Nachgedacht: Sozial- und Geisteswissenschaften

"Und was wird man damit später?"

published: 23.02.2016

Literaturrecherche, Argumentation, Konzeption - wer Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert, muss einiges können. Auch Vorurteile aushalten. (Foto: wavebreakmedia/Shutterstock.com) Literaturrecherche, Argumentation, Konzeption - wer Geistes- oder Sozialwissenschaften studiert, muss einiges können. Auch Vorurteile aushalten. (Foto: wavebreakmedia/Shutterstock.com)

In Deutschland schreibt sich jemand für Kunstgeschichte ein. In China fällt ein Sack Reis um. So in etwa könnte man wohl die Grundhaltung gegenüber Geistes- und Sozialwissenschaften auf den Punkt bringen. Diese Studiengänge sind oft als "Laberfächer" verpönt, in denen man doch eh nichts lernt, nur viel redet und alte Theorien liest. Studiengänge, die man auf jeden Fall locker mit 1,0 bestehen kann und später trotzdem arbeitslos ist, denn – "Was kann man damit überhaupt werden?", fragt sich Omi. Zeit, mal mit ein paar Vorurteilen zu brechen und Mut zu machen. Und zwar all denen, die Angst davor haben, eben keinen vorgezeichneten Weg einzuschlagen.


Harte und weiche Studiengänge

Wer vor der Wahl eines Studienganges steht, kann sich zwischen zwei Fachgruppen entscheiden: den "harten" und den "weichen" Studiengängen. Zu den harten Fächer zählen z.B. Mathematik, Naturwissenschaften oder Medizin – Fakten-Fächer. Und dann gibt´s die "weichen" Fächer – Geistes- und Sozialwissenschaften. Fächer, bei denen Oma ins Kopfschütteln kommt und Papa Schweißperlen auf der Stirn kriegt. Da, wo irgendwie nichts richtig oder falsch ist. Diskussionen stehen an erster Stelle. Feste Berufsaussichten allerdings an letzter. Denn hier ist unbekannt, wo man nach sechs Semestern Bachelorstudium steht. Ob man überhaupt noch steht oder doch eher frustriert am Boden liegt. Definitiv: Die Entscheidung für ein weiches Fach verlangt mehr Mut, als den sicheren Weg zu gehen. Mehr Risikobereitschaft. Und trotzdem gibt es viele gute Gründe, die für diesen Mut sprechen.


Es fängt schon beim Stundenplan an

Dass ein Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften kein Spaziergang ist, merkt man spätestens bei der ersten Stundenplanzusammenstellung. Denn hier gibt es keinen durchgetakteten Lehrplan, der einem vorgesetzt wird. Stattdessen muss man aus einem riesigen Seminarangebot wählen. Oder besser gesagt: darf man. Zwar gibt es einige Pflichtvorlesungen, doch im Großen und Ganzen ist man auf sich alleine gestellt. Das erfordert eine Menge Organisationstalent und Geduld. Seminare überschneiden sich zeitlich, einige darf man nur mit bestimmten Voraussetzungen belegen, und dann muss man ja auch immer darauf achten, genug Credit Points zu sammeln. Schon vom ersten Tag an lernt man also, strukturiert zu denken und sein Leben selbst auf die Reihe zu bekommen. Händchen halten tut hier niemand.


 
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Herausforderung: Hausarbeit

Weiter geht’s mit den Hausarbeiten, die häufigste Prüfungsform in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Anders als bei Klausuren bekommt man hier nichts vor den Latz geknallt. Klar, Klausuren sind auch hart. Aber wie ist's damit: Ein eigenes Thema konzipieren, recherchieren wie der aktuelle Forschungsstand ist, geeignete Literatur suchen, Bibliotheken abtelefonieren, eine ausgewogene Argumentation ausarbeiten, sich durch Zitier- und Belegrichtlinien quälen, wissenschaftlichen Fachjargon beherrschen – uff! Tja, Hausarbeiten schreiben ist gar nicht leicht und verlangt neben Fachwissen auch analytische sowie konzeptionelle Fähigkeiten und das Gespür dafür, ein relevantes Thema zu finden sowie zwischen Millionen von Büchern genau die richtige Literatur auszuwählen. Tada! Langsam kommt auch Oma auf den Gedanken, dass man da im Studium nicht nur Quatsch macht.


