Nachgedacht: Studienplatzvergabe

Abinote oder Eignungstest?

published: 05.10.2018

Der Weg zum Studium führte bisher meist über die Abinote – ist das fair? (Foto: Plaisudtra/Shutterstock.com) Der Weg zum Studium führte bisher meist über die Abinote – ist das fair? (Foto: Plaisudtra/Shutterstock.com)

Der Halbtraum vieler junger Menschen: der Numerus Clausus (NC). Für viele scheitert der Traum des Studiums vorzeitig an ihm, weil die Abiturnote nicht ausreicht, um sich überhaupt zu qualifizieren. Seit einiger Zeit suchen deshalb Universitäten und die Politik alternative Lösungen, um den Zugang zum Studium fairer zu gestalten – und nicht davon abhängig zu machen, ob jemand in Kunst oder Chemie gut aufgepasst hat. Fachspezifischer Eignungstest heißt die neue Lösung, die bereits von vielen Unis wie der TU München angewendet wird. Von vielen Seiten hagelt es Applaus. Doch sollte der Eignungstest wirklich die Abiturnote ablösen - oder schafft er nicht neue Ungerechtigkeiten?
 

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Eignungsprüfungen sorgen für Vergleichbarkeit

Es ist kein neuer Vorwurf, dass Abiturnoten ein unfaires Zulassungskriterium für einen Studienplatz sind. Dies hat gleich mehrere Gründe: Zum einen sind die Abinoten von Bundesland zu Bundesland so unterschiedlich dass sie kaum objektive Auskunft über die Leistung der Schüler und Schülerinnen geben.

Diese unterschiedliche Notenvergabe hat sich seit Jahren nicht geändert und ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in den einzelnen Ländern die Abinote unterschiedlich gewichtet in die Endnote eingeht. So variieren die Abschlussnoten trotz gleicher Abiprüfungen stark – und sorgen für unfaire Zugangsvoraussetzungen für das spätere Studium. Studien wie die der Universität Mannheim haben zudem herausgefunden, dass Faktoren wie die Abinote, anderen Schulnoten oder auch praktische Erfahrungen keinen Einfluss auf den Erfolg im Studium haben.

Junge Menschen haben anderes im Kopf als gute Noten

Auch wird an der Studienplatzvergabe per Abinote oft bemängelt, dass Noten in Fächern entscheidend sind, die mit dem späteren Studium nichts zu tun haben. Wer Mathematik studieren will, aber einen schlechten Abschluss durch seine Kunstnote gemacht hta, der hat es später schwerer, seinen Traumstudienplatz zu bekommen.

Und dann gibt es natürlich noch eine ganze Bandbreite an Faktoren, die die Abinote beeinflussen: unfaire Lehrer, ein schlechtes Klassenklima und subjektive mündliche Noten, die schüchterne Schüler und Schülerinnen generell benachteiligen. Und da wäre noch das Thema Alter: Sicherlich hat ein pubertierender junger Mensch andere Dinge im Kopf, als Hausaufgaben und das Staatssystem Chinas auswendig zu lernen – doch sollte ihm das Jahre später bei der Studienplatzvergabe zum Verhängnis werden? Sicherlich nicht. Eignungstests der Unis würden all dem Abhilfe schaffen, klar.
 

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Warum das Abi aber nicht egal sein sollte

Ich kann die Euphorie um die zunehmenden Eignungstest vollkommen verstehen und finde ebenfalls, dass alternative Lösungen gesucht werden müssen. Doch die Abitnote vollkommen zu verteufeln und seine Aussagekraft anzuzweifeln, finde ich falsch – und gefährlich. Zum einen werden Schüler und Schülerinnen in der Kritik der Abinote über einen Kamm geschert. Dabei gibt es durchaus junge Menschen, die sich während der Schulzeit Mühe geben, fleißig sind und denen gute Noten wichtig sind. Manche tun das, weil sie Spaß am Lernen haben, andere, weil sie schon wissen, was sie später werden wollen und darauf hinarbeiten.

Würde die Abinote später egal werden, um einen Studienplatz zu bekommen, würde man damit auch einen großen Motivationsfaktor nehmen. Denn wenn es eh egal ist, was ich für Noten schreibe, dann muss ich mich ja zumindest jetzt noch nicht anstrengen. Eine alleinige Zulassung durch einen Eignungstest würde all die bestrafen, die sich in der Schule beteiligen, Hausaufgaben machen und zuhören, statt Papierflugzeuge zu basteln.


 
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Ein einziger Tag entscheidet über die Zukunft

Zudem sorgt ein Eignungstest dafür, dass eine einzige Tagesleistung über die gesamte Zukunft entscheidet. Wer beispielsweise unter Prüfungsangst leidet oder ein Problem damit hat, locker vor fremden Menschen wie einer Prüfungskommission zu sprechen, der beeindruckt bei einem Eignungstest sicherlich weniger. Und es müssen ja nicht einmal solche großen Probleme sein: Es reicht schon aus, krank zu sein oder private Probleme zu haben, um an dem einen Tag nicht auf der Höhe zu sein. Sollte also eine Tagesleistung wirklich das Gewicht haben, über einen Studienplatz zu entscheiden, statt ein Abizeugnis, das Aussage über die Leistung mehrerer Jahre gibt?

