Kultur-Zensur

Uni will Gedicht übermalen lassen

published: 29.01.2018

Das Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule (Foto: Thomas Stolte/Public Address) Das Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule (Foto: Thomas Stolte/Public Address)

Am 23. Januar 2018 beschloss der Senat der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin, ein Gedicht des weltbekannten Poeten Eugen Gomringer (93) an der Uni-Fassade übermalen zu lassen. Vorausgegangen war ein entsprechender Antrag des dortigen AStA, der das Gedicht nicht nur für frauenfeindlich erachtete, sondern den 20 Worten sogar zutraute, zum Wegbereiter für sexuelle Gewalt zu werden. "Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind“, schrieb der AStA in einem offenen Brief.

Das Gedicht und seine Übersetzung

So lautet das Gedicht an der Hauswand: "avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador". Und so seine Übersetzung: "alleen und blumen/blumen/blumen und frauen/alleen/alleen und frauen/alleen und blumen und frauen und/ein bewunderer“.
 


Eugen Gomringer begründete die Konkrete Poesie mit, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das poetische Material, also die Sprache selbst zum Inhalt ihrer Gedichte zu machen, anstatt mit Sprache Inhalte zu vermitteln. Gomringers Gedicht ist also eher als impressionistisches Sprachbild zu betrachten. Der betagte Dichter fiel dann auch aus allen Wolken, als er vom Übermalungsbeschluss hörte. Einen „Eingriff in die Freiheit von Kunst und Poesie“ nannte er das gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa).
 


Bundesweite Debatte um Kultur-Zensur

In den vergangenen Tagen berichteten fast alle wichtigen Tageszeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsender über den Übermalungsbeschluss. Der wurde in der Regel mit Unverständnis aufgenommen und als – recht undurchdachte – Zensurmaßnahme gebrandmarkt. Auch Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, griff zur Tastatur und schrieb am 26.Januar in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)": "Gerade Deutschland, das sich Demokratie und Freiheit nach der nationalsozialistischen Verwüstung mühsam wieder erarbeiten musste, hat die Freiheit der Kunst aus gutem Grund in den Verfassungsrang erhoben. Die Kunstfreiheit – das ist die Lehre, die wir aus zwei Diktaturen gezogen haben – ist wie die Meinungsfreiheit konstitutiv für die Demokratie.“

Sprachpolizei einer Minderheit

Gehen wir einmal davon aus, dass weder dem AStA noch dem Senat der Alice-Salomon-Universität die Tragweite ihres Handels bewusst gewesen ist: Sie haben sich trotzdem zu Handlangern gemacht von selbsternannten Tugendwächtern aller Couleur: Islamisten, Rechtspopulisten und allen anderen, deren ewig gestrige Gesinnung einer freien und demokratischen Gesellschaft im Wege steht. Peter Huth, Chefredakteur der "WELT am Sonntag", schreibt in der Ausgabe vom 30. Januar 2018: "Wo Poesie unter Burkas aus Wandfarbe verschwindet, ist es keine Schariapolizei, die über Gut und Schlecht entscheidet, sondern die Sprachpolizei einer kleinen Minderheit von Tugendterroristen. Das eine wie das andere ist: Unterwerfung.“

Bleibt zu wünschen, dass dieser Diskurs über das Gomringer-Gedicht und seine ungewollte Wirkung dazu führt, dass der verhängnisvolle Beschluss revidiert wird und das Gomringer-Gedicht da bleibt, wo es noch ist: an der Hauswand der Alice-Salomon-Hochschule.

Der Autor: Karl Günter Rammoser

Der Autor: Karl Günter Rammoser

Geboren in einem vergangenen Jahrhundert. Aufgewachsen in Ostholstein, Studium in Göttingen, Referendariat in Hamburg. Gymnasiallehrer (Deutsch, Geschichte, Philosophie), Journalist, Gelegenheits-Literat und Hobbykoch. Als Agenturinhaber und Portalbetreiber greift er eher selten selbst zur Tastatur, um einen Artikel zu schreiben.

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Links

Alice Salomon Hochschule Berlin
Offener Brief des AStA der Alice-Salomon-Hochschule

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