Vor anderen Menschen zu sprechen, fällt nicht jedem leicht (Foto: shutterstock.com/VGstockstudio) Vor anderen Menschen zu sprechen, fällt nicht jedem leicht (Foto: shutterstock.com/VGstockstudio)
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Sprechstunde mit Dr. Karin Anderson

Schüchtern im Seminar

Ihr habt Angst, euch in der Vorlesung zu Wort zu melden? Bei Diskussionen beteiligt ihr euch nie, weil ihr Angst habt, etwas Falsches zu sagen und euch zu blamieren? Es gibt viele Studierende, die mit ihrer Schüchternheit zu kämpfen haben, wie beispielsweise Unikosmos-Userin Maria. Expertin Dr. Karin Anderson gibt ihr Tipps, wie sie ihre Hemmungen bekämpfen kann.

Maria: "Ich studiere im zweiten Semester Kulturwissenschaften. Wir haben viele kleine Seminare, die ich total interessant finde. Das Problem ist, dass wir viel diskutieren und unsere Profs darauf achten, dass der Kurs sich auch mündlich beteiligt. Obwohl ich meistens total viel zum Thema zu sagen hätte, melde ich mich nie, weil ich Angst habe, dass die anderen darüber lachen, ich ein simples Argument übersehen habe und mich dann total blamiere. Ich bin zwar nicht mehr ganz neu in meinem Studiengang, aber ich kenne leider noch nicht so viele Leute, da ich mich schwer tue, auf sie zuzugehen. Und in den kleinen Seminaren wechseln die Leute auch jedes Semester. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich tun soll, um meine Schüchternheit zu überwinden und endlich einmal den Mund aufzukriegen. Ich bin 22, also eigentlich zu alt für so etwas Albernes, oder? Können Sie mir vielleicht irgendwelche Tipps geben? Viele Grüße, Maria"

Dr. Karin Anderson: "Hallo Maria, es ist wirklich nicht albern, dass Dir das freie Sprechen vor anderen Leuten schwer fällt. Schüchternheit ist zwar nicht `ererbt` im eigentlichen Sinne, aber hat doch meist sehr damit zu tun, wie zu Hause mit dem Reden umgegangen wurde. Wenn in einer Familie viel gesprochen, diskutiert und argumentiert wird und die Kinder genauso mitreden dürfen wie die Erwachsenen, sind sie auch später nicht gerade auf den Mund gefallen und haben keine Angst, sich vor anderen zu blamieren. Wenn dagegen wenig verbaler Austausch stattfindet, man als Einzelkind wortkarger Eltern aufwächst oder das, was man zu sagen hatte, nicht ernst genommen oder gar entwertet wird, fällt es meistens viel schwerer, seine Gedanken vor anderen zu äußern. Selbstbewussten Leuten kommt der Gedanke, sich durch eine weniger intelligente Bemerkung als dumm oder unwissend zu outen, entweder erst gar nicht oder so ein harmloser `Fehltritt´ macht ihnen schlichtweg nichts aus. Schüchterne Menschen wie Du sind dagegen ihr eigener schärfster Kritiker und erwarten derartig kritische Bewertungen auch von anderen. Deine Schüchternheit und Scheu, auf andere Kommilitonen zuzugehen, gehören zum gleichen Problem, also musst Du sie im Grunde auch gemeinsam angehen. Sich aber einfach nur `zusammenzureißen´ hilft leider überhaupt nichts gegen Schüchternheit, ebensowenig wie Vernunft und Logik. Damit überzeugst Du nämlich nur Deinen bewussten Verstand, aber nicht Dein Unbewusstes, das Dich so unnachgiebig zensiert und blockiert.

Schüchternheit lässt sich aber zum Glück überwinden. Dafür gibt es mehrere Methoden. Der User, der Dir riet, die Kontaktaufnahme mit fremden Leuten zu üben, hat ganz recht. Ich habe Patienten, die soziale Ängste hatten oder als Einzelkinder aufgewachsen waren, oft mit Gruppentherapie behandelt, weil dort ein ideales `Lern- und Trainingsumfeld´ gegeben war. Nun musst Du Dich nicht unbedingt einer psychotherapeutischen Gruppentherapie unterziehen, um Deine Angst zu überwinden. Es gibt genügend nicht-therapeutische Gruppensituationen, in denen Du üben könntest, ohne dass gleichzeitig Zensuren oder Bewertungen davon abhängen. Gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, erleichtert nicht nur den sozialen Kontakt und den Austausch von Ideen, sondern stärkt auch das Selbstbewusstsein ungemein. Du könntest Dir natürlich auch in einem Rhetorikkurs die Möglichkeit verschaffen, ganz gezielt das Sprechen vor anderen zu üben (z.B. bei der Volkshochschule oder in Deiner Uni).

Hemmungen abbauen kann man sehr wirksam auch durch Suggestionen. Aber nicht, wie in manchen platten Selbsthilfevorschlägen behauptet, mit simplem Gutzureden vor dem Spiegel. Auf Dein Unbewusstes kannst Du nur dann einwirken, wenn Du in einem sehr entspannten Zustand bist, also einer leichten Trance. So einen Zustand des herabgeminderten wachen Bewusstseins kannst Du beispielsweise durch Selbstentspannungstechniken wie dem Autogenen Training herbeiführen. Am besten erlernst Du solche Techniken in einem angeleiteten Kurs. Liebe Grüße und viel Erfolg für Dein Studium, Dr. Karin Anderson"

[TK]

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