Die hitzige, anhaltende Diskurs über die Vergabe von Studienplätzen zeigt: Wir sind noch lange nicht bei einer Lösung angelangt. Doch das ist okay, solange gemeinsam weiter diskutiert wird. So wurde erst Anfang des Jahres im Fach Medizin eine neue Regelung der Zulassung gefunden: 20 Prozent werden weiterhin über den NC vergeben, der Rest über hochschulspezifische Kriterien und eine Talentquote. Auch in vielen anderen Studiengängen werden z.B. für das Fach relevante Schulnoten wie in Chemie oder Englisch stärker gewichtet, um mehr Fairness zu schaffen.
 

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Die Lösung liegt in der Mitte

In Zukunft sollten Eignungstests forciert werden, um gleiche Chancen zu schaffen und Unfairness durch die Abinote auszugleichen. Die fachspezifischen Tests haben zudem den Vorteil, dass nur wirklich motivierte Studis einen Platz bekommen, die Abbrecherquote sinkt und dadurch nur die eine Chance auf das Studium bekommen, die wirklich Lust haben. Denn niemand durchläuft freiwillig die teilweise aufwendigen Tests, wenn er oder sie nicht wirklich Interesse hat. Dadurch wird niemandem ein Platz weggenommen, der zwar mehr Lust, aber ein schlechteres Abi hatte. Doch dabei sollte die Leistung, die junge Menschen jahrelang in der Schulzeit erbracht haben, nicht untergehen. Denn auch diese spricht für Fleiß und Engagement – Faktoren, die belohnt werden sollten und nicht ignoriert.

Übersehen wir das wahre Problem?

Doch meiner Meinung nach wird in der Diskussion um die Studienplatzvergabe noch etwas ganz anderes Wichtiges übersehen: wie sehr Schüler und Schülerinnen im Bildungssystem allein gelassen werden. Ich wusste am Ende der Schulzeit immer noch nicht, was ich später werden möchte – und das lag nicht daran, dass ich mich nicht informierte, sondern, ganz im Gegenteil, überfordert von all den Infos war. Und damit war ich keineswegs allein.
 

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Während der Schulzeit wird man kaum darüber aufgeklärt, was einem nach der Abizeugnisausgabe erwartet. Was es für Chancen, Möglichkeiten und Berufe gibt. Ein einziges Mal hatten wir einen "Orientierungstag", an dem uns ein Polizist, eine Lehrerin und ein Jurist erzählten, wie ihr Beruf aussieht. Es gab keine Berufe, die mir zu diesem Zeitpunkt bereits klarer waren als diese. Es gibt tausende Berufe, die mir mehr weitergeholfen hätten. Keiner hatte bei uns in der 11. Klasse eine Ahnung, was NC überhaupt heißt, welche Ausbildungen und Studiengänge man wählen kann.

Junge Menschen an die Hand nehmen

Klar wussten wir alle, dass die Abinote wichtig ist – doch warum genau eigentlich? Ich hätte mir gewünscht, dass wir mehr über unsere Zukunft aufgeklärt werden, dass uns jemand an die Hand nimmt und auf all das vorberietet, was kommt. Ich saß schließlich nach dem Abi verzweifelt am Computer und habe mich durch die Hochschul-Websites geklickt, um dann festzustellen, dass man in Berlin für Psychologie einen 1,0er-Durchschnitt braucht. Aus war der Traum. Vielleicht ist ein Teil der Lösung der Studienplatzvergabe ja auch, junge Menschen bereits früher an die Hand zu nehmen. Und dann ist der NC irgendwann gar nicht mehr so ein Halbtraum, wie er es in unserer heutigen Zeit ist.

Die Autorin: Jana Schütt

Die Autorin: Jana Schütt

1993 geboren. Aufgewachsen in einem Dorf in Niedersachen zwischen Kühen und katastrophalen Busverbindungen – gelandet in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Dann ging es für Jana erstmal ab in die Werbung, als Texterin arbeiten. Inzwischen ist sie an der Uni Hamburg, um etwas über Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften zu lernen. Die Pointer-Autorin mag kein Gemüse, Kartoffelchips findet sie aber voll okay. Größter Traum: Niklas Luhmann auf einen Pfefferminztee treffen.

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Links

Zum Artikel "Hätten Sie das Abi auch in Bayern bestanden?"auf Spiegel.de
Die Studie zu studiengangspezifischen Eignungstests der Universtiät Mannheim
Zum Artikel "Das Warten hat ein Ende" auf Pointer
Zum Artikel "Der Trend geht zur Eingangsprüfung" auf Süddeutsche.de

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