Für wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden gelten von Land zu Land andere Regeln (Foto: shutterstock.com/Syda Productions) Für wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden gelten von Land zu Land andere Regeln (Foto: shutterstock.com/Syda Productions)
Redaktionelle Anzeige
Tipps für Nicht-Muttersprachler

Andere Länder - andere Seminararbeiten

Wer als Nicht-Muttersprachler an einer deutschen Universität eine Hausarbeit verfassen will, steht gleich vor mehreren Herausforderungen. Nicht nur, dass ein fachlich anspruchsvolles Thema in einer Fremdsprache formuliert werden muss, es gilt auch, typisch deutsche Arbeitsweisen und das alltägliche Chaos eines Uni-Campus´ zu durchschauen. Die Techniker Krankenkasse hat sich für euch in der Hochschullandschaft umgehört und Tipps gesammelt.

Schritt 1: Durchschaut eure Uni
Serge Nadtotschi studiert im zweiten Semester des Masterprogramms "Entrepreneurship" am Department für Wirtschaft und Politik der Uni Hamburg. An seine erste Hausarbeit kann sich der Ukrainer noch gut erinnern: "Ich habe zwei Kurse belegt, um zu lernen, wie man hier wissenschaftliche Arbeiten schreibt. Einen Ansprechpartner gab es nicht."

Leider gibt es keine bundesweit einheitlichen Anlaufstellen, die sich um Nicht-Muttersprachler mit so speziellen Problemen wie dem Erstellen einer Hausarbeit kümmern. Vielmehr herrschen an jeder Uni oder Fachhochschule unterschiedliche Strukturen, die nicht leicht auszumachen sind. Um den Durchblick zu bekommen, wendet euch am besten erst einmal an vorhandene Beratungsstellen wie den Deutschen Akademischen Austausch Dienst, das Studentenwerk, die zentrale Studienberatung, das International Office eurer Hochschule oder das AusländerReferat des Allgemeinen Studierendenausschusses. Scheut euch nicht, alle Anlaufstellen zu besuchen, auch wenn euch nicht jedes Büro weiterhelfen kann. Fragt den Menschen hinter den Schreibtischen ruhig Löcher in den Bauch.

Einige Universitäten, wie beispielsweise die Uni Hamburg, bieten so genannte Service-Points an. Dort betreuen wissenschaftliche Mitarbeiter, Dozenten oder Professoren Studierende eines Fachbereiches und besprechen mit ihnen auch Probleme, die sich bei Prüfungen oder Leistungsnachweisen ergeben. Andere Unis, etwa in Erfurt, stellen ihren Studierenden einen akademischen Mentor zur Seite. An der Uni Osnabrück startet demnächst ein Pilotprojekt, in dem jeweils ein einheimischer Studi einen ausländischen Kommilitonen betreut.


TK ist die beste Kasse für Studierende


Schritt 2: Holt euch persönlichen Rat
Wer nicht von vornherein einen Ansprechpartner "zugeordnet" bekommt, sollte Mut beweisen und auf seine Kommilitonen zugehen. Ob im Seminar, beim Hochschulsport, in der Mensa oder im Rahmen von Stammtischen und Infocafés, meist kennen sich die "alten Hasen" am besten mit den Strukturen ihrer Hochschule aus. Lasst euch solch wertvolle Informationsquellen nicht entgehen.

Aus eigener Erfahrung empfiehlt Serge, sich außerdem unbedingt an andere ausländische Studierende zu wenden. "Da klappt Hilfe am besten, denn sie fühlen sich verbunden und geben sich gegenseitig Tipps", meint er. Nicht zuletzt ist es durchaus üblich, direkten Kontakt zum Lehrpersonal oder zur Fachschaft aufzunehmen. Schreibt eurem Professor eine E-Mail, sprecht die Dozentin nach dem Seminar an oder ruft in ihrem Büro an, um auftretende Probleme schnell zu klären.

Schritt 3: Ergründet deutsche Eigenheiten
Eines der typischen Probleme ausländischer Studierender ist auch Serge bestens bekannt: das andere wissenschaftliche Arbeiten. "In der Ukraine schreiben wir auch große Hausarbeiten, aber dort haben wir ganz anders gearbeitet. Der Aufbau war anders als in Deutschland, nicht mit Einführung, theoretischem und praktischem Teil und Fazit." Bevor ihr euch also das erste Mal an eine Hausarbeit heranwagt, solltet ihr euch mit der Theorie des wissenschaftlichen Arbeitens in Deutschland auseinandersetzen. Spezielle Kurse vermitteln, welche Arbeitsschritte ihr vor und während einer Hausarbeit durchlaufen müsst, welche Quellen ihr nutzen solltet und auch, wie gängige Ausdrucksweisen lauten. Empfehlenswert ist es, sich in einem solchen Seminar ein "Vokabelheft" anzulegen, in dem ihr notwendige Redewendungen sammelt, die ihr in Seminararbeiten immer wieder benutzen werdet. Dass es sich notentechnisch lohnt, sich mit der hiesigen Arbeitsweise zu beschäftigen, bestätigt die Regensburger Diplompsychologin Astrid Utler. "Mir fällt beim Korrigieren häufig auf, dass Arbeiten von Studierenden, die einen ähnlichem kulturellen Hintergrund wie ich haben, mir mehr liegen. Unbeabsichtigt schlägt sich das dann auch in den Noten nieder." Utler ist als Trainerin und Wissenschaftlerin für interkulturelle Fragen am Institut für Kooperationsmanagement tätig und hält Kurse an Bildungseinrichtungen und deutschen Hochschulen mit internationalen Studierenden. "Um eine erste Idee von den hiesigen Methoden zu bekommen, hilft es, eine Hausarbeit zu lesen, die von einem deutschen Studierenden verfasst wurde", empfiehlt Utler. Grundlegend sei, eine fundierte Literaturrecherche in der Bibliothek durchzuführen. Häufig beschränken sich ihrer Erfahrung nach ausländische Studierende nämlich zu stark auf Quellen aus dem Internet. "Das ist nicht unbedingt der wissenschaftliche Ansatz, den ich mir vorstelle".

