Interview mit Dr. Karin Anderson

Studieren mit Kind: Chance oder Desaster?

published: 21.01.2009

Die Doppelbelastung als Studentin und Mutter ist nicht einfach zu stemmen (Foto: shutterstock.com/Kalinina Alisa) Die Doppelbelastung als Studentin und Mutter ist nicht einfach zu stemmen (Foto: shutterstock.com/Kalinina Alisa)

Mitten im Studium ein Kind zu bekommen, bedeutet für die Eltern häufig einen Spagat zwischen Baby und Büchern, der ihnen viel abverlangt. Neben einem brabbelnden Kleinkind konzentriert zu lernen, nebenbei den Haushalt und die Kinderversorgung zu managen und auch noch gute Noten zu schreiben, hört sich zunächst nach einem kleinen Wunder an.

Im Interview mit der TK informiert Dr. Karin Anderson, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, über die Herausforderungen und Chancen des jungen Elterndaseins und gibt Tipps, wie man den Alltag als Studierender leichter bewältigen kann.

Allen Anforderungen als junge Eltern und Studierende gerecht werden zu wollen, übt oft einen starken Druck aus. Wie lässt sich das auf Dauer aushalten?
Dr. Karin Anderson: "Nur, indem man sich klar macht, dass es unsinnig und völlig unmöglich ist, allen Anforderungen gleichermaßen nachzukommen. Wer ein Baby oder Kleinkind zu versorgen hat, muss sich unter Umständen damit zufriedengeben, nicht immer bestmögliche Zensuren zu erreichen, sondern vielleicht nur durchschnittliche. Aus psychologischer Sicht ist es auch nicht erforderlich, immer und überall `die gute Mutter´ (oder `der gute Vater´) zu sein. Es ist völlig in Ordnung, wenn die Eltern ganz normal `ausreichend gut´ sind."

Welche Eigenschaften helfen dabei, ein Leben zwischen Baby und Büchern zu managen?
"Man muss über eine gute Portion Organisationstalent verfügen und seine babyfreien Zeiten zu nutzen wissen. Wenn das Kind schläft oder zufrieden mit einem Spielzeug beschäftigt ist, muss die junge Mutter oder der junge Vater fähig sein, in die Bücher schauen oder am PC zu arbeiten. Wer am nächsten Tag eine Klausur schreiben oder ein Referat halten muss, darf sich nicht erst in letzter Minute um einen Babysitter kümmern, sondern muss die Babyversorgung rechtzeitig organisieren."

Können das nur "Organisationsgenies"?
"Das Leben mit Baby macht aus eingefleischten Langschläfern Frühaufsteher, aus unbekümmerten Junkfood-Essern ernährungsbewusste Vollwertköstler und aus schlunzigen Alles-herumliegen-Lassern besorgte Alles-Wegräumer. Genauso fördert das Elternsein auch bis dato ungenutzt schlummernde Organisationsfähigkeiten. Ein Genie auf diesem Gebiet braucht man allerdings nicht unbedingt zu werden, ein bisschen Überlegung und rechtzeitige Planung reichen. Wichtig ist dabei auch ein gutes soziales Netz: Eltern oder Großeltern, die bei der Kinderbetreuung helfen können, und andere junge Eltern, mit denen man sich beim Babysitten abwechseln und gemeinsame Spieltreffen organisieren kann."

Wie schafft man es, sich immer wieder neu fürs Studium zu motivieren?
"Man muss sich sein Ziel deutlich vor Augen halten. Den Job, den man haben möchte. Wie man sein Leben führen will. Welche Vorstellungen und Erwartungen man von seiner Zukunft hat. Ich selbst hatte zum Beispiel eigentlich gar keine große Lust aufs Medizinstudium, aber ich wollte unbedingt Psychotherapeutin werden und wusste, dass (zur damaligen Zeit) nur ärztliche Psychotherapeuten eine Kassenzulassung bekamen. Mein Ziel: Ich wollte in einem interessanten, anspruchsvollen Beruf selbstständig sein, einigermaßen gut verdienen, und meine Arbeitszeit so einteilen können, dass noch ausreichend Zeit für meine Kinder blieb."

