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Nachgedacht: Einklagen

Ohne Moral zum Studienplatz?

published: 30.01.2017

Ist es okay, sich per Gericht in sein Traumstudium einzuklagen oder sollte man eine Absage einfach hinnehmen? (Foto: everything possible/Shutterstock.com) Ist es okay, sich per Gericht in sein Traumstudium einzuklagen oder sollte man eine Absage einfach hinnehmen? (Foto: everything possible/Shutterstock.com)

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an meinen ersten Tag an der Universität. Begrüßungsveranstaltung. Ein paar freundliche Worte vom Menschen hinter dem Rednerpult, nervös herumblickende Studierende auf der Ausschau nach potentiellen Freunden für kommende WG-Partys. Und nachdem dann kurz erklärt wurde, wie man sich online für Kurse anmeldet, diese eine Frage "Aus organisatorischen Gründen: Wer von ihnen hat sich denn eingeklagt?" — Stille.

Langsam meldete sich der ein oder andere Studierende, manche zogen ihren Arm kurz vor der sichtbaren Meldung wieder zurück. Und ich selbst ertappte mich und andere dabei, wie man neugierig einen Blick auf diejenigen erhaschen wollte, die sich über eine Klage in diesen Hörsaal "gemogelt" hatten. "Gemogelt" — damals empfand ich das so. Dieser von Muttis und Vatis Geld bequem gepflasterte Weg an Studienplätze, die eh viel zu rar gesät sind. Doch heute, da sehe ich das anders. Zeit, mit einigen Vorurteilen zu brechen.


Der erkaufte Studienplatz

Einen Studienplatz einzuklagen hat mit Geld zu tun — definitiv. Aus Studierenden, die für ihr Traumstudium abgelehnt wurden, ist längt ein lukrativer Markt geworden. Lang lebe der Kapitalismus, höre ich Marx empört brüllen. Das ist blöd, definitiv. Wer kein Geld hat, der kann keinen Anwalt engagieren. Doch wenn man das monetäre Argument durchzieht, dann wäre auch Nachhilfe in der Schule irgendwie ungerecht, können sich doch nur die reicheren Kids diese leisten, oder? Außerdem: Geld allein erklagt noch keinen Studienplatz. Natürlich hat der teuer erkaufte Anwalt bestimmte Tricks drauf, doch oft genug werden Klagen trotzdem abgelehnt. Da kann selbst der gewiefteste Saul Goodman nichts ausrichten.

Ein kleiner Gedanke am Rande: Nicht jeder Kläger bekommt diese von im Polohemden-Partnerlook gekleidetem Elterngespann finanziert. Vielleicht hat jemand dafür gearbeitet, spart seit der Konfirmation auf sein Traumstudium oder opfert seinen Bausparvertrag. Möglich ist es. Die Einkläger, die ich kennengelernt habe, die trugen jedenfalls weder Lacoste-Cappy noch Gucci-Gürtel.


Diejenigen, die in der Schule zu faul waren

Natürlich ist die erste Reaktion darauf, wenn jemand einen benötigten NC nicht erfüllt: Hättste in der Schule halt mal besser aufgepasst. Das ist aber ein sehr bequemes Argument. Ein zu bequemes Argument, meiner bescheidenen Meinung nach. Mündliche Noten, bei der Abiprüfung einen schlechten Tag gehabt, Pech bei den Lehrern — zack ist aus dem 1,5er- ein 2,2er-Abitur geworden. Ich kenne kaum ein Bier-Gespräch, bei dem nicht retrospektiv über unfaire Notenvergabe sinniert wird, bis der erste mit wutrotem Kopf auf die Toilette verschwindet. Und diese Note soll nun über meine berufliche Zukunft entscheiden? Danke, nein.

Zwischen Abitur und Studienplatzbewerbung vergehen manchmal Jahre. Jahre, in denen Menschen reifen und vernünftiger werden. Meine 5 in Kunst damals soll mich jetzt daran hindern, Biologin zu werden? Eine schulische Leistung, die man vollbringt, bevor man Autofahren oder wählen gehen darf, sollte nicht über die Zukunft entscheiden. Und das Einklagen ist der einzige Weg, dagegen zu rebellieren. Sich nicht dem stellenweise unfairen System zu beugen, sondern sein Recht auf Bildung wahrzunehmen — und es, wenn nötig, per Gericht einzufordern.


Die nehmen uns die Studienplätze weg

Nein. Das ist nicht nur ein schlechtes, sondern schlichtweg ein falsches Argument. Die Einklage eines Studienplatzes hat nicht zur Folge, dass jemandem ein Studienplatz weggenommen wird. Was ein Anwalt im Falle einer Klage tut, ist, dem Gericht zu beweisen, dass die Universität Kapazitäten falsch berechnet hat und eigentlich mehr Studierende aufnehmen könnte, als sie es tut. Gelingt dem Anwalt dies, dann muss die Uni zusätzliche Einkläger aufnehmen. Und da wären wir dann auch schon beim nächsten Vorurteil.