Labern auf höchsten Niveau

Und nun zu all denen, die gerne mit dem Wort "Laberfach" um sich schmeißen wie Konfetti an Karneval. Ja, klar geht es in Fächern wie Soziologie oder Ethnologie nicht um pure Hardfacts. Wäre ja auch irgendwie nicht so cool zu sagen, die eine Kultur sei richtig und die andere falsch. Und natürlich lässt sich auf die Frage, wie gesellschaftliche Ordnung in unserer immer komplizierter werdenden Welt möglich ist, nicht ganz einfach mit einem Pfeildiagramm beantworten. Da hat jeder eine andere Meinung und über diese kann man diskutieren. Marx mag´s halt komplizierter. Das Schöne daran: Das ist wie in der echten Welt. Wann gibt´s denn da mal die eine ideale Lösung? Die eine richtige Antwort? Nirgendwo. Lösungen findet man. Meistens, indem man mit anderen darüber spricht.

Und das ist auch schon der nächste Punkt: Labern können ist super! Später im Job muss man das ständig tun: Im Vorstellungsgespräch, mit Kollegen, Geschäftspartnern, in Konferenzen, bei Präsentationen oder in Meetings. Überall muss man sicher und geübt sprechen. Man muss diskutieren können, sich andere Argumente und Sichtweisen anhören. Auch mit Meinungen, die man für völlig schwachsinnig hält, klarkommen. Auf diese professionell reagieren und einen eigenen Standpunkt entwickeln. In einem Studienfach viel zu "labern", ist also gar nicht so verkehrt. Multiple-Choice bereitet eher weniger aufs Leben vor. Auch wenn´s schön wäre, wenn´s so einfach wäre.


"Geisteswissenschaftler zu sein ist kein Schicksal, sondern eine freie Entscheidung"

Studenten der Geistes- und Sozialwissenschaften wird oft unrecht getan. Sie sind nicht immer Menschen, die nicht wissen, was sie wollen – sondern oft Menschen, die genau wissen, was sie wollen: Passion statt Penthouse, 100 Prozent Herzenssache statt Nine-to-Five. Menschen, die Kulturwissenschaften studieren und später glücklicher damit sind, Museumsführungen zu organisieren statt sich millionenschwere Gemälde in die Villa zu hängen. Diese Leidenschaft macht glücklich und das merkt man auch im Bewerbungsgespräch und Job. Wirtschaftliche Grundlagen, die für einen Job wichtig sind, wie Buchhaltung oder perfekte Excel-Kenntnisse, die kann man alle noch im Praktikum beigebracht bekommen. Begeisterung und Engagement eher nicht. So etwas kommt von innen. Nicht zu Unrecht sagt Oskar Piegsa von Zeit Campus also: "Geisteswissenschaftler zu sein ist kein Schicksal, sondern eine freie Entscheidung".


Mehr Mut!

Okay, es wird viel gelabert. Es wird viel diskutiert. Und ja, es wird viel gelesen. Auch viele alte Theorien, die aber nicht weniger aktuell sind. Man weiß am Ende einer Vorlesung nicht, was richtig und falsch ist – sondern fragt sich, ob es überhaupt richtig ist, in solchen Kategorien zu denken. Denn genau das ist es, was man lernt: Neue Perspektiven einzunehmen und Gegebenes zu hinterfragen. "Soft skills", die auf dem Arbeitsmarkt heutzutage immer wichtiger werden. Im Job gut organisiert sein, weil man das durch Hausarbeiten gelernt hat. Seinen Arbeitsalltag selbst strukturieren – kein Problem, Stundenplan sei Dank. Sich durch stapelweise Dokumente quälen? Ha, schon mal Judith Butler gelesen?

Ja verdammt: Es ist ein Risiko, ein Studium anzufangen, ohne zu wissen, wo man landet. Aber so ist das Leben, oder, Oma? #yolo, wie man früher sagte. Es läuft nicht immer wie man will, auch nicht im Job. Also umso besser, das schon im Studium zu lernen. Handwerkliches Zeug lernt man immer noch im Praktikum, keine Sorge. Den Mut, seine Träume zu verfolgen, allerdings nicht. Die Antwort auf die Frage "Und was wird man damit später?", kann für Geistes- und Sozialwissenschaftler also nur eine sein: glücklich.

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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