Das Leben eines Studis, der oder die bereits Mutter oder Vater ist, unterscheidet sich vom typischen Studentenleben. Können bei so verschiedenen Lebensmodellen Freundschaften zwischen Eltern und Kinderlosen überhaupt "überleben"?
"Ja. Dafür ist allerdings beiderseitiges Verständnis und Toleranz für die Lebenssituation des anderen notwendig. Die kinderlosen Freunde müssen sich klarmachen, dass die jungen Eltern einen Tagesablauf mit Verpflichtungen haben, der ganz spontane Aktivitäten erschwert und auf rechtzeitige Absprache, Planung und gelegentliche tatkräftige Hilfe angewiesen ist. Die jungen Mütter und Väter dagegen dürfen die Geduld ihrer Freunde nicht mit ewigem `Babytalk´ überstrapazieren und auch nicht erwarten, dass jeder neue Videoclip über Klein-Ellas erstaunliche Zeichen von früher Intelligenz mit ständig wachsender Begeisterung angesehen wird."

Leider werden Eltern, die ihre Kinder früh in eine Betreuung geben, häufig als "Rabeneltern" betitelt. Wie können sich Betroffene gegen solche Vorurteile wehren bzw. wie sollten sie damit umgehen?
"Die jungen Eltern sollten kein schlechtes Gewissen haben, weil sie nicht ausschließlich für ihr Kind da sind, sondern auch ausreichend Zeit für ihr Studium und sich selbst beanspruchen. Sie dürfen nicht einer Ideologie aufsitzen, die eher einem 50iger-Jahre-Vorstadtidyll entspricht als der heutigen Realität. Eine Mutter (oder ein Vater), die heutzutage ihr Studium (oder ihren Beruf) aufgeben, um sich voll und ganz um Haushalt und Familie zu kümmern, sind im Fall einer Scheidung finanziell erheblich benachteiligt. Es ist statistisch bewiesen, dass sie fast immer einen deutlichen sozialen Abstieg erleben. Und beim Wiedereinstieg ins Berufsleben müssen sich jahrelange Pausierer leider meist mit einer weniger anspruchsvollen Tätigkeit und schlechterem Verdienst zufriedengeben."

Welche Vorteile kann es haben, bereits im Studium Mutter oder Vater zu werden?
"Mitte 20-jährige Studenteneltern gehen oft unbekümmert und flexibler mit ihren Kindern um als ´reifere´ Mittdreißiger. Sie sind ja selbst noch nicht so sehr lange erwachsen und daher eher geneigt, mit ihren Sprösslingen herumzualbern und einfach Spaß zu haben. Wer sein erstes Kind erst zwischen Dreißig und Vierzig bekommt, ist oft viel besorgter und ängstlicher darauf bedacht, alles ja `richtig´ zu machen, damit Klein-Malte genauso früh ohne Stützräder fahren kann wie der Nachbarsjunge, und Lisa-Marie nicht etwa die letzte in der Spielgruppe ist, die ihr ´Seepferdchen´ noch nicht bestanden hat. Ältere Mütter erleben die Schwangerschaft und Kleinkinderversorgung vielfach auch einfach körperlich beschwerlicher und anstrengender als jüngere Frauen."

Können junge Akademiker mit Kindern vielleicht auch im Berufsleben von ihrem Alltag bzw. ihren "Elternfähigkeiten" profitieren?
"Ganz sicher! Die Verantwortung, Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit, Fürsorge und Geduld, die man im Umgang mit seinen Kindern lernt, kommen einem auf jeden Fall im Berufsleben sehr zugute. Elternschaft bedeutet einen großen Reifungsschritt und ermöglicht ein wesentliches Stück Lebenserfahrung. Wer den Alltag mit chaotischen Dreijährigen bewältigen kann, ist sicher nicht mehr so einfach aus der Ruhe zu bringen. Und wer sich bei einem Kindergeburtstag mit einem Dutzend aufgedrehter, phonstarker Sechsjähriger Gehör verschaffen kann, qualifiziert sich nicht nur automatisch für einen Unteroffiziersposten, sondern kann sich sicher auch bei der Arbeit besser durchsetzen."

[TK]

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