Je mehr Einkläger, desto schlechter wird die Lehre

Auch immer gern als Kontrapunkt gebracht: Je mehr Einkläger, desto mehr Studierende — umso schlechter folglich die Lehre für alle: weil volle Hörsäle und so. Ja, das macht in der Theorie vielleicht Sinn. Wobei, nicht mal da. Denn, wie bereits erwähnt, Einkläger schaffen es nur an die Uni, wenn freie Kapazitäten gefunden werden. Wenn es einfach zu wenige Sitzplätze und Dozenten gibt, dann kann ein Anwalt auch keine Klage gewinnen. Soviel dazu. Doch auch in der Praxis macht das Argument meiner Meinung nach wenig Sinn: Wenn ich mich im Hörsaal umblicke, sehe ich leere Plätze — und zahlreiche Studierende, die für fehlende Kommilitonen rumgehende Anwesenheitslisten unterschreiben. Seminare werden geschwänzt, Vorlesungen absichtlich verschlafen — freie Platze sind da.

Führt man diesen Kontra-Punkt dahingehend weiter, dass durch mehr Studierende praktikablere Abprüfungs-Lösungen wie z.B. Multiple-Choice-Tests eingesetzt werden, statt inhaltlich qualitativ hochwertigere Prüfungen, durch die Studierende richtig was lernen — dann ist meine Antwort darauf: Ihr sucht den Fehler an der falschen Stelle. Es sind nicht die wenigen Einkläger, die zu schlechterer Lehre führen, sondern das Bildungssystem an sich. Stichwort Bologna-Prozess, über den ich bereits hier ausgiebig nachgedacht habe. Fehlende Praxis-Nähe, Bulimie-Lernen, mangelnde Nähe zu Dozenten — dafür kann man nicht Einkläger verantwortlich machen, die bloß ihren Traumabschluss erreichen wollen. Die Fehlerquellen muss man an anderer Stelle, eben auf Ebene des Systems selbst, suchen, denke ich.


Fazit: Ellenbogen gibt es schon genug

Es ist ein heikles Thema, dieses Einklagen. Argumente lassen sich auf beiden Seiten finden — durchaus überzeugende Argumente. Es scheiden sich die Geister, wobei dabei der wohl wichtigste verloren geht: der des Gemeinschaftsgefühls. Ich wäre an meinem ersten Unitag nicht gerne eine von denjenigen gewesen, die sich auf die Frage, ob sie als Einkläger hier sind, hätte melden müssen. Die Blicke der anderen waren sicherlich nicht sonderlich amüsant. An der Uni wie im Leben gibt es schon genug Ellenbogen und Konkurrenz. Der Einkläger auf dem Platz neben dir, der hat dir keinen Studienplatz weggenommen. Sonst säßest du ja dort nicht.

Einkläger sind nicht immer reiche Kids, die statt zum Deutschunterricht zu gehen damals lieber faul auf dem Edeka-Parktplatz Alkopops tranken. In einigen Fällen vielleicht schon. Vielleicht sind es aber auch nur Menschen, die in der Schule einen doofen Lehrer hatten, nicht gerne vor einer ganzen Klasse sprachen und mit 16 noch nicht abschätzen konnten, dass ihre Chemie-Note mal über das Soziologie-Studium entscheiden soll. Und das sollte man auch nicht einfach hinnehmen — sondern eben klagen, wenn es nötig ist, um in Richtung einer Zukunft zu steuern, von der man damals noch nicht wusste, dass man dorthin will. Einklagen ist Rebellion — für die Geld leider hilfreich ist. Das ist, zugegebenermaßen, das einzige Argument, das nicht recht zu entkräften ist.

Deshalb: Einkläger ist nicht gleich Einkläger. Vielleicht sollten wir nicht gleich verurteilende Blicke durch Hörsäle werfen, sondern uns auf der nächsten WG-Party mit eben jenen Studierenden unterhalten, die den gerichtlichen Weg gegangen sind. Und ja, möglicherweise ist es dann der snobby Jacques, der das Geld der Eltern auch gern mal für Schampus und Krabbentatar-Schnittchen ausgibt — dann nicken wir freundlich, denken uns unseren Teil und gehen weiter. Vielleicht ist es aber auch die kluge Luise, die bei Rewe Müsliriegel sortiert hat, um sich ins Medizin-Studium einzuklagen. Who knows? Ein Gespräch ist es wert, oder?


Falls auch du mit dem Gedanken spielst, dich in dein Traumstudium einzuklagen, dir aber die finanziellen Mittel fehlen — dann findest du hier ein paar erste Tipps, wie du selbst ohne Hilfe eines Anwalt erste Schritte einleiten kannst. Viel Erfolg!

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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Zum Artikel "Credit Points statt Lebenserfahrung" auf Pointer
Zum Artikel "Studienplatz: Erfolgreich einklagen"

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