Schritt 4: Findet den besten Kurs
Letztendlich spielt der jeweilige Dozent oder die Professorin, bei der ihr eure Arbeit vorlegen müsst, eine entscheidende Rolle. "Es gibt keine festgeschriebenen Regeln für das Bewerten ausländischer Studierender", erklärt Iren Schulz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. Ob die besonderen Schwierigkeiten ausländischer Studierender mit in die Benotung einflössen, entscheide der oder die Lehrende selbst. Auch Utler bestätigt "einen gewissen Spielraum bei der Bewertung". An den Universitäten, an denen sie bisher korrigiert habe, sei ihr das meist auch nahegelegt worden.

Erkundigt euch vorher bei Kommilitonen und den jeweiligen Dozenten persönlich, mit welcher Unterstützung ihr beim Erstellen der Arbeit rechnen könnt. Regelmäßige Sprechstunden, in denen ihr inhaltliche Probleme klären könnt, sind ebenso wichtig wie die Frage, inwieweit euer kultureller Hintergrund in die Benotung einfließt. Eventuell dürft ihr sogar Teile der Arbeit auf Englisch verfassen. In der Regel lohnt es sich, kleinere Kurse zu belegen, da der Professorin oder dem Dozenten so mehr Zeit bleibt, sich auf die individuellen Bedürfnisse der Studierenden einzulassen.

Schritt 5: Lasst euch korrigieren
Ist das Werk vollbracht, steht ein letzter und wesentlicher Punkt an: die Korrektur. Zieht dafür euer Deutsch-Lexikon, ein Bedeutungswörterbuch, Nachschlagewerke zu Redewendungen, euer "Vokabelheft" und die benutzte Literatur zu Rate. Handelt es sich um eine besonders wichtige Arbeit, nehmt ruhig noch einen Korrektur-Dienst in Anspruch. Häufig bieten ehemalige Germanistikstudenten diese Arbeit gegen Bezahlung an. "Das kostet ungefähr drei Euro pro Seite", schätzt Serge die Hamburger Verhältnisse ein. Sein Tipp lautet allerdings, sich vorher bei Studiums-Kollegen zu erkundigen, die bereits Erfahrungen mit speziellen Anbietern gesammelt haben. "Einige machen nämlich nur wenige Korrekturen, während andere sogar inhaltliche Tipps geben."

Zusätzlich solltet ihr euch unbedingt an eure deutschsprachigen Kommilitonen wenden. Schließlich beherrschen sie nicht nur die Sprache, sondern besuchen auch denselben Kurs wie ihr. Folglich kennen sie sich bestens mit der Materie eurer Hausarbeit aus und wissen, wie die Anforderungen aussehen. Selbst, wenn euch dieser letzte Schritt unangenehm ist, solltet ihr ihn wagen. Denn damit beweist ihr nicht nur Mut und Offenheit, auf fremde Menschen zuzugehen, sondern ihr bekommt womöglich die Chance, neue Kontakte zu knüpfen und dadurch die hiesige Kultur besser kennen zu lernen.

Sicherlich gibt es etwas, wovon eure Kommilitonen im Gegenzug ebenfalls profitieren können. Auf dieser Philosophie von gegenseitiger Bereicherung basieren auch Tandem-Programme, in denen ihr als "Gegenleistung" die eigenen Sprachkenntnisse anbietet. Falls ihr aus einem weniger gängigen Sprachraum stammt, wandelt dieses Modell ruhig etwas ab. Bereitet eurem Tandem-Partner stattdessen ein landestypisches Menü oder versorgt ihn mit nützlichen Reisetipps - jede Kultur hat schließlich reichlich Bereicherndes zu bieten.

Wo bekomme ich Hilfe?

Universitäre Anlaufstellen: Deutscher Akademischer Austausch Dienst, Studentenwerk, Zentrale Studienberatung, International
Office, AusländerReferat des Allgemeinen Studierendenausschusses

Persönliche Ansprechpartner: Kommilitonen, Tandem-Partner, Tutoren, Mentoren, Professoren, Dozenten, wissenschaftliche Mitarbeiter

Veranstaltungen: Orientierungsveranstaltungen der Uni, Infocafés, Stammtische, Sprachkurse, Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten

Services: Kostenpflichtige Korrekturdienstee