Roboterjournalismus

Wenn Roboter Texte schreiben

published: 17.11.2018

Immer mehr Nachrichtentexte werden mit Hilfe von Algorithmen verfasst (Foto: Alexander Limbach/Shutterstock.com) Immer mehr Nachrichtentexte werden mit Hilfe von Algorithmen verfasst (Foto: Alexander Limbach/Shutterstock.com)

Chinas staatlich kontrollierter Nachrichtensender setzt seit kurzem zwei virtuelle Moderatoren ein. Diese können rund um die Uhr Meldungen vorlesen. Roboter haben es in China also schon ins Fernsehen geschafft - die Nachrichtentexte werden aber von Menschen verfasst und ins System eingespeist. Doch auch Nachrichtentexte können längst von Robotern geschrieben werden. Was steckt dahinter und wie weit verbreitet sind die "Robotertexte"?

Ein virtueller Moderator präsentiert Nachrichten in China


"Luka Jovic brachte den FC Schalke 04 per Doppelschlag ins Hintertreffen, als er in der 61. und 73. Minute vollstreckte. Ante Rebic scheiterte mit einem Schuss aus dem Strafraum in der 66. nur knapp am Pfosten von Schalke 04. Eine Parade nach einem Schuss von Jovic verhinderte den nächsten Treffer von Eintracht Frankfurt (80.)."

Bei diesen Sätzen handelt es sich um einen Ausschnitt aus einem Spielbericht zur Bundesliga-Partie zwischen Eintracht Frankfurt und Schalke 04. Man könnte sie in dieser Form wohl fast in jeder Zeitung erwarten, geschrieben von einem Sportjournalisten. Doch hinter dem Spielbericht steckt kein Mensch, sondern ein Algorithmus. In diesem Fall ist es die sogenannte "rtr textengine" des Berliner Unternehmens Retresco. Die Firma bietet eine Software für automatische Textgenerierung an. Dies kann beispielsweise innerhalb weniger Sekunden einen kompletten Spielbericht zu einem beliebigen Fußballspiel erstellen, der inhaltlich und formal hohen Standards genügt. Die automatisch generierten Texte sind tatsächlich richtig gut. Sie sind sachkundig und glänzen mit Hintergrundwissen. Der Satzbau stimmt ebenfalls, außerdem werden viele abwechslungsreiche Formulierungen verwendet.
 

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Künstliche Intelligenz für deine Hausarbeit?

Kann man sich die nächste Hausarbeit also einfach von so einem Programm schreiben lassen? Natürlich nicht, denn Textgenerierung in dieser Form benötigt einige Voraussetzungen und funktioniert nur in wenigen Themengebieten. Programme wie "rtr textengine" müssen mit vielen Daten gefüttert werden. Das funktioniert am besten bei der Sportberichterstattung, dem Wetterbericht oder bei Finanznachrichten. Dort gibt es nämlich detaillierte und ausführliche Datensätze, die vom Algorithmus genutzt werden können - seien es Börsenkurse für Finanznachrichten oder Torschützen und Ergebnisse für eine Fußballnachricht. Auch Daten aus vorangegangenen Fußballspielen können so verwertet werden, um Trends beim Verein und dessen Spielern aufzuzeigen. Da der Algorithmus alle relevanten Daten kennt und verbinden kann, findet man in den automatisiert erstellten Texten viel statistisches Fachwissen.
 

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Wie steht es um Glaubwürdigkeit?

"Robotertexte" sind dadurch den menschlichen Texten zum Verwechseln ähnlich. Das zeigt auch eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort lasen die knapp 1000 Studienteilnehmer sowohl menschliche also auch computergenerierte Nachrichtentexte zu Sport und Finanzen. Während die menschlichen zwar generell lieber gelesen wurden, galten die "Robotertexte" als glaubwürdiger. Insgesamt waren die Unterschiede gering - die generierten Texte konnten in der Studie also locker mithalten. Auch deswegen werden von Algorithmen verfasste Nachrichten schon in vielen Verlagen eingesetzt. Im deutschen Raum gilt "Focus Online" in diesem Bereich als Vorreiter. Seit mehr als zwei Jahren publiziert das Nachrichtenmagazin automatisch generierte Wetter-News für alle größeren Städte und Regionen in Deutschland.

Neutral oder tendenziös?

In Großbritannien ist diese Entwicklung noch einen Schritt weiter: Dort verfassen Algorithmen bereits Titelgeschichten für die Lokalpresse. Dass diese Form der Berichterstattung problematisch sein kann, zeigt eine ausführliche Analyse von netzpolitik.org. Denn die Geschichten der Roboter sind nicht neutral. Daten können vom Algorithmus nämlich anders interpretiert werden, als es der Kontext verlangen würde. Und auch die Datengrundlage selbst kann nie ganz neutral sein. Roboter machen in diesem Fall also durchaus tendenziöse Berichterstattung. Die Entwicklung hin zu Robotertexten wird sich aber wohl nicht aufhalten lassen. Denn für die Kosten einer guten lokalen Presse kann kaum ein Verlag mehr aufkommen. Robotertexte sind die günstige und in gewissem Rahmen zuverlässige Alternative. In vielen Bereichen können diese Texte mithalten, doch die Gefahren sollte man im Auge behalten.

Der Autor: Jonas Bickel

Der Autor: Jonas Bickel

Leben, wo andere Urlaub machen: Jonas ist auf der Nordseeinsel Föhr aufgewachsen. Jeden Tag am Meer zu sein, ist zwar schön. Früh war aber klar: Journalismus auf der Insel - da kommt man nicht weit. Also nach dem Abitur ab in die Medienstadt Hamburg, wo Jonas seit 2015 Politikwissenschaft studiert. Für Pointer schreibt er oft über seine großen Hobbys: Sport - insbesondere Fußball - und Gaming.

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Links

Retresco im Web
Studie der LMU München
netzpolitik.org über Roboterjournalismus in Großbritannien

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