

Weiter Infos zum "Empty Nest Syndrom" auf www.familienhandbuch.de
Die Selbsthilfegruppe "EnMoms" im